
Verspielte Klarheit. München als Epizentrum der Erschaffung der Welt. Made In Munich.
In den letzten Jahren wurde ich oft gefragt, was, wenn es stimmt, dass München am Ende jedes Jahrzehnts »aufwacht«, und Münchner Produktionen internationale Strömungen auslösen, was wohl für das Ende der Nuller stehen wird?
München ist aufgrund seines Reichtums eine rezipierende Stadt, die einen vielseitigen Blick auf das Weltgeschehen, egal in welchem Bereich liefert. Kein Wunder, dass in München 1909 das erste Hochhaus Europas gebaut wurde, oder die erste Moderne Ausstellung 1910 auf der Wiesn stattfand. Moderne Ausstellung in dem Sinn, dass die Exponate aus ihrem Kontext ausgelöst in weiße Räume eingebettet wurden und dies als erste Form des White Cube, dem Ausstellungsmodus der Moderne gesehen werden kann. Verweisen wir auf Gruppen wie der Blaue Reiter oder die Münchner Sezession, sowie auf die Tatsache, dass nicht nur De Cirico sondern auch Duchamp mehrere stil prägende Jahre hier in München verweilte. Die Italienischen Plätze De Ciricos sind dem Münchner Hofgarten nachempfunden. Auch in den Nullern des anfänglichen 21. Jahrhunderts geschah einiges. Stefan Kalmár beteuerte nicht nur einmal das München eine der interessantesten Kunststädte Europas auf höchsten Niveau sei. »Unverändert sehe ich die Institutionen in München sehr stark« beteuert Ben Kaufmann. Die Liste der herausragenden Momente Münchner Kulturgeschichte ist auf allen kulturellen Gebieten, musikalisch, politisch/soziologisch etc. endlos. Die Räterepublik 1919 nach der einzigen Revolution Deutschlands im November 1918. Die Münchner Linie 6 Jahre vor den weltweiten Studentenprotesten in Folge der Münchner Studentenproteste von 1962. Eine Strategie, exekutive Gewalt durch Kommunikation zu ersetzen.
Kent State University Massacre/ National Guarde/ U.S.A.
»Ohio National Guard on Monday, May 4, 1970. The guardsmen fired 67 rounds over a period of 13 seconds, killing four students and wounding nine others, one of whom suffered permanent paralysis«
Die Münchner Gruppe als einzige wichtige Bewegung des deutschen Films nach dem zweiten Weltkrieg. Herzog, Fassbinder, Lemke, Wenders, Schmidt etc. Moroder, der in München europäische Disco erfindet. Dutzende internationale Stars, die in den Musicland Studios ihre größten Hits produzieren. Zu schweigen von den Wurzeln der Electrotrash/ Postdisco Bewegung, welche die letzten 10 Jahre Großstädte wie New York, London, Berlin und Paris stark beeinflusst. Viele der Protagonisten sind Münchner. DJ Hell, Gomma, DJ Mooner, Chicks on Speed, Florian Senfter, Zombie Nation, Dakar&Grinser, Disko B, DJ Upstart, Generation Aldi. Michael Reinboth mit seinem Compost Label, neben Gilles Peterson aus London auch einer der Verantwortlichen der Acid Jazz, Nu Soul Bewegung Ende der 80er Jahre. Ein Jahrzehnt vorher F.S.K. die Lieblingsband von John Peel, dem wichtigsten Disc Jockey Englands der späten 70er und 80er Jahre. Ganz zu schweigen von den Literaten, die in München lebten oder leben. München ist nach New York Verlagsstadt Nr. 2 weltweit. Meinungsmachende deutsche Jugendmagazine, wie die Twen und internationale Design Klassiker wie das erste Deutsche Lifestyle Magazin Elaste wurden hier in München produziert. Condé Nast und Burda. Die immense Menge an Kunstpublikationen die hier entstanden, konnten im Oktober 2008 in der Gruppenausstellung »Made In Munich« im Haus der Kunst betrachtet werden.
