66. FILMKUNSTWOCHEN MÜNCHEN

Filmkunstwochen


66. FILMKUNSTWOCHEN MÜNCHEN – bis. 15.08.

Erneut reihen sich im Sommer in der Isarmetropole zwei Filmfeste aneinander, deren Duktus in der Programmgestaltung nicht heterogener sein könnten:

Wo das 36. Filmfest möglichst Weltstars über den roten Teppich schleusen, künftig um einige Millionen das Budget weiter aufstocken und die Technik ausweiten möchte, so haben die Filmkunstwochen hauptsächlich Arthouse-Streifen, von Beginn des vergangenen Jahrhunderts bis heute, im Gepäck und stützen sich auf die eigenständigen Kuratoren der unabhängigen Kinos.
Eingangs zu erwähnen, dass gerade die üppige, diverse Bandbreite an cineastischer Unterhaltung sich eher gegenseitig ergänzt, anstatt Konkurrenzverhalten zu schüren, scheint mittlerweile nötig. Der Ministerpräsident Bayerns hält es wohl für denkbar, dass man das Filmfest durch Bezuschussung möglichst wettbewerbsfähig mit der Berlinale gestalten kann, indem man es wie den Fußball behandelt, „bei dem man schließlich auch Tore kaufen kann!“
Die versierte Filmfestchefin Diana Iljine erkennt den Vorsprung Münchnens hauptsächlich in den vielen Produktionsfirmen sowie Unternehmen, die sich auf digitale Effekte, Animation und Virtual Reality spezialisieren, und möchte Technik und TV-Serien in Zukunft stärker vertreten sehen – ohne den klassischen Film und das Weltkino als Kern der Veranstaltung zu vernachlässigen. «Wir vergleichen uns nicht mit der Berlinale; dass unser Ministerpräsident die Sache mit Berlin sehr sportlich sieht, kommt uns zugute», zitiert der stern die charismatische Diana Iljine.
Ein buntes, vielgesichtiges Resümee des diesjährigen Festes, das 1983 vom Regisseur Eberhard Hauff ins Leben gerufen wurde, und heuer am 7. Juli zu Ende ging, spiegeln die Preisverleihungen in verschiedensten Kategorien. Mit dem ARRI/Osram Award wurde der japanische Film „Shoplifters“ von Hirokazu Kore-eda prämiert, in dem sich die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft neu interpretiert und ihre Funktionen aufbricht, ohne Moralvorstellungen außer Acht zu lassen.
Der CineVision Award geht an den skandinavischen Gewinnerfilm des Cannes’schen Prix Un Certain Regard „Border“, der an der Ländergrenze auch die Limitierungen menschlicher Artgenossen verschmelzen lässt und die olfaktorische Wahrnehmung zum primären Sensor macht.
Den Publikumspreis nimmt für den politischen Heimatfilm „Wackersdorf“ Oliver Haffner mit nach Hause. Es mag die passende Resonanz auf die derzeitige Gepflogenheiten der Landesregierung sein, dass bereits bei der Premiere ein Film umjubelt wird, in dem CSU-Politiker als Bösewichte dastehen. Mit originalem Bildmaterial und exakter Atmosphäre rekonstruiert „Wackersdorf“ subtil humorvoll den Diskurs um die atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA). Die damalige Regierung unter Franz Josef Strauß hat nicht mit dem vehementen Widerstand der Oberpfälzer gerechnet, als sie das megalomane Projekt in der strukturärmsten Region Bayerns realisieren wollte.
Lautstark kommentiert das Publikum mit dem beliebten Preis nicht nur die derzeitige Verwirrung, die die bayrische Regierung zu stiften sich angewöhnt hat, als auch die Großspurigkeit hinsichtlich des Filmfestes selbst.
