ART: KULTURTIPPS – ZUHAUSE-SPEZIAL

MARTIN FENGEL


KULTURTIPPS – ZUHAUSE-SPEZIAL

Nein, das ist keine Liste für gelangweilte Quarantäner*innen. Wir sind uns sicher: Ihr bekommt euch auch in Zeiten von Corona alleine beschäftigt. Im Zweifel ruft mal Oma an. Dies ist eine Liste für alle diejenigen, die Kultur am liebsten live genießen, jetzt aber endlich mal Zeit haben, sich abseits tradierter Pfade umzuschauen. Genießt das!

Händewaschen mit Erwin Wurm

Diverse Angebote mögen Gegenteiliges suggerieren, doch Kunst zu Hause geht auch ohne www. Ganz klassisch, man kennt das: Kunst kann man kaufen. Nur ist das eben oft auch ein teures Hobby. Einer derjenigen, die schnell verstanden haben, dass man seine Käufer*innenschaft nicht nur mit kostspieligem Wandbehang & Co., sondern auch mit zugehörigem Merchandise anfüttern kann, ist Johann König. Der Berliner Galerist vertreibt über seinen Shop König Souvenir auch allerlei Bezahlbares, mit dem sich Zugehörigkeit zum Kunstbetrieb signalisieren lässt. Ein Objekt passt dabei in diese Zeit wie kein zweites: die Gurken-Seife des Österreichers Erwin Wurm. Wenn schon andauernd Hände waschen, dann doch damit, non? Das hat auch schon Lars Eidinger gemacht (ah, Mist, der war ja in Ungnade gefallen) und außerdem hat die so was schön Phallisches. “To Wash Away the Dirt of Our Time”. Fröhliches Einseifen!

Hochkultur mit den Münchner Kammerspielen und der Staatsoper

Nicht nur die Museen und Galerien sind Corona-bedingt erst einmal geschlossen, auch die darstellenden Künste wurden in die lange Pause geschickt. Doch auch die Theater setzen nun aufs Internet und halten so auf ihre Weise einen „Spielplan“ aufrecht. Die Kammerspiele in München haben neben den realen Spielstätten Kammer 1, 2 und 3 eine vierte, virtuelle Kammer eröffnet. Während die Türen des Theaters geschlossen bleiben müssen, stellen sie hier jeden Tag unter dem Motto #MKonDemand den internen Mitschnitt einer Inszenierung aus dem Spielplan online. So gibt es 24 Stunden lang Theater für zu Hause.

Auch die Staatsoper geht neue Wege: Nach der Absage aller Veranstaltungen werden einzelne Vorstellungen als Live-Stream oder als Video-on-Demand auf www.staatsoper.tv zur Verfügung gestellt. Zudem gibt es seit dieser Woche eine Serie von „Montagskonzerten“: Liedgesang, Solo-Instrumentalisten sowie kammermusikalische und tänzerische Darbietungen, live und kostenlos.

Kunstvermittlung mit Boros Collection
Die Sammlung Boros ist eine der wichtigsten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Mit maximalem Coolness-Faktor residiert sie in einem Berliner Bunker nördlich der Spree. Weil die 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für Besucher*innen derzeit geschlossen sind, hat sich das Boros-Team den Weg ins Netz gebahnt – genauer gesagt auf Instagram. Was gerade viele Galerien, Museen & Co. Versuchen, gelingt bei Boros mit einfachen Mitteln ziemlich gut. Verschiedene Mitarbeitarbeiter*innen erzählen, wie sie ganz persönlich auf Künstler*innen der Sammlung und deren Werke blicken. Die „SMALL TALKS“ der Boros Collection, das sind wenige Minuten persönlicher Ansprache, glossy aufgezogen für IGTV – das ist doch mal snackable Content für die Couch.

Kunstkritik mit The White Pube

Glaubt man, was man hört, befindet sich die Kunstkritik ja seit Jahren in der Krise. Und ganz egal, wie dramatisch die Lage nun wirklich ist, zwei die an der Front nicht nur alles richtig, sondern vor allem vieles neu und zukunftsweisend machen, sind Gabrielle de la Puente und Zarina Muhammad. 2015 haben die beiden „The White Pube“ gegründet: eine Plattform für Kunstkritik im weiteren Sinne. Inhaltliche Grenzen gibt es kaum. „The White Pube“ schreiben auch mal über eine Netflix-Serie („Sex Education“) oder einen Ausflug nach Disneyland.
Texte werden nicht nur geschrieben, sondern auch eingesprochen, Diskurs läuft oft über Memes und Social Media. Doch nicht nur medial ist das Duo weiter als die meisten. Wo andere Schreiber*innen der etablierten Kunstelite Champagner ums Maul schmieren, machen sie Missstände öffentlich. Sie bemängeln die vornehmlich weißen Akteur*innen in Schlüsselpositionen der Kulturbranche und die miese Bezahlung von weniger einflussreichen Rädchen in deren Getriebe. „The White Pube“ selbst gehen dabei stets mit gutem Beispiel voran und legen auf ihrer Website zum Beispiel offen, wer sie wann wie für was bezahlt hat. Kein Wunder, dass die beiden per Instagram-PM mittlerweile unzählige Berichte von hinter den Kulissen erreichen. „Wir sind wie Gossip Girl“, haben die beiden der britischen „Vogue“ verraten. Ihre Reichweite hält „The White Pube“ nicht nur informiert, sie hat die Plattform einflussreich gemacht. Unbedingt lesenswert war „The White Pube“ schon immer.

Hier, haste nicht bestellt, willste aber vielleicht trotzdem:

Netz-Kunstgeschichte mit Rhizome
Kunst im und für das Internet gab es auch schon vor der zeitweisen Schließung der Galerien und Museen. „Net-Art“ oder „Web-Art“ gibt es seit den Anfängen des Internets, sie blieb jedoch oft in einer Nische. Um dies zu verändern hat die New Yorker Kunstorganisation Rhizome das Projekt „Net Art Anthology“ ins Leben gerufen. Bestehend aus einer Ausstellung, einem Katalog und einer Webseite ist das Projekt der Versuch, einen möglichen Netzkunstkanon zu skizzieren. Für diese komplexe Aufgabe wurden 100 exemplarische Werke ausgewählt, um sie zu bewahren und zu präsentieren. Post-Internet-Ästhetik aus einer Zeit als es diesen Begriff noch gar nicht gab.

Twitter-Konzerte mit Igor Levit

Hauskonzert mal anders. Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit spielt eigentlich in den ganz großen Konzerthäusern der Welt. Das auch politisch aktive musikalische Ausnahmetalent lässt sich von der aktuellen Situation nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Levit will nicht komplett auf Konzerte verzichten. Damit sein Publikum ihn trotzdem live erleben kann, gibt er einfach Konzerte auf seinem Twitter-Profil. Mehrere Tausend hören ihm jeden Abend um 19 Uhr zu, auch hier ist seine Zuhörerschaft global und rückt in distanzierten Zeiten wenigstens virtuell zusammen. „Ich habe wahrscheinlich noch nie die tatsächlich lebensrettende Bedeutung von Musik und Klang gespürt – nicht in dieser existentiellen Dimension von heute. Alles fühlt sich neu an”, so Levit. “Danke, dass ihr mir erlaubt, dies mit euch zu teilen. Das ist es, was mein inneres Licht in diesen Tagen am Brennen hält. Wir sehen uns morgen.“

Text: Quirin Brunnmeier, Lynn Kühl, Anna Meinecke / gallerytalk.net
Art.: Martin Fengel