BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN

Natasha Binar


BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN

„20% ON TOP. BAM!“ meldete die Modemesse Panorama für den Auftakt-Tag. Das „Bam!“ war wahrscheinlich der Stein, der dem Mitgründer Jörg Wichmann vom Herzen gerollt ist. Und auch auf der Premium war’s ordentlich voll. Der Raum, den manch ferngebliebener Aussteller ließ, wurde von den Besuchern locker gefüllt.

 
Mit weniger Schauen im Angebot, neuer Lokation für den Berliner Modesalon und wenig internationaler Presse (nicht mal Fachplattform Business of Fashion hat die Stadt einen Presseblick gewürdigt), entwickelt sich Berlin mehr und mehr zur Messe und keiner Fashion Week mehr. Und das ist auch gut so.
 
Panorama und Premium sortierten sich neu, was insbesondere auf dem Messegelände für einen kompakteren und klaren Auftritt sorgte. Ein starkes Bild gab auch die neue Nachhaltigkeitsmesse NEONYT ab (früher Green Showroom und Ethical Fashion Show). Es half, dass die Ausstellung im Kraftwerk durch Events und ein zugkräftiges Kongressprogramm (zu Nachhaltigkeits- und Technologiethemen) flankiert wurde. In modischer Hinsicht war das Angebot vielfach nicht so richtig sexy. Die große Herausforderung für die Zukunft wird sein, die Forschungs- und Entwicklungsarbeit, die hier von kleinen Labels geleistet wird, aus der Nische zu holen und für den Massenmarkt nutzbar zu machen. Sustainability sollte ein Kernthema und Verkaufsargument für alle Premium- und Panorama-Aussteller sein. Das wird eines Tages auch so kommen.
Münchener Label WE.RE war ebenfalls zum ersten Mal auf der SEEK Messe dabei. „Es lohnt sich in jedem Fall, auch wenn Berlin von vielen als Scouting Ort gesehen wird“, bestätigen Gründerinnen Theresa Reiter und Katharina Weber. „Es ist der erste Termin der Saison, so eine Art Klassentreff der Branche“. Die beiden sind aber auch in Kopenhagen, wo sie seit einiger Zeit präsent sind. Würden sie nochmal Berlin machen? Auf jedem Fall.
 
Zweigleisig zu fahren ist eine erprobte Strategie vieler Designer, auch die von dem Münchener Marcel Ostertag, der mittlerweile in Berlin sein Büro hat, und in Berlin aber auch in New York seine Schauen veranstaltet. In Deutschland zu hause, international unterwegs. Nach Paris oder Mailand sind Blicke vieler Designer gerichtet, die am Berliner Salon teilnehmen. Mit dem Umzug vom Kronprinzenpalais in die St. Elisabeth-Kirche wurde die Präsentation verändert. Die Brands bekamen keinen eigenen Auftritt mehr, sondern wurden in eine kuratierte Gesamtschau einbezogen. Die Presse fand es gut; daran mangelt es überhaupt nicht. Jetzt muss aber der nächste Schritt her – internationale Einkäufer, weiteres Wachsen, kein Jungdesigner mehr sein. Die Existenzberechtigung der Berlin Fashion Week liegt unter anderem in der internationalen Strahlkraft, die der Ort potenziell entfalten kann. Das Ziel, Berlin zu einem international für Einkäufer und Brands relevanten Marktplatz bzw. einer Inspirations- und Kommunikations-Plattform für den globalen Modemarkt zu entwickeln, ist ambitioniert, aber machbar.  
 
Relevanz ist zuallererst eine Frage des Angebots. Möglicherweise ist es da gar nicht so sinnvoll, etablierten Modemetropolen wie Paris und Mailand nachzueifern, sondern erfolgversprechender, verstärkt auf Felder zu setzen, die diese alten Modestädte links liegen lassen – und da sind Sustainability und Fashiontech innovative Wachstumsfelder, die Berlin glaubwürdig besetzen kann. Auch für Streetwear steht die deutsche Hauptstadt wie kaum eine andere. Zugleich reicht es natürlich nicht, nur auf die Nischen zu zielen. Um relevant zu sein, ist ein kompetentes Angebot an marktrelevanten Kollektionen unabdingbar. Deswegen ist es gut, dass Anbieter wie Riani, Marc Cain und Bogner die Plattform Berlin für Shows und Events nutzen. Weniger ist doch mehr. Ganz große Namen sind in diesem Jahr nicht dabei, aber das macht nichts. So bleibt Aufmerksamkeit für junge Talente.
 
Und da muss man leider feststellen, dass man – löblichen Initiativen wie dem Fashion Council Germany zum Trotz – kaum weiter kommt. Dass sich mit der German Fashion Designers Federation e.V. in dieser Woche ein neuer Berufsverband gemeldet hat, ist wenig hilfreich. Es gibt schließlich auch noch den Verband Deutscher Modedesigner e.V., von offiziellen Branchenvertretungen wie GermanFashion mal gar nicht zu reden. Mit wem sollen Politik, Wirtschaftsförderung und Medien reden? Zielführend wäre es, die Kräfte zu bündeln. Und (mit einem ordentlichen Budget) für eine schlagkräftige, globale Kommunikation zu sorgen.
 
Davon kann aktuell leider keine Rede sein. Dass der Berliner Kurier die Rückkehr von Kilian Kerner auf den Laufsteg als die Sensation der Fashion Week hochjubelte – geschenkt. In den überregionalen Tageszeitungen war Berlin kein Thema. Und auch die internationalen Medien verloren in dieser Woche kein Wort über die Berlin Fashion Week. Stattdessen ging es dort um wichtige Themen wie die Markenrechtsstreitereien zwischen Rihanna und ihrem Vater und den bevorstehenden Durchbruch der Designerin Selly Raby Kane aus dem Senegal. Tja. Vielleicht sollte ich auch die Formulierung „internationales Fashion Business-Leitmedium“ noch mal überdenken.
 
Symptomatisch war der Hinweis von Alfons Kaiser auf dem alljährlichen Empfang der FAZ. Dort wurden großartige Modefotos von Helmut Fricke ausgestellt. Von den etwa 30 Motiven stammte lediglich eines aus Berlin – eine Aufnahme von einer Perret Schaad-Show. Das Berliner Design-Duo hat im vergangenen Jahr seinen Geschäftsbetrieb eingestellt.
 
Dennoch – nach der Show ist vor der Show. Berlin bleibt spannend, und wie keine weitere Plattform in Deutschland relevant, auch wenn es um wenig Prominenz und abwesende große Labels geht. Vielleicht ist die neue Richtung ganz gut, sachlich, High-Tech und nachhaltig orientiert. So wie die gesamte Modebranche, der das Jahr des Aufwachens vorausgesagt wird. Berlin ist unser Spiegel dafür, es lohnt sich, sich selbst mal anzusehen.
 
Text Natasha Binar

FOTO_Tino-Zimmermann