8 JAHRE SUPERPAPER

8 Jahre Superpaper


8 JAHRE SUPERPAPER – Sa. 30.09.

8 Jahre Superpaper und 3 Jahre 1Page Gallery sind, ohne Zweifel, die beste Gelegenheit, den ehemaligen Hochbunker am Viktualienmarkt mit einer Horde Freunde und Freundesfreunde zu füllen und die Jungs von Sucuk&Bratwurst um eine limitierte T-Shirt-Edition zu bitten.

Vergangenen Herbst ließ ich mich von meiner Wiesn-Überdrüssigkeit dazu hinreißen, fluchtartig die Stadt zu verlassen, packte ein paar transportable Habseligkeiten auf meinen Gepäckträger und radelte nach Berlin. Auf der Strecke im Tenneloher Forst, einem großflächigen Naturschutzgebiet hinter Nürnberg, verließ mich kurzfristig der Mut, denn es regnete wie bescheuert und meine Brille beschlug ohne Unterlass, außerdem fuhr ich versehentlich im Kreis. Nass, wütend und orientierungslos saß ich zwischen seltenen Farnen und Nadelbäumen. Auf meinem Bench-Turnbeutel stand in weißen Lettern «1 P.A.G.E. – THE MOST DANGEROUS GALLERY IN THE WORLD», deswegen beschloss ich irgendwann, dass ich weiterradeln sollte, erreichte vier Tage später die Hauptstadt und gab furchtbar damit an, dass ich allen Widrigkeiten getrotzt und den Sportrucksack so weit befördert hatte.

Die First Page Gallery wandert mit Werken aus Fotografie, Malerei, Bildhauerei, Videokunst, Grafik und Streetart seit drei Jahren durch verschiedene Off-Spaces in München und feiert mehrmals im Jahr wilde Parties rund um national wie international Aufsehen erregende Künstler, geistreiche Querulanten und Schöpfer neuer Ideen. Sie verkörpert die mobile Collage, das lebensbejahende Flanieren durch brach liegende Räume und eine gewisse Jack Kerouac‘sche Denke: “Ah, life is a gate, a way, a path to Paradise anyway, why not live for fun and joy and love or some sort of girl by a fireside, why not go to your desire and LAUGH…”
Als Printformat weniger vergänglich als eine furiose Vernissage gestaltet sich das Superpaper, das ihre Zielgruppe als eine „gebildete, stilsichere und moderne Leserschaft“ definiert, und nicht ohne Grund eng mit der Münchner Kunst- und Kulturszene verwoben ist. Mittlerweile inkludiert es das Heft im Heft „Village Voice“, bespielt monatlich die Goldene Bar mit einem feudalen Lesezirkel und hat ihre Redaktion letzten Dezember vom Küchentisch kurzerhand ins HipHop-Deli Bikini Mitte verlagert. Das Superpaper lebt vom Enthusiasmus der Redakteure, von der Getriebenheit der unermüdlichen Herausgeber, von der freundschaftlichen Verbundenheit mit kulturellen Instanzen, lokalen Klubs und Agenturen sowie der Vielzahl an Läden, die die 15.000 Exemplare monatlich an den Leser bringen. Es ist ein Blatt voller Poesie, Hektik, Relevanz und Komik, und niemals redundant.

8 Jahre Superpaper und 3 Jahre 1Page Gallery sind, ohne Zweifel, die beste Gelegenheit, den ehemaligen Hochbunker am Viktualienmarkt mit einer Horde Freunde und Freundesfreunde zu füllen und die Jungs von Sucuk&Bratwurst um eine limitierte T-Shirt-Edition zu bitten. Klaus St. Rainer stellt in Kollaboration mit Bulleit Bourbon den schnellsten 250 Gästen einen eleganten Drink an den Tresen. Zudem bot es sich an, abgesehen von meiner Fahrradtour-Anekdote, die Erinnerungen einiger Protagonisten zu Papier zu bringen, bitte sehr:

Das superste Paper-Erlebnis waren wohl die „24 Stunden durch München Kill the Tills“-Ausgabe, die Milen und ich in Zusammenarbeit mit Lukas Kubina und Hubertus Becker produziert haben. Das First Page Gallery-Event ist eine der wenigen Veranstaltungen in München, bei dem Künstler, Veranstalter, Team und Gäste richtig gut zusammenpassen. Das sorgt für eine tolle Stimmung. Habe und hatte immer ein große Vorfreude darauf. Leider hat Marc Deininger in der Aufbauphase wenig
Zeit für ein Backgammon-Spiel. That sucks! (Amedée Till) Das Paper kenne ich schon, als es ein Tütchen mit Flyern war. Beim ersten unserer gemeinsamen Zwischennutzungen, dem „Horses, Cars & Stars“ 2009, konnte ich der Entstehung beiwohnen: Hubi flatterte wochenlang durch das Haus, aufgeregt darüber, wen er schon alles mit im Boot hatte und über das Newspaper-Format. Schließlich präsentierte er das Ding – ein Magazin, das sich von der ersten Ausgabe an jenseits von Münchens typischer „Bravtümelei“ bewegte. Mit Borsches unverfrorenen grafischen Aussetzern, gepaart mit den progressiven Pamphleten der Autoren – in der Mehrzahl Macher mit eigenen mehr oder weniger bekannten Projekten – trifft das Blatt von der ersten Ausgabe bis zur heutigen einen Nerv, ohne jemals an Glut eingebüßt zu haben.

