2019 ON 33

Raman Djafari


2019 ON 33

Altes Jahr, neue Liste – Ihr kennt das ja. Hier also eine Auswahl der zehn bemerkenswertesten Alben des Jahres 2019

JPEGMAFIA – „All My Heroes Are Cornballs“
Auf der Schwelle zum nächsten Jahrzehnt hat Rapper und Producer JPEGMAFIA, kurz Peggy, ein Album vorgelegt, das klingt als käme es bereits aus dem überübernächsten. Ein Durchlauf von „All My Heroes Are Cornballs“ lässt uns zurück, wie die Kugel, die nach dem Multiball noch im Flipper-Kasten übrig bleibt. Oder, wie die letzten Zusammengerotteten auf einer von Orkanen, Fluten, Düren und Bränden zerpflückten Erde. Aber lassen wir das. Peggy arbeitet gern konzeptuell. Auf seinem neuen Album orientiert er sich dabei, anders als beim vorherigen „Veteran“, nicht am Punk der 80er sondern am R&B und Pop der frühen 2000er. Trotz neu entdeckter Leichtigkeit bleibt „All My Heroes Are Cornballs” abstrakt und anarchisch und wechselt in Beats und Flows unablässig Klang, Schlagrichtung und Tempo. Dazu gibt es Zitate von Atari Teenage Riot bis TLC und sarkastische Texte direkt aus der Internet-Slang-Hölle.

Innere Tueren – „Innere Tueren“
Ergin Erteber ist mit gestalterischen und fotografischen Arbeiten beim Darmstädter Kunst- und Club- Projekt Galerie Kurzweil aktiv. 2019 hat er überdies sein selbstbetiteltes Debüt als Innere Tueren beim Leipziger Label Kann veröffentlicht. Nach einer 5-jährigen Phase des Experimentierens will er das Album als Aufbruch und gleichzeitig Befreiung vom Dogma des meist auf Funktionalität reduzierten Anspruchs in der elektronischen Musik verstanden wissen. Erteber schreibt auch tatsächliche keine schematischen Songs, sondern entwickelt anhand von Bildern sphärische Aphorismen, denen eine im Genre selten gehörte fragile Euphorie innewohnt.

Fontaines D.C. – „Dogrel“
Post Punk war wohl eines der überstrapaziertesten Label der 2010er. Gerne geklebt – auf vieles. Dazu gab und gibt es aber weiterhin Bands, die den Begründer*innen des Genres, wie The Fall, The Raincoasts oder Gang of Four, in ihrer unterkühlten Wucht und treibenden Geradlinigkeit sehr nahe sind. Eine davon sind Fontaines D.C. aus Dublin, die 2019 ihr großartiges Debüt „Dogrel“ vorgelegt haben. Mit vertrautem und doch neuem Sound und zynischen Texten bauen sie der Working Class einen Thron und treffen einen Nerv im immer noch Prä-Brexit Europa.

Hprizm – „Blue Nile“
Als Teil des New Yorker Anti-Pop Consortium war der MC High Priest einer derer, die Anfang des Jahrtausends eine neue, stark elektronisch inspirierte Spielart des Hip-Hop geprägt haben. Diesen Weg setzte er auch Solo als Hprizm fort und produzierte futuristischen Hip-Hop aber auch nuancierten Techno und Drum&Bass. Auf seinem neuen Album „Blue Nile“ setzt er all das wieder zu unglaublich guten und abwechslungsreichen Beats zusammen. Satte Bässe, elektronische Bleeps und Samples aus Jazz, Blues und Weltmusik entwickeln einen extremen Sog und bleiben dennoch stets dezent im Hintergrund.

