ABBAS AKHAVAN INTERVIEW & KATALOG

Abbas Akhavan


ABBAS AKHAVAN INTERVIEW & KATALOG

Im August habt ihr noch die Chance im Museum Villa Stuck die erste Einzelausstellung des kanadischen Künstlers Abbas Akhavan in Deutschland zu sehen. Wir haben ihn natürlich interviewt für euch und ab Mitte August kommt ihr auch in den Genuss des zur Ausstellung erscheinenden Kataloges!

Installative Eingriffe zwischen Zerstörung und Bewahrung, Ausgrenzung und Offenheit. Der 1977 in Teheran geborene Abbas Akhavan zählt zu den aufstrebenden Künstlern in Kanada. In oft ortsspezifischen und vergänglichen Arbeiten reflektiert er mit poetischen Gesten gesellschaftliche Themen und untersucht das Museum als Ort einer spezifischen Funktionsweise. In der Villa Stuck zeigt der 1977 in Teheran geborene Akhavan seine erste große Einzelausstellung mit älteren Arbeiten und speziell für die Show entstandenen Werken.
Super Paper: Du arbeitest oft ortsspezifisch und auch in der Villa Stuck sind viele Teile der Ausstellung an den Ort gebunden. Was hat Dich an den Räumen der Villa Stuck fasziniert?
Abbas Akhavan: Mein Umgang mit der Architektur ist geprägt durch die körperliche Erfahrung, instinktiv oder intuitiv. Es ist nicht viel im Voraus geplant. Ein Teil der Faszination an diesem Museum ist natürlich seine Geschichte als Künstlerhaus. Die Räume wurden buchstäblich als Ateliers genutzt. Aber es gab in meiner Verhandlung mit dem Ort keine offensichtlichen, direkten Aspekte, die mich beeinflusst haben. Was ich spannend fand, waren die Spuren der vorherigen Ausstellung, die Bohrlöcher sowie die Fenster. Die Flexibilität der Kuratorin Verena Hein und auch ihr Verständnis für meine Arbeit haben mir sehr dabei geholfen, mich auf die Architektur einzulassen.

SP: Du hast die Räume geöffnet, Türen und Fenster lassen Licht und Luft in das Museum. Die Besucher haben Zugang zum Balkon. Ist das Teil Deiner Strategie, das Konzept einer Ausstellungsfläche selbst zu reflektieren?
AA: Ich glaube, es ist wirklich das erste Mal, dass Besucher Zugang zu dem schönen Balkon haben. Ich stelle zwar in der Regel in nicht-konventionellen Räumen aus, habe aber schon Ausstellungen in Museen gemacht. Ich denke, für uns als Kreaturen aus Luft und Wasser ist es wirklich schön, in einem Museum zu sein, das atmet. Bei der letzten Ausstellung in diesem Haus, an der ich teilgenommen habe, wurde meine Arbeit in einem geschlossenen Raum gezeigt. Damals ließ mich die Kuratorin die kleinen Fenster öffnen. Ich denke, das ist in dieser Ausstellung der gleiche Spirit. In meiner künstlerischen Praxis öffne ich oft Fenster und schaffe Zugänge zu vorher nicht erreichbaren Orten, die Tageslicht bieten. In diesem Fall war ich natürlich glücklich, da es in dieser Ausstellung auch um eine Reflektion der Funktion eines Museums geht. Ich stelle diese Funktionen in Frage und mache es zugleich angenehmer für die Besucher. Das ist ein wesentlicher Aspekt für die Präsentation der Arbeiten ebenso wie die Arbeiten im Zusammenhang mit der Architektur interagieren und kommunizieren.

SP: Du sprachst von Kreaturen aus Luft und Wasser. Du verwendest in der Ausstellung daneben Feuer, mit dem Du auf den Wänden und Decken zeichnest.
AA: Es ist im Grunde eine Simulation von Feuer. Es ist eigentlich die gleiche Farbe, mit der man Wände bemalen würde, eine Acrylfarbe auf Wasserbasis. Wir verwenden eine Technik, die ein Maler, mit dem ich zusammenarbeite, entwickelt hat. Eine spezielle Form, Farbe auf Oberflächen aufzutragen. Aber wir haben auch wirkliches Feuer genutzt. Als wir mit dem Aufbau angefangen haben, habe ich Salbei geräuchert, um den Ort zu reinigen.

SP: Erde und Wasser sind ebenfalls Bestandteil der gezeigten Arbeiten. Und der Wind kommt durch die geöffneten Fenster.Du integrierst diese elementaren Aspekte.
AA: Es ist interessant, ich habe gesehen, dass Symbole der vier Elemente auch auf der Fassade des Ateliergebäudes der Villa Stuck angebracht sind. Ich kann nicht sagen, ob es für mich strategisch war, oder ob es sich organisch so ergeben hat, die vier Elemente in die Ausstellung zu integrieren. Es gibt keine konkrete Erklärung dafür, diese Elemente zu nutzen. Sie sind einfach wesentliche Bestandteile für uns als lebendige Kreaturen. Es hat sich schrittweise für mich als sinnvoll erwiesen. Einige Arbeiten in der Ausstellung waren gesetzt, einige kamen später hinzu. Die letzte Arbeit, die in die Ausstellung aufgenommen wurde, ist gleichzeitig die größte, die Lamassu Krallen. Ich erinnere mich ich, dass ich Verena Hein schrieb: Ich weiß, es ist nur noch ein Monat bis zur Eröffnung, aber ich habe eine Arbeit, die ich unbedingt zeigen möchte. Ich war besorgt, da es eine wirklich große Skulptur ist und ich nicht wusste, ob wir das hinbekommen würden. Die Skulptur besteht aus sechs Tonnen Erde. Als ich der Kuratorin von meinem Plan schrieb, antwortete sie, dass das nun die Erde sei, das Element das noch fehlte. Die Elemente haben sich synchronisiert, das war so nicht geplant.

