YES WE CAN
Wir Kinder einer brutalen Modernisierung. Gute Nerven braucht es im Zeitalter des Narzissmus, der Ökonomisierung der Emotionen und den vielfältigen Selbstverwirklichungsoptionen. Grundschüler gehen bis zu neun Stunden pro Tag in die Schule. Freizeit ist Musikschule, Kunstschule oder Sportverein. Kinder werden trainiert zu insistieren und zu verhaltensoriginellen Individuen geformt. Spielende Kinder auf der Straße – ein Erziehungsproblem von sozial Schwachen? Immer mehr Mädchen an den Schulen, die schneller reifen, schneller erwachsen werden als Jungs. Doch en interessiert das alles? Funktionieren, das ist es, was zählt. Exponiert gilt das für all diejenigen, die die psychosoziale Belastung moderner Disziplinierung schon immer nur schwer ausgehalten haben. Aktuell ist ungefähr jeder zehnte Junge an deutschen Schulen derart verhaltensauffällig, dass er Ritalin bekommt. Anders gesagt: Es gibt festgelegte Verhaltensnormen, deren Nicht-Einhaltung zur Vergabe des Wirkstoffes Methylphenidat führen kann. Ein Wirkstoff, der die Konzentrationsfähigkeit sowie die emotionale Stabilität steigert.
Wer möchte, kann die gesellschaftliche Disziplinierung volkswirtschaftlich begründen. Der demographische Wandel zum Beispiel verweist auf eine immer kleiner werdende Arbeiterwelt, die das gesamtgesellschaftliche Kapital akkumulieren muss. Und dazu ist eine disziplinarische Therapeutisierung des menschlichen Gefühlslebens nun mal vonnöten . Was aber bleibt? Alte Glaubenssysteme, in denen von nachfolgenden Generationen erwartet wird, dass sie die Lebenswelten und Schöpfungen der Alten bejahen und deren gesellschaftliche Wohlfahrt weiter bezahlen. Und so gibt es immer weiter zu viele Augen, die nicht sehen und nicht verstehen, dass das Problem mit den nicht-funktionierenden Kindern im Vergleich zum alltäglichen Arbeitsplatz harmlos ist. Schüler von heute sollten sich auf einen alltäglichen wie deprimierenden Kulturkrieg zwischen Möchtegern-Erwachsenen einstellen, deren Scharmützel die Folge irrationaler Ängste oder, wenn man so will, verhaltensorigineller Freiheitskämpfe sind. Feministinnen, Konservative, Schwule, Scham und Stolz-Gefühle, Links, Rechts, das Kapital und die daran geknüpften Rechtsmitteln: alles unterschiedlichste Diskurse mit jeweils eigenen Nahkampfinstrumenten, deren Einsatz zu empfindlichen psychosozialen und psychosomatischen Belastungseffekten führen kann.
Ausbrennen er sogenannte Burn-Out, bezeugt Allerortens die Leistung, unsere unzähligen Defizitärzustände mit persönlichen Scheinideologien zu überlagern – aus mangelndem Respekt vor der Komplexität moderner Organisations- und Wissensstrukturen. Von Systemorientierung, Denken und Handeln in Zusammenhängen, dynamisch vernetzten Beziehungsmustern, wechselseitigen Abhängigkeiten und synergetischen Wirkprinzipien, hat man entweder noch nichts gehört oder begründet damit überfällige Machtstrukturen. Dabei gilt, dass wer die Regeln beachtet, vom System und nicht von Macht- und Befehlshierarchien geführt wird. Dazu bedarf es aber ein wenig Gefühl und sentimental wird’s leider oft erst dann , wenn steifleinene Organisationskulturen ihren Schäflein Angst einjagen.
Um diese wabernde Tristesse etwas aufzuweichen ein Vorschlag: etwas mehr liturgische Flexibilität hinsichtlich der Hingabe an unsere guten alltäglichen Glaubenssysteme. Die technologische Verfasstheit des kapitalistischen Arbeitslebens zwingt uns ja schon seit geraumer Zeit das anzuerkennen, was schon seit Anbeginn der Menschheit Fakt ist: all unsere biologischen und materiellen Beziehungen sind künstlich und technologisch manipuliert. Der Mensch war nie „natürlich“. Moralische und religiöse Systeme erzeugen kulturelle Sinnmuster des Lebens und Technologien optimieren die Lebensfunktion. Wie viele sich einer radikal posthumanen Lebensart, einem Leben in den Händen einer künstlichen, computergestützten Intelligenz anschließen, steht in den Sternen. Klar ist, dass es diese Orientierung im Sinne einer bio-politischen Emanzipation gibt und ihre Legitimation steigt. Nicht-materielle Güter und Werte wie die totale Selbstentfaltung, ökologisches Handeln und „Jugendlichkeit“ sowie „Schönheit“ sind die zukünftigen Treiber der künstlerischen, intellektuellen und ökonomischen Arbeit.
Um sich selbst an die Macht zu bringen, ist zu erkennen, dass Gott und das Kapital tot, die Gefühle der Menschen aber noch immer höchst lebendig sind. Hatten leise Signale des Spirituellen der Gefühlswelt im tosenden Röhren des Materiellen bisher kaum Chancen, gehört zu werden, sorgt die materielle Übersättigung für eine stärkere Nachfrage nach immateriellen und medizinischen Gütern, wie bspw. das Neuroenhancement. Deutlich wird das durch den Stellenwert der Wissensarbeit innerhalb unserer Informationsgesellschaft. Das Ankoppeln an größere Informationskomplexe dimensioniert die menschliche Identität und seinen Körper strukturell neu. Unsere Informationsökonomie wird in vielfältigen Vernetzungen anhand einer verstärkten technologischen Evolution über Steuerungscodes auf verschiedenen Ebenen Teil der technischen Manipulation werden. Das Spannungsfeld geht dabei von der Neurotechnologie (das innere Universum: das Gehirn), über die Gentechnologie (Aufbau des menschlichen Körpers samt Gehirn), hin zur Nanotechnologie (elementarer Aufbau materieller Objekte).
Weil das aber erst in ungefährer Zukunft stattfinden wird, wird die normierte Realität mit ihren anhaltenden Erschöpfungszuständen vorerst weitergehen. Und um die notwendige Wissensarbeit weiterhin zu bewältigen, das Abstraktionsvermögen und den gewissen Bildungsgrad zu erhalten, werden wir ebenso immer weiter unser biologisches Erbe mit den dazugehörigen Instinkt-Affekten zugunsten einer stetig effektiveren verwalteten Welt weiter optimieren. Das Ergebnis: Ein dauerhaftes „Yes we can!“ als einer der vielen Wege der Elendskompensation und wer sind wir dann, als das wir Erwachsene den Kindern von heute ihr Ritalin verbieten wollten?
T Martin Möller