Das Paper war nie ein Stadtmagazin, sondern immer ein Statement. „I can‘t sleep cause my bed is on fire“ – der Titel meiner persönlichen Lieblingsausgabe entstand während der gemeisamen Zwischennutzung „Art Babel“. Sie gab ziemlich genau den Zustand wider, in dem wir als Team unsere Projekte auf die Beine stellten. – Gleich dazu wurde die Antwort den hassliebenden Anwohnern in den Mund gelegt: WILLKOMMEN IM VIERTEL IHR ARSCHLÖCHER. Auf, auf die nächsten acht Jahre mit mindestens so vielen Zündfunken! (Zehra Spindler)

Was soll ich groß schreiben, wie super ich das finde, wie schön das ist, daß ich FAN bin, daß Superpaper den Menschen Freude macht, ich weiß nicht, außer Loben fällt mir gar nichts ein. (Martin Fengel)

Die beste Erinnerung ist sicherlich meine erste „Ausser Mützen und cool sein“-Ausstellung im Registraturkeller. Das war für mich und alle Künstler ein Riesending und bin Hubi und Marc immer noch sehr dankbar dafür, das dort machen zu können. Im Laufe der Zeit hat sich da auch sowas wie eine Freundschaft entwickelt und das freut mich eigentlich noch mehr und freue mich auch auf die kommenden Jahre und wieder dabei sein zu dürfen, in welcher Form auch immer. (Michael „Mixen“ Wiethaus)

Am schönsten ist, dass ich in Hubi und Mirko gute Freunde gefunden habe. Als ich nach München kam vor Jahren, fiel mir das Superpaper in die Hand und ich war glücklich zu wissen, dass es hier scheinbar großartige kreative Menschen gibt – außerdem war es das Shooting für das Fashion Issue No.2, das mich und mein Label Form of Interest in den Kreis der Modeschaffenden aufgenommen hat. Die First Page Gallery machte mich zum Teil einer neuen Crew in München und ließ mich großartige Menschen kennenlernen. Mein Film „Human ready made“ wurde dort vor 2 Jahren präsentiert – nun wird er auf dem Mailänder Fashion Film Festival gezeigt. (Jessica Dettinger)

Als mich Tobias Staab vor acht Jahren darauf angesprochen hat, ob ich Interesse hätte, freie Ar-tikel, also frei im Sinne von, keine Zensur sowie keinerlei journalistische Dogmen, für ein neues Stadtmagazin zu schreiben, war ich von der Möglichkeit, die diese Idee geboten hat, sofort be-geistert. Das Schöne heute ist, dass diese Begeisterung immer noch vorhanden ist – immer weiter gewachsen ist. Da die Menschen, die hinter dem Blatt stehen, nie der Versuchung erlegen sind, auf die nächstbeste Rampensau zu setzen. (Andreas Hünnekes)

Am meisten freue ich mich darüber, dass die Künstler der 1Page Gallery wirklich viel bei uns verkaufen und 100% des Erlöses ohne gallery fee an sie geht! Das ist der Kern unseres Konzepts. Und natürlich darüber, dass sich die 1Page als sehr guter meet and greet spot entwickelt hat! (Marc Deininger)

Als wir im Sommer 2015 den easy!upstream Ausstellungsraum renovierten, haben wir alle Fens-ter mit Superpaper tapeziert. (Susi Gelb)

Spontan fällt mir die Sonderausgabe mit Amédée und Milen Till ein, Mai 2015, 24 Stunden durch die Stadt mäandert. Dann natürlich die schöne Zusammenarbeit mit Village Voice als Heft im Heft, besonders die Fotolovestory und das Sonderheft “MVMENT – Speed as Habitat” (Au-gust), das auch als Katalog für eine Videoinstallation in der Villa Stuck diente. Last but not least hoffe ich natürlich, im Sinne vom Isarindianer Willy Michl, dass wir noch viele Sommer dieses Heft machen und München sein Interesse nicht an diese kreativen Wundertüte verliert. (Lukas Kubina)

Text: Sonja Steppan

WANN: Samstag, 30. September ab 19 Uhr
WO: Architekturgalerie im Hochbunker, Blumenstraße 22 // Schrannenhalle/Viktualienmarkt