A.A. Bondy – „Enderness“
Augeste Arthur Bóndy’s 2019 erschienenes Album „Enderness“ war sein erstes nach einer achtjährigen Schaffenspause. In dieser Zeit hat der Songwriter aus Louisiana, der zuvor auch mal mit Bob Dylan verglichen wurde, seinen Sound neu erfunden. Die einstigen Folk-Songs sind schwerelosen Ambient-Skizzen gewichen. Filigrane Beats, minimale Electronica und hallige Phrasierungen schaffen eine eigentümliche Sanftheit, der man sich nur schwer zu entziehen kann.

Holly Herndon – „PROTO“
Holly Herndon hat gemeinsam mit ihrem Mann, dem Medienkünstler Mat Dryhurst, und dem Programmierer Jules LaPlace eine Künstliche Intelligenz entwickelt und trainiert. Sie kochten, sangen und diskutierten mit der „Spawn“ getauften KI und gaben ihr Anschauungsunterricht in menschlichem Verhalten. Besonders sollte sie lernen, unbekannte Geräusche zu identifizieren und zu interpretieren, um schließlich bei den Proben mit Herndon’s Chor eigene Impulse einzubringen. Ein spannendes Experiment, aus dem Herndon mit „PROTO“ auch musikalisch Beachtliches extrahiert hat. Die Bandbreite reicht von holprigen Breakbeats und barockem Synthie-Pop bis zu folkloristischen Chorgesangsformen, ohne dass es den komplexen Songs an eingängigen Pop-Momenten fehlen würde.

Hanne Hukkelberg – „Birthmark“
Mit ihrem mittlerweile sechsten Album „Birthmark“ entführt uns die Norwegerin Hanne Hukkelberg einmal mehr in flauschige Traumwelten. Auf einem Rhythmusteppich aus Percussions und Field-Recordings verwebt sie Soul, R&B und Drum&Bass mit minimalistischem Klavier-Pop. Mit faszinierend klarer Stimme verhandelt sie dazu durchaus große Themen und passt sich dennoch zauberhaft in die grandiose Leichtigkeit der Songs ein.

OMMA – „1905“
Das Pariser Label Antinote präsentiert seit seiner Gründung 2012 immer wieder großartige Künstlerinnen und Künstler mit sehr eigenständigen und schwer einzuordnenden Sound-Entwürfen. Neben Céline Gillain, D.K. oder Domenique Dumont zählt dazu auch die russische Produzentin Olga Maximova, aka OMMA, deren Debüt im November 2019 erschienen ist. „1905“ ist nicht als Album konzipiert sondern sammelt Songs der letzten Jahre, die irgendwo zwischen Ambient, New Wave und Electronica changieren. Warme DIY-Synthis und einfache aber wirkungsvolle Clubbeats tauchen „1905“ in ein wohlig ätherisches und doch forderndes Dämmerlicht.

RAP – „Export“
Mit viel Pop-Sensibilität und der spielerischen Energie des britischen Rave und DIY kreiert das Duo RAP auf ihrem zweiten Album „Export“ einen verführerischen Hybriden aus New Wave und Techno. Die beiden Briten schaffen einen vielschichtigen, klaren Sound, der wohl für Kopfhörer konzipiert ist. Unter denen fügen sich klirrende Großstadt-Recordings, warme Ambient-Texturen, betörender Free-Folk und brachiale Gabber-Beats sicher zu einem sehr viel größerem Ganzen zusammen.

Tyler, the Creator – „IGOR“
Tyler, the Creator hat 2019 sein fünftes Album „IGOR“ veröffentlicht. Darauf entfernt er sich weiter vom misogynen Krawallmacher vergangener Tage und setzt neben sexueller Orientierungslosigkeit und Gender Fluidity auf den wirklich heißen Scheiß des Jahres: Großbuchstaben. Auch sonst hat Tyler auf „IGOR“ mal wieder ALLES, richtig gemacht und definiert mit durchgeknalltem Funk, schwerem Dubstep und astralen Synthis einmal mehr den Hip-Hop der Gegenwart und Zukunft.

T: Andreas Schmidt
Art: Raman Djafari