SP: Die Ausstellung ist durch Spannungen geprägt. Auf der einen Seite öffnest Du den Ort, auf der anderen Seite blockierst Du den Eingang mit einer Gartenhecke. Es ist fast, als ob das Museum umfunktioniert wurde.
AA: Normalerweise ist der Eingang eines Museums sehr breit, aber wenn man einmal drin ist, sind die Räume ziemlich eng. Meine Idee war es, dies ein wenig umzukehren. Man weiß nicht genau, was man betritt, worauf man sich einlässt, aber sobald man den Ort betreten hat, kann man sich sicher fühlen und hat Raum zu atmen. Man übertritt eine Schwelle und nimmt den Raum für sich ein. Und es gibt zwischen den gezeigten Arbeiten Spannungen und vielleicht widersprüchliche Konnotationen. Aber es soll nicht destruktiv sein. Erde zum Beispiel ist sehr regenerativ, sie hat das Potential in der Landwirtschaft genutzt zu werden. Aus sechs Tonnen Erde kann sehr viel wachsen.

SP: Du zeigst aber auch Schnittblumen, die nicht mehr lange blühen werden, im Grunde eigentlich schon tot sind.
AA: Aber sie sind in einem Kühlschrank, das wird ihr Leben verlängern. Das ist der Vanitas-Aspekt der Ausstellung. Und der Kühlschrank wirkt fast wie ein kleines Museum für sich und wie ein Fenster in dem dunklen Raum, in dem er präsentiert wird. Der Kühlschrank ist wie ein zusätzliches Fenster in der Ausstellung. Ich sehe diesen Raum als ein schönes Bildfeld. Der Kühlschrank ist der einzige temperaturgesteuerte Ort im Museum, normalerweise werden alle Räume klimatisiert. Ich mag es, wenn Menschen sich ihrer Körperlichkeit bewusst werden, wenn ihnen heiß ist oder sie bewusst Schwellen übertreten müssen.
Die Löcher in den Wänden sind Überbleibsel der letzten Ausstellung. Du hast sie so gelassen, wie sie sind und in Deine Ausstellung integriert. Man könnte sie aber auch für Einschusslöcher halten.
Mir gefielen die Muster, die sie auf den Wänden ergeben. Ich weiß, dass man die Assoziation mit den Einschusslöchern haben kann, aber das war mir nicht wichtig. Ich fand es interessant zu sehen, wie ein Museum für jede Ausstellung neu hergerichtet wird und eine neue Form einnimmt. Wenn ich die Fenster für etwas Zukünftiges öffne, dann behalte ich auch etwas aus der Vergangenheit. Das erweitert die Zeitlichkeit des Raumes, das Museum wird für meine Ausstellung nicht neutralisiert. Ich mag diese Rückstände. Vielleicht ist es wie bei einem Teig, in den man Löcher sticht, damit er atmen und aufgehen kann. Die Löcher sehen möglicherweise wie Einschüsse aus, aber ich finde sie erfrischend in ihrer randomisierten Reihenfolge.

SP: Es gibt andere Arbeiten, in denen man Konnotationen von Aggression lesen kann. Das UNESCO-Schild, das Du auf einer Terrasse platzierst, wird normalerweise in Konflikten und im Katastrophenfall benutzt, um schützenswerte Kulturstätten zu markieren. Sandsäcke finden in Schützengräben Verwendung. Du zeigst Speere und Metallkonstruktionen, die in den Ausstellungsraum stechen.
AA: Alles hat das Potenzial, umgewidmet werden. Da ist mehr als nur Aggression. Die Löwenkrallen zum Beispiel sind nur Erde. Es ist ein Feld für Potenzial. Die Bronze-Speere sind Gartenzäune, die verwendet werden könnten, um einen Raum zu schützen, anstatt jemanden anzugreifen. Es ist keine Dualität oder Binarität, daran bin ich nicht interessiert. Ich genieße auch die ästhetischen Aspekte der einzelnen Arbeiten. Die Möglichkeit für deren unterschiedliche Qualitäten interessieren mich, sie können ästhetisch sein, dringlich, sie sind regenerativ und möglicherweise poetisch. Im Fall des Blauen Schildes mag ich das Mimetische, ich interessiere mich daneben sehr für Malerei und Abstraktion. Es ist eine universelle Sprache. Mir geht es darum, Objekten Empfindungsvermögen zu verleihen. Der Zaun, der in der Regel Eigentum schützt, schützt sich nun selbst. Man spürt eine Verletzlichkeit, nicht Aggression. Das Ziel ist es, Empfindungsvermögen zu schaffen.

SP: Wie würdest Du diese Ausstellung in Deiner künstlerischen Praxis verorten?
AA: Es ist die Verdichtung eines Momentes und die Verbindung unterschiedlicher Arbeiten, die auf eine spezielle Weise miteinander kommunizieren. So habe ich diese Arbeiten noch nie gezeigt und in dieser Ausstellung sind viele neue Werke. Die Ausstellung ist eine Reaktion auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit, und es fühlt sich gelöst an.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im DISTANZ Verlag mit einem Vorwort von Michael Buhrs und Verena Hein, Beiträgen von Burcu Dogramaci, Vassilis Oikonomopoulos sowie einem Gespräch zwischen Abbas Akhavan und Verena Hein. Ab August im Museum erhältlich.

Das Interview führte Quirin Brunnmeier/gallerytalk.net für Super Paper

WO: Museum Villa Stuck
WEB: villastuck.de