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NUEVO
Statt einfach da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben, halten wir einen Moment inne und horchen am Äther …
Dann beginnen wir das Jahr mit einem Blick auf den Status Quo von Pop und Freiheit in Zeiten des Spätkapitalismus. Das Wort zu 2012.
Wider die Macht der Gewohnheit.
Wer nur mitmacht, ändert nichts innerhalb unseres repräsentativen demokratischen Systems. Auf Revolution und Protest verzichten, bedeutet Korruption siegen zu lassen und dem Terror kleinbürgerlicher Intimität klein beigeben. Ein Symptom: Wir lassen unseren Kindern nicht das Programmieren in der Grundschule beibringen, sondern kaufen lieber von Sicherheitsfirmen, die sonst an Diktaturen verdienen, Überwachungssoftware zur Analyse des Surfverhaltens unseres Nachwuchses. So ist’s recht: Die Privatsphäre unserer Kinder beschneiden, statt sie mit notwendigen Wahrheitszumutungen und den Funktionen des globalen Wettbewerbs zu konfrontieren, die unser progressives Zeitalter der Informationen mit sich bringt. Ökoliberale Biedermeier schwelgen mit Neo-Konservativen in prachtvoller Akteursherrlichkeit, moralisieren in scheinheiliger Weise zu Disziplinarzwecken und scheren sich einen feuchten Dreck um kritische Einsichten in die paradoxe Denk-, Zahlen- und Warensysteme unserer feinsinnigen Gesellschaft.
Ja, es ist richtig, man kann nicht nur mosern. Man muss sein Geld verdienen. Aber nicht um hochtrabende Schulden anderer zu bezahlen, die weniger eine ganze Gesellschaft repräsentieren, welche über ihre Verhältnisse lebt, sondern unseren Sozialstaat diffamieren und damit das ökonomische Schuldenprinzip moralisch wenden. Noch schlimmer aber ist, dass das viele Arbeiten dazu führt, aus Zeitgründen und dem damit verbundenem Tunnelblick kaum noch unabhängige Entscheidungen zu treffen. Um sich der Aushöhlung seiner Privatsphäre zu erwehren, kann die Popkultur helfen, den alltäglichen Konsum als inspirierenden Themenrausch zu legitimieren und in kritischer Weise unbeachtete Details und Kleinigkeiten einer Daseinsberechtigung durch Anerkennung zuführen. Doch wir wissen: selbst explizit kritische Textwelten oder subversiv experimentelle Musik beeindrucken die echten Koordinaten der sozialen Wirklichkeit nur kaum.
In mein Tagebuch: Inmitten dieses verwirrenden Echoraums unzähliger Bild- und Begriffsreflexionen erleben wir aktuell eine nie gekannte Entmündigung des Okzidents. Und in diesem Getöse steht die dem künstlerischen Ausdruck innewohnende autoritäre Liberalität für meinungsstarke Individuen, die heute wirkungsmächtiger agieren müssen als Kafka es für den Sozialismus je gewesen ist. Wir wollen immer aus der Geschichte lernen. Nur um zu sehen, dass die Geschichte kein Werkzeugkasten und verblasst und vergangen ist. Die Unzuverlässigkeit der Erinnerung ist im Sinne von Fragmenten das dominierende Strukturmerkmal unserer Biographien seit jeher. So what? Lange Zeit war Pop für viele Menschen die leuchtende Alternative zum kleinbürgerlichen Terror einer vom Krieg umarmten Nachkriegsgeneration. Allein, der damit ästhetisch wie intellektuell verschwisterte amerikanische Traum gerät ins Wanken. Intensiv erforschen nun schon seit vielen Jahren alternative und vor allem melancholische Formen des Widerstandes die dunklen Seiten des amerikanischen Traums. Sie verweisen auf tiefergehende Fragestellungen, berichten von Arten des Einsamen und dem Anderssein: Marylin Manson, Amy Winehouse, Lady Gaga und Rammstein – gesampelte Fluchtpunkte der Pop-Historie, jeweils auf ihrem Niveau alles andere als bloß reaktiv reaktionär.
Psychologische Naturen reden zwar gerne einer rücksichtslosen Popkultur das Wort, indem sie fragen, welche Moral unserer Gesellschaft eingespeist werden kann. Und tatsächlich, es ist oftmals nicht einfach auszumachen, was nun inspirierende kulturelle Widerstandstrategie, was kommerzielles Kalkül oder einfach nur Dreck ist. Aber wie schon die Idee der Nächstenliebe, ist auch die Idee der Authentizität, allein für sich genommen, eine Lüge. Moral ist wie Pop, eine geschickte Selbstinszenierung mit identischen Exekutiven. Sich verstellen, Rollen spielen und sich anpassen. So ist das wahre Wesen unserer Spiegelexistenzen und im Allegorischen ist jedem sein Anderes von gleicher Daseinsberechtigung. Pop ist ein fortgesetztes Forschungsprojekt im Kapitalismus wie vieles andere. Die Frage, die bleibt, ist, ob man daran wächst. Man hat persönlichen Geschmack, wie eben auch Freunde, ja schließlich aus guten Gründen. Man sucht Anregungen, die einen herausfordern und man sucht Lehrer, die besser sind als man selbst. Das Netz spricht dabei seine eigene Sprache. Graswurzel-Aktivitäten wie Anonymos, Magda al-Mahdi, Kickstarter, die Piraten-Partei und die Occupy Wall Street-Bewegung sind alles Antworten auf die gemeinsam erlebten Sinnbilder des 21. Jahrhunderts: einstürzende Türme des World Trade Centers, Demonstrationen in Teheran, der arabische Frühling, havarierte Kernkraftwerke in Fukushima, die Finanzkrise – massig Text und Bild für gesellschaftliche Selbstbeschreibungsprozesse und aufgesattelte Illustrationen für das eigene Selbstverständnis. Das Bild ist heute größter Träger von Bedeutung; im Zusammenhang von Technik und Realitätsvermittlung darüber hinaus ist das Internet ein mächtiges Instrument zur Empathie. Zur selbstbewussten Aneignung von Themen, die eine innovativere Beteiligung der Bürger zur Folge haben. Was wäre, wenn die kommunikative Leistung von Pop diesen digitalen Kosmos verstärken würde? Als kulturelle Ressource die schmutzige und deshalb von uns geliebte analoge Welt in einen kritischen Resonanzkörper verwandelt, und Pop zu einem vielseitigen Seismograph mit ebenso vielseitigen Orientierungspunkten wird.
Ich würde sagen da geht noch was, oder?

T Martin Möller