David Steinitz (SZ) exponiert in wunderbarer Weise, dass in München wohl kein Weltstar von Rang und Namen erwartete, „Die Goldene Weißwurst“ verliehen zu bekommen, und das Filmfest zudem ein klassisches Auslese-Festival sei, „das die besten Filme aus Cannes, Toronto, Venedig, Berlin etc. an die Isar holt, damit das Münchner Publikum sie sehen kann. Das ist gut für die Zuschauer, reicht aber nicht aus, um zu den Großen aufzuschließen. Respekt genießt das Filmfest vor allem für seine Reihe Neues Deutsches Kino, die zumindest national zum Besten gehört, was man im deutschen Festivalbetrieb bekommen kann. Söder habe während des Filmfestes ja zehn Tage Zeit gehabt, sich unter den gut 200 Filmen des diesjährigen Programms fortzubilden, das neben dem üblichen Füllmaterial natürlich auch wieder ein paar Highlights bietet.
Da gäbe es zum Beispiel ebenjenen Spielfilm “Wackersdorf” über die Anti-AKW-Proteste der Achtziger, in dem die CSU als mafiöse Intrigantenbande dargestellt wird. Oder den Thriller “First Reformed”, in dem ein Pfarrer feststellt, dass es sich unter dem Joch des Kreuzes nicht gut arbeitet. Und natürlich jede Menge Filme, die von den dramatischen Ursachen dessen erzählen, was Söder mit einer AfD-Floskel als “Asyltourismus” bezeichnet.“
Die 66. Filmkunstwochen München hingegen wurden am 25. Juli sehr leger im Neuen Maxim eröffnet; im familiären Rahmen luden die Organisatoren Dunja Bialas und Ludwig Sporrer ihre Freunde und Förderer des teilnehmenden Kino ein, man trank gepflegt gemeinsam Isarkindl und snackte im Foyer Mozzarella und eingelegte Tomaten von Zahnstochern.
In München bestehen nach wie vor mehr als ein Dutzend privat geführter Arthouse-Kinos, die sich bisweilen in dritter oder gar vierter Generation im Familienbetrieb befinden; jene befreundete Mit-Kuratoren stammen also aus dem ABC Kino, den City Kinos, dem Museum Lichtspiele, dem Neues Maxim, dem Neuen Rex, dem Neuen Rottmann, sowie dem Rio Filmpalast, Studio Isabella, Theatiner Filmkunst und Filmeck Gräfelfing.
„Kultur für alle!“, lautet die Devise und führt in ihrem Programm eine Reihe Filmstoff von Ingmar Bergman, zu dessen 100. Geburtstag, eine Serie vom Dokumentar- und Spielfilmmacher Wim Wenders, aber auch Klassiker auf 35mm von Cocteau, Godard, Visconti, Fellini und Pasolini. Die 66. Filmkunstwochen zeigen ebenso viele Filme, die auch auf dem Filmfest vertreten waren: Den Eröffnungsfilm „Mackie Messer – Brechtes Dreigroschenfilm“, Jakob Lass’ „Sowas von da“, aber auch Verzahn Özpeteks „Napoli Velata“ und den derzeit erfolgreichsten spanischen Film „Wir sind Champions“ von Javier Fesser.
Eröffnet wurde mit dem HFF-Kurzfilm „Find Fix Finish“, sowie Gus Van Sant neuer Biographie „Don’t worry, he won’t get far on foot“, die das Leben des querschnittsgelähmten Karikaturisten John Callahan in den Mittelpunkt stellt. Callahan war dafür bekannt, in seinem Werk auf häufig makabere Art und Weise Behinderungen, Alkoholismus und körperliche Unzulänglichkeiten zu verarbeiten, und zitiert im Film allerhand Lebensweisheiten.
Es stünde einem auch ob der öffentlichen politischen Diskussion in München gut, sich regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen: Jeder Tag ist in gewisser Weise ein Kampf gegen die inneren Dämonen, und wenn es hochwertige Kultur, filmische Parallelwelten und befreiendes Gelächter nicht gäbe, wäre dieses Schlachtfeld ziemlich scheiße.

Text: Sonja Steppan

WANN: 25. Juli – 15. August 2018
WEB: filmkunstwochen-muenchen.de