CANDELILLA – CAMPING

Candelilla


CANDELILLA – CAMPING

Den Münchner Post-Punkerinnen Candelilla gelingt auf ihrem neuen Album die Gratwanderung zwischen heißer PR-Luft und großer Musik. Im April stellten sie „Camping“ in der Milla vor.

Candelilla gibt es schon richtig lange. In der jetzigen Besetzung bereits seit 2007. Dass die vier Münchnerinnen nach 10 Jahren mit „Camping“ erst ihr drittes Album vorlegen, mag daran liegen, dass sie ihre Projekte und ihre Persönlichkeiten auf verschiedenen Feldern vorantreiben. Mira Mann, Rita Argauer, Lina Seybold und Sandra Hilpold sind mal Autorinnen, mal Performance- oder Videokünstlerinnen, mal Wissenschaftlerinnen, Filmemacherinnen oder preisgekrönte Bookerinnen. „Mehr interdisziplinäres Kollektiv als bloße Rockband“, lässt uns der Pressetext zur neuen Platte wissen. Ein Wording, das sich wiederholt und mittlerweile auch schon arg abnutzt. Candelillas Songs seien Experimente, die bis zu „Camping“ deshalb auch keine Namen trugen, sondern streng wissenschaftlich nummeriert worden seien. Die Texte sollten wahlweise als poptheoretische Essays oder als Gedichte in Bücher gedruckt und kanonisiert werden. All diese (Selbst-)Zuschreibungen zeigen, wie schmal der Grat zwischen arts und farts, zwischen aufgeblähter Überinterpretation und tatsächlicher künstlerischer Relevanz häufig ist. Besser denn je schaffen Candelilla es auf „Camping“ aber, diesen Grat zu begehen. Festen Schrittes.
Den Abgrund stets vor Augen und ganz bewusst auf ihm tänzelnd. Mit düsteren Arrangements und Texten vollstoischer Wortgewalt und Ambivalenz. Songtexte — dieser poptheoretische Exkurs sei an dieser Stelle ganz ohne Nummerierung und Fußnote erlaubt — können nämlich großartig sein, auch poetisch, ohne dass sie deshalb in der Poesie oder Lyrik verortet werden müssten. In der Musik erfüllen Worte und Texte eben eine andere Funktion, haben einen Klang und schmiegen sich an die Instrumentierung. Deshalb dient eine solch unnötige Verortung letztlich nur der Hierarchisierung der Kunstformen zu Ungunsten der Popmusik.
Bei Candelilla nun singen drei der vier Bandkolleginnen und schreiben auch die Texte für ihre Parts, zerhacken sie gemeinsam, setzen sie neu zusammen und lassen sie gegeneinander laufen.
Gleiches gilt für die Musik. Mal scheint die Gitarre den machtvollen Bass und das treibende Schlagzeug bremsen zu wollen. Ein andermal tupfen sphärisch wabernde Synthieklänge oder ein verlorenes Klavier friedvolle Harmonie in die kontrollierte Dissonanz. Alles Unkonkrete und Fragmentarische ist also schon im Schaffensprozess angelegt und genau das ist es, was diese Band ausmacht: Candelilla machen Bandmusik. Die einzelnen Songs können nie einer Einzelnen zugeordnet werden, sondern entstehen im Prozess des Hin- und Herschiebens, des ständigen Modulierens von Ideen und Songteilen.
Dieses oft enervierende Vorgehen ist nicht für jedes Künstlerego das Richtige und in Zeiten schneller Verfügbarkeit und multimedialer Zusammenarbeit ohnehin eine Seltenheit. Verbunden mit dem Talent der vier Musikerinnen führt dieser Prozess bei Candelilla zu jener Intensität, die ihre Songs auszeichnet und die Camping aus jedem Ton und jeder Zeile tropft. Trotz aller Akribie hat das Album eine rohe Wucht und Energie, die sich mit jedem Durchlauf neue Ventile zu suchen scheint.

Zehn Lieder voll wutentbrannter Schönheit, wider die Monotonie und Gleichförmigkeit. Ein Ausbruch aus dem Alltag. Vielleicht ein bisschen, wie eine recht unbequeme Form des Urlaubmachens: Camping.
Toller noch als auf Platte ist es, Candelilla live zu hören. Dazu gibt es in diesem Frühjahr ausgiebig Gelegenheit, etwa am 15. April zu Hause in der Milla.

Text: Andreas Schmidt

WAS: Candelilla – Camping
WEB: candelilla.de