BRAVO OPENING

Bravo Muenchen


BRAVO OPENING – Do. 24.10.

Marlons “Hardtrance” (A.T.) – Die Tagesbar mit Pasta bis ein Uhr nachts.

Das ehemalige “Girls” ist eine mythische Münchner Nightlife Legende. Die Saloontüren-Hinterzimmer-Bar hinter einem Icos-Laden hatte nicht nur den coolsten und ältesten Türsteher der Stadt. Sondern versteckte nach dem eigentlichen Barraum noch eine weiß gekachelte Küche und einen geräumigen, an die vier Meter hohen Backstein-Keller, den Marlon Schuler und ich zwei Jahre lang als Frauen-Nacht-Spa “Girls Only!” vollständig mit Echtgold ausgiesen wollten. Das Motto: “Hauptsache alle Wände, Ecken und Möbelstücke werden mit richtig viel Gold abgerundet”.

Die nicht vorhandenen Immo-Investoren zerschossen das Vorhaben von Anfang an. Deshalb wurde das Untergeschoss aus dem 19. Jahrhundert kurzerhand zum versifften “V.I.P. Girls” unter dem “Girls” deklariert! In dem staubig-modrigen Souterrain wurde – neben einem alten Pacman Arcade-Automaten und wenigen Schrottmöbeln aus Plüsch – haufenweise weißes Porzelangeschirr in den 1950er Jahren vergessen und meterweise hoch auf dem Boden oder in Regalen gelagert. Ein Raum “weiß wie Schnee”!

Der verwunschene, rotbraun geziegelte Kellerraum hinter und über dem Porzelanschnee wurde selbst irgendwann in den finalen fünfzig Jahren des letzten Jahrtausends vernachlässigt und wie von Geisterhand als Zeitkapsel archiviert. Damals hieß das “Girls” “K&K”, und existierte als konservativ massivhölzernes Speiselokal der exquisiten österreich-ungarischen Kochkunst. Die leicht depressive Gaststätte beleuchtete mit einem gelb-schwarzen, fünf Meter hohen Serifenbuchstaben-Fassaden-Außenschild und der Aufschrift “K&K. Österreichisch-ungarisches Spezialitäten Restaurant” bis in das frühe 21. Jahrhundert den südlichen Teil der Reichenbachstraße dunkel. Dieses sonnengelbe, gleichzeitig düstere Funzellicht gab der Straße einen kühlen Agenten-Look, den man damals oft in deutschen Großstädten und heute nur noch selten in Wien zu fühlen glaubt, den morbiden Charme des Dritten-Mann-Films. Das in drei Einzelteile zerlegte gelbe Glasschild lehnte 2018 noch an einer der Kellerwände des “V.I.P. Girls” herum.

Wie ein aus der Zeit gefallener Spion konnte der Kellergast wegen der fehlenden Fenster zur Straßenebene jedes Gespräch durch drei verdreckte, braune Mauer-Deckenspalten nach oben mitverfolgen. Umgekehrt ebenso! Jeder belauschte jeden. Die hedonistische Grube war ein Reststück kalter Krieg oder der wirklich lange Arm der K&K Monarchie. Auf der richtigen Kellerseite geboren worden zu sein, die Sicherheit auf eine selbstgerechte Aufteilung der Welt, dass war der gemeinsame Nenner in diesem bayrischen Habsburger-Loch!
Das “Girls Basement” war folglich das wohlmöglich letzte, gnadenlos intakte Museum einer neunzehnhundertsiebziger Kindheit. In jeder einzelnen Porzalanplatte spiegelte sich ganz schwach die indifferente eurozentristische Weltordnung im KellerNachtleben der Jahre 2016 bis 2018 wieder. Und mein Freund F.X. Karl und ich bewegten uns unscheinbar aber mit vollem Karacho in Richtung neue, alte weiße Männer… scheiße!
Zeitgleich gebar diese große Münchner Erinnerung einen Stock weiter oben eine leicht vorsichtige, neue Münchner DJ-Generation in die Welt, Radio 80000.

Mit diesem legendärem Vorsprung vor sämtlichen Nicht-Orten Münchens blubberte Schuler Anfang 2019 in seine nächste Zwischennutzung. Die Kantine der Alten Akademie! Ich nannte die Alte Akademie von Anfang an liebevoll AA. Und das AA verband neoliberal frech die bayerische Gegenreformation mit Rene Benko, dem neuen Besitzer des AA und laut Aussage des ehemaligen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache irgendwie auch die Stadt München via Benko mit der AFD auf monetärer Ebene. Bravo!
Ähnlich schnell wie das AA als Whitewashing-Projekt von der österreichischen Benko-Baufirma Signa und dem Kreativteam der Stadt München ins Leben gerufen wurde, verschwand es nach ein paar verpufften Zeitungsberichten, gefühlten vier Parties und dem griffigen Bullshit-Slogan “Kollaboratives Arbeiten” wieder nach drei Monaten. Nachdem Marlon davor entspannte zwei Jahre mit circa 10.000 Signa-Location Broker-Treffen verplempert hatte. Kann man sich ja mal leisten.

Aber vielleicht ist das genau Marlons Erfolg? Es gibt diese gewisse Nähe zu Münchens großen Zeiten und Themen. High oder low ist völlig egal… der Wille zur lockeren Größe, der ist da! Der gute Touch von Fashion, Kleinganoven, High Society, Mafia, Immobilienskandal, Bayern-Proll-Adel, Kulturreferenten, Big Bizz vs. Penner, Wahnsinnige und Hedonismus, Lokalpolitiker, Jet Set, Fön, Girls oder Geldwäsche ist immer gleichermaßen anwesend. Als kleiner Nachhall der guten alten Münchner Geschichten die in Hunter- und Gräter-Manier – zwei unsterbliche Münchner Klatschreporter – die Gerüchte der Nacht am Leben halten.

Nun kommt der nächste Laden von Marlon Schuler in Koop mit einem weiteren Helden des Zwielichts, dem “Stabo”.
In Ermangelung eines Namens für den Laden ist der Arbeitstitel erstmal: “HARDTRANCE”.
Als ich vor einem Monat an einem klassischen Donnerstag Abend für ein kleines Baustellen-Gelage mit den üblichen Münchner Kultur-Agent*innen und Medien-Spitzeln dort herum lungerte, musste ich feststellen, dass alte “Frenzy” – so hieß der unbedeutende Coffeeshop bisher auf der Frauenhoferstraße zwischen Post und Klenzestraße – eignet sich hervorragend um schnurstracks an Marlons legendäre Nachtleben-Vorarbeit anzuknüpfen.

Er sagt dazu lachend am Telefon in gewohnt stenziger, leicht ironischer Art: “Das ist der erste Laden in dem ich ein Schaufenster zur Straße habe. Also davon erwarte ich mir schon einiges”

Text: Mirko Hecktor

Was: Bravo Opening
Wann: Donnerstag, der 24. Oktober
Wo: Fraunhoferstraße 20, Glockenbach