APULIENS STREET ART GESCHENK AN MÜNCHEN

Agostino Iacurci


APULIENS STREET ART GESCHENK AN MÜNCHEN

Die wunderbarste Anekdote, die das Mural von Agostino Iacurci hervorbrachte, ist – in aktuell dramatischen, politisch turbulenten Zeiten wie diesen – die Folgende:

Bevor sich der 31jährige Maler aus Foggia an die Arbeit machte, die Außenfassade des Münchner Meininger Hotels mit einem typischen Pflanzengewächs der italienischen Region Apulien zu verzieren, blickte er mit seiner Crew auf einen großen Störfaktor. Eine überdimensionale Wahlkampagne der AfD zeigte in Form einer Plakatwand ihre hässliche Fratze, denn man befand sich, zeitlich eingeordnet, drei Wochen vor der Bundestagswahl. Der Wahl-Römer zauderte nicht lange, stieg auf seinen Kran und schwärzte alles aus. Erst den Schriftzug, dann die degoutante Visage, dann das gesamte Billboard.
Weg mit der blamablen Idee, das Land mit nationalistischer Hetze zu übersähen!
Fort mit der grässlichen Parteipolitik!
Scher’ dich zum Teufel, du schauerliche, hasserfüllte Clique!
Überhaupt soll AfD abkürzen: „Ach, fick Dich!!, und mach’ lieber Platz für Wandmalerei aus Süditalien!“

War dieses Hindernis aus dem Weg geräumt, begann der Künstler, der sich in allerlei Ausstellungen, auf Festivals und Architekturprojekten in ganz Europa, USA, Brasilien, Russland, Indien, Australien, Korea, Japan and Taiwan einen Namen gemacht hat, mit einem fünf Stockwerke hohen Kaktus, der als das Wahrzeichen Puglias gilt. Als die Presse anrückt, ist er beinahe fertig, aber von ihr völlig unbeeindruckt, und fährt erst Minuten später seinen Kran auf Erdgeschosshöhe zurück. Wie ein siegreicher Astronaut bei der Rückkehr von einer Expedition zum Mars wirkt er in seinem farbverschmierten Overall und mit der Aura eines seltsam Entrückten. Sein Kaktus verschönert nun das Westend, ist auch von der S-Bahn sichtbar, die an der Hackerbrücke vorbeirollt, sowie auch von der Tram aus, die die Landsberger Straße befährt. Ein Souvenir aus Italien, ein Instagram-Spot und Magazinprojekt in einem. Partner des Projekts ist Air Dolomiti, die italienische Fluggesellschaft der Lufthansa Gruppe, die täglich von München aus ganz Italien anfliegt.

„Als direkte Verbindung zwischen München und Apulien sowie dem Rest Italiens ist es für uns selbstverständlich, an diesem außergewöhnlichen Projekt teilzunehmen, in dem ein Kunstwerk symbolisch eine Brücke zwischen zwei Nationen schlägt. Schon immer ist es Teil unserer Philosophie, unseren Gästen über den Wolken die Schönheit Italiens zu vermitteln und italienische Kunst und Kultur zu fördern. Wir erhoffen uns, dass die Münchener dieses Geschenk des Künstlers Iacurci und der Region Apulien zu schätzen wissen“, erläutert Paolo Sgaramella, Vice President Marketing & Commercial bei Air Dolomiti.
Oh, ich denke doch, dass sie das tun: Nicht nur die Tatsache, dass zu Beginn der kühlen, herbstlichen Jahreszeit kaum etwas wohler tut als die Assoziation sommerlicher Wärme, in der ein solch prächtiger Kaktus gedeihen könnte, dem nächsten Urlaub und allen damit zusammenhängenden Annehmlichkeiten. Auch die klare Linienführung, reduzierte Formensprache und herrlich farbenfrohe Plakativität des Künstlers kann eigentlich nur gefallen.
„We Are Creative In Puglia“ ist eine mehrteilige Aktion des Tourismusverbandes Puglia mit Präsident Alfredo de Liguori an der Spitze, der malerische Landschaften in bauriger Idylle satt hat und sich etwa lieber einen anständigen Grafiker samt Magazin ins Boot holt: „The Trip“ ist ein alternatives Reisemagazin mit Fokus auf außergewöhnliche Destinationen und Geheimtipps und begleitet das unkonventionelle Projekt als Medienpartner.
Mit den Maßen 21 auf 12 Metern ist das kreative Souvenir somit nicht nur ein herrliches mediterranes Augenmerk im gräulichen Westend, sondern vor allem die euphorischste Taktik, geschmacklose, verabscheuenswerte Werbung zu entsorgen.
Mille grazie, Agostino Iacurci! Mille grazie, Puglia!

Text: Sonja Steppan

WO: Zu sehen am Meininger Hotel, Landsberger Straße 14 im Westend
WEB: agostinoiacurci.com