Auch die momentane Entwicklung in Berlin, ich spreche von der B-Prommi/ Schickeria Geilheit und deren mediale Umsetzung als kulturelle Entwicklung. In München bereits während der 80er Jahre ausgiebig abgefeiert, war diese Geilheit der Ursprung des »München ist oberflächlich« Vorurteils, welches deutschlandweit lustigerweise durch Münchner Medien-/ Filmemacher wie Helmut Dietl selbst erschaffen wurde.
Mir wurde also die letzten drei Jahre als München Protagonist der Endnuller von allen Seiten, Zeitungen, Radio, Fernsehen etc. die Frage gestellt was es nun sei, das hier entstanden ist. Was diesmal international das Weltgeschehen nachhaltig beeinflussen wird. Bisher entgegnete ich, dass dies vielleicht erst in 10 Jahren erkennbar sein wird. Jedoch stand ich vor ein paar Wochen in meinem Schlafzimmer, mir fiel folgendes auf:
1.In meinem leeren, antiken, dunkelbraunen Mahagonie – Bilderrahmen befand sich die Einladung zur momentanen Ayzit Bostan Ausstellung »All You Can See«. Eine klare minimalistische schwarz/weiß Fotografie, auf dünnem Papier von einer Frau mit schlichtem, aber gewellten Pagenschnitt, in einem typischen schwarzen Bostan Seiden/Ketten Oberteil, von hinten aufgenommen.
2.Daneben auf der hellbraunen Bauernkommode aus dem 19. Jahrhundert die Einladung zur Eröffnung von Sonja Junkers neuer Galerie, in der sie Terrakotta und Bronze Skulpturen von Brandt Junceau ausstellen wird. Die Einladung zeigt uns ebenfalls in schlichter, schwarz/weißer Gestaltung, eine wunderschöne, pangleiche, filigran anmutenden mythische Fabelwesen-Büsten. Familiär, versöhnlich grinst uns diese mit gütigen, aber abwesenden Augen ins Gesicht.
3.Auf meinem weiß bezogenen Doppelbett ohne Bettrahmen lag die Jubiläumsausgabe des Super Papers und daneben »Be Nice Share Everthing Have Fun« die Publikation des Münchner Kunstvereins.
4.Auf dem Sims meines zwei Meter hohen klassizistischen Spiegels, mit ebenfalls dunklem Holzrahmen ein regenbogenfarbener Druck von Jeremy Deller. Vor dem Bett ca. 20 Bücher, durcheinander auf dem Kirschholz Parkett. Weiße, leichte Vorhänge.
Ich erkenne eine seltsame Ähnlichkeit in all dem.
Klare Linien mit einer Art barocken Falte? Eine Form von verschnörkelter Klarheit? Detailverliebtheit, vielleicht ähnlich der Begrifflichkeit von Grazie nach Noverre, in der das Unbewusste oder das Abwesende erst die Schönheit erschafft? Trotz der Abstraktion? Das Unbewusste oder Abwesende in der Abstraktion? Eine kleine Gruppe von Freunden, gleich einer Familie die aufeinander Acht gibt, sich gegenseitig Respekt zollt und hilft, ähnliche Vorlieben und Geschmäcker teilt? Weit jenseits vom Kampf der Werke?
Ob dies die Antwort auf die Frage sein könnte, um was es in München gerade geht? Es wäre eine Anmaßung München zu definieren. Vielleicht entsteht aufgrund unserer Bedürfnisse aber eine Art Verspielte Klarheit. Eine Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Vertrauens untereinander mit einem wohl gesonnen, ironischen, jedoch warmherzigen Augenzwinkern. Ein Hauch Koketterie, trotz unseres Glaubens an die eigene Ehrlichkeit. Wir als Super Paper stellen diesen Gedanken der Verspielten Klarheit nun zur Disposition. Heft 5. Verspielte Klarheit. Komm Rüber Zieh Dich Aus Lach Dich Tot.
Text: Mirko Hecktor
