CoMA – CONTAINING ART

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CoMA – CONTAINING ART

Längst ist die Vorstellung überholt, Container müssten ausschließlich als Behältertypen der Binnenschifffahrt, Abfallwirtschaft oder dem Luftverkehr dienen. Es hat sich als hip und praktisch etabliert, Container auch in Gestalt von Gebäudemodulen zu benutzen, die sich den verschiedensten Nutzungen anpassen können

 
– ob als Wohn-, Büro, und gar Schulcontainer. In letzterem schrieb ich beispielsweise im Gymnasium jahrelang abiturvorbereitende Klausuren, und es hat mir nicht nachhaltig geschadet. Denn in der Regel werden wohnlich genutzte Container solide isoliert, mit Türen und Fenstern versehen und gegebenenfalls dekoriert.
 
Wer in München in den vergangenen zwei Jahren je am Ostbahnhof vorbeifuhr, oder eine beliebige Lokalzeitung aufschlug, dem kann nicht entgangen sein, dass im Werksviertel ein Kreativstandort aus Containern mit freiem Eintritt, Rooftop-Bar und zahlreichen Aktionen, Festivals und Sommerpa
rties punktet. Hier haben in den genormten Frachtbehältern nicht nur Redaktionen, diverse Freelancer, ein Café und Pop Up Stores ein Zuhause gefunden, sondern auch der „CoMA“ im 1. Stock am zentralen Platz: Container of Modern Art.
 
Anliegen von Linda Heinemann und Michael „Mixen“ Wiethaus ist, junge Künstler zu fördern, die in der Subkulturwüste beizeiten durstig auf der Strecke bleiben. Es ist den beiden ambitionierten Kuratoren  gelungen, auf eigene Faust – neben Geburt von Lindas Kind und einer Vielzahl beruflicher Verstrickungen – seit April 2017 bislang 47 Ausstellungen auf die Beine zu stellen. Und das völlig ohne städtische Förderung.
 
„Meistens sind die Nachwuchskünstler, die uns ihre Portfolios schicken, völlig perplex wie easy es ist“, erzählt Mixen beim morgendlichen Kaffee in der Loretta Bar, „Sie können häufig nicht glauben, dass sie kein Geld bezahlen müssen.“ Für die Miete des Containers kommt bislang das Collective höchstselbst auf, und die aufwendige Arbeit, Künstler auszuwählen, Termine zu organisieren und zu Vernissagen einzuladen, geschieht für beide nebenher in der Freizeit. „Freilich hängt die Besucherzahl stark vom Engagement der jeweiligen Künstler ab“, so Linda. In dem einwöchigen Ausstellungszeitraum, den sie jedem Anwerber zur Verfügung stellen, sei Auf- und Abbau oft ein organisatorischer Kraftakt. Je eher die jungen Maler, Fotografen, Bildhauer und Illustratoren also ihre Cliquen einbinden, die abendlich die Vernissage füllen, auf den Sozialen Medien als Multiplikatoren auftreten und vielleicht beim Schleppen helfen, desto mehr dient der Container seinem Zweck.
 
Insgesamt haben sie keine Genre-Kriterien und wählen nur nach Qualität ihre Bewerber aus; besonders gerne denken Mixen und Linda an die Munich Pop Art zurück, thematisch arrangiert in der Tradition der POP ART aus den Sechziger Jahren. Dort tauchten in der Motivik viele Klischees von Massenmedien, Hollywoodstars und damalig prägenden Comics und Zeitschriften auf. Beliebtes und gut besuchtes Format waren stets auch die Radio 80000 x SHRN x Public Possession Sommerfeste, die sich gerne mal über ein Wochenende erstrecken, und von Live-Acts wie Fazer, Filmscreenings, Tischtennis und ein breites musikalisches Spektrum von UK-Sound, Rap bis Ambient darbieten.
 
Obschon sich der CoMA auf lokale Künstler konzentriert, haben auch schon internationale oder überregionale Kontakte die Chance ergriffen – Adam Higton und Emma Crockatt stellten mit „Trees are Talking Caterpillares are Crawling“ psychedelische Elfen und Insekten aus. Das renommierte Label Vans präsentierte mit dem SOLO Skateboard Magazine “SEQUEL”, ein Video von Max Pack und Hendrik Herzmann.
Der Anfachen Award hängte im CoMA die Gewinnermotive der internationalen Künstlerinnen und Künstler auf, die sich inhaltlich mit dem gesellschaftlichen Thema „Toleranz“ beschäftigt haben – aus 671 Einreichungen und 43 Ländern kürte eine hochkarätig besetzte, internationale Jury daraus die 25 Gewinner.

Die Münchner kommen natürlich nicht zu kurz – Ana Saraiva beispielsweise die ihren Gesellenbrief in der Holzbildhauerei abschloss, und sich in ihrem Konzept der Frage widmete, was heißt es, eine Frau zu sein. „Wie und was fühle ich? Vor allem: was ist ein Tabu?“Michael Wiethaus, sowie Linda Heinemann, die neben Kunstgeschichte auch Gender Studies studierte, begeistern sich für die Idee, sich mit möglichst unterschiedlichen politischen, feministischen, aber auch ökologischen Themen auseinanderzusetzen – und zeigen demnächst die Arbeit der Fotografin Vivi d’Angelo, die den Alltag eines Schlachthofs porträtierte.
 
Noch davor für eine Woche den CoMA bespielen wird Tobias Meier, der durch einen schicksalshaften Besuch im New Yorker International Center of Photography mit Ed Templeton in Berührung kam und sich seither der Fotografie verschrieb.
 
Apropos New York: die Assoziation mit dem MoMA, einem der weltweit einflussreichsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst, ist denkbar naheliegend. Doch im Wesen könnte es dem CoMA nicht ferner liegen. Allein schon architektonisch strotzt das MoMA von Exklusivität, spätestens nachdem es 860 Millionen Dollar schwer vom japanischen Stararchitekten Yoshio Taniguchi umgebaut wurde.
Der authentische Container wiederum ist in seiner geradezu banalen Standardgröße, ständigen Wiederverwertung und weltweiten Verfügbarkeit ein formvollendetes Symbol unserer Zeit: Es kommt eh nur auf den Inhalt an.
 
Text: Sonja Steppan

WO: Container of Modern Art, Atelierstrasse 4
CoMA Events: facebook.com/containerofmodernart