DANIEL KEHLMANN

Daniel Kehlmann


DANIEL KEHLMANN

Kunst in dunklen Zeiten “Heilig Abend” von Daniel Kehlmann am Residenztheater

“Leute standen auf der Bühne und verstellten sich, aber sie hatte sofort begriffen, dass das gar nicht stimmte und, dass auch die Verstellung bloß eine Maske war, denn falsch war nicht das Theater, nein, alles andere war Getue, Verkleidung und Firlefanz, alles was nicht Theater war, war falsch.”
So lässt Daniel Kehlmann die “Winterkönigin” Elizabeth Stuart in seinem neuen Roman “Tyll” über die Bretter sprechen, die die Welt bedeuten.
Der Autor scheint diese Leidenschaft für’s Theater mit seiner Romanfigur zu teilen, wenn auch wahrscheinlich nicht ganz so extrem. Nach “Geister in Princeton” und “Der Mentor” wurde vor einem knappen Jahr sein drittes Bühnenstück in Wien uraufgeführt: “Heilig Abend”. Wenn ihr denkt, eure Weihnachtsabende seien stressig, ihr liegt falsch!
Jetzt könnt ihr euch davon im Münchner Residenztheater überzeugen; das “Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr” läuft seit Ende Januar, in der Besetzung Sophie von Kessel und Michele Cuciuffo. Und eben eine tickende Digitaluhr, die beim Öffnen des Vorhangs 22:30 Uhr anzeigt.
Es geht um die Philosophieprofessorin Judith, die am Abend des 24. Dezembers verhaftet und vom Polizisten Thomas verhört wird.
Der Vorwurf: Ein mit ihrem Ex-Mann geplanter Bombenanschlag, der laut von Beamten sichergestellten Plänen um Mitternacht eben dieses heiligen Abends stattfinden soll. Die Zeit rennt, Thomas bleiben genau anderthalb Stunden, um den Ort des Attentats herauszufinden, wenn es denn einen geben soll. Die Zuschauer sind in Echtzeit dabei, weder sie noch die beiden Protagonisten haben eine Möglichkeit, dem Raum oder der Situation zu entfliehen.
Er ist mit der Verfolgung von Terroristen beauftragt, entschlossen, Gewalt zu verhindern.
Sie ist Expertin im Gebiet der strukturellen Gewalt, spezialisiert auf die Theorien des Philosophen Frantz Fanon, einer der wichtigsten Vordenker des Antikolonialismus.
Thomas behauptet, nachts von den Folter- und Enthauptungsvideos der “Dschihad-Idioten”, wie er sie nennt, zu träumen. Minuten später droht er ihr mit Waterboarding, schlägt die Angeklagte mehrmals so hart, dass sie zu Boden fällt.
Judith übt Kapitalismuskritik, wünscht sich eine Revolution der Arbeiterklasse herbei. Dann prahlt sie mit teuren Urlauben und gibt an, im Zug niemals 2. Klasse zu fahren.
Als Beobachtender ist man im Zwiespalt – man kann keinen mögen, und doch haben sie beide irgendwie recht. Sowohl sie, die die Ausbeutung Afrikas zu Nutzen des reichen Westens anklagt, als auch er, der nicht will, dass Unschuldige durch Anschläge sterben.
Der Polizist setzt sein Gegenüber unter Druck, indem er behauptet, ihr Ex-Mann, den sie noch immer liebt, werde im Nebenraum verhört, sollte er eine belastende Aussage über seine Verflossene machen, drohten ihr viele Jahre Gefängnis. Der einzige Ausweg für Judith sei es, ihn zu belasten.
Dieser beliebte Trick – das Gefangenendilemma – zieht fast immer, sowohl in Experimenten, als auch bei echten Verhören.
Ungleichheit ist das große Thema an diesem Weihnachtsabend, es werden neunzig Minuten Machtkampf auf vielen Ebenen geboten: Er hat eine Waffe bei sich, sie nicht. Sie verfasst hochtrabende Pamphlete über die Unterdrückten dieser Welt, er ist einfacher Beamter.
Eigentlich ist Judith die Angeklagte, plötzlich muss sich aber doch Thomas rechtfertigen, ist er nicht doch nur Instrument des Staates? Die Philosophieprofessorin spielt ihre Position aus, einmal sagt sie: “Sie können mich nicht foltern, ich habe einen Lehrstuhl.” Judith macht sich damit das System zu Nutze, das sie eigentlich vehement ablehnt, genau wie Thomas, der Gewalt mit Gewalt bekämpft.
Kehlmann stellt hochpolitische, aktuelle und existenzielle Fragen, die mit dem Ticken der Uhr immer drängender werden: Welche Mittel sind recht, wenn es darum geht, eine Katastrophe zu verhindern? Wo hört Meinung auf und wo fängt Straftat an? Sind wir dazu bereit, unsere Freiheit um der Sicherheit willen zu opfern? Oder anders herum?
Laut dem in Berlin und New York lebenden Autor seien die Enthüllungen Edward Snowdens ein großer Antrieb gewesen, “Heilig Abend” zu schreiben: Das Ausmaß der Überwachung durch den Staat und die Willkür der Geheimdienste hätten ihn schockiert.
Natürlich war der Schriftsteller auch von der Trump-Wahl im Herbst 2016 maßgebend beeinflusst. Er sei vollkommen verzweifelt gewesen, verrät er in der ARD-Literatursendung druckfrisch: “Ich war so niedergeschlagen, dass ich zunächst einmal auch nicht schreiben konnte.” Dann sei etwas ganz Besonderes passiert, erzählt der gebürtige Münchner weiter, denn seine eigene Romanfigur, der schlaue Narr Tyll Ulenspiegel hätte ihm geholfen, diese Krise zu bewältigen.
Jener lebt nämlich in Kehlmanns neustem Buch während des 30-jährigen Krieges, einer äußerst grausamen Episode der Geschichte, und macht trotzdem weiter, bewegt sich durchs Land und zwischen den Gesellschaftsschichten hin und her und spielt seine Streiche, tanzt und turnt herum, so wie nur das fahrende Volk das konnte.
Kehlmann habe sich ein Beispiel an dem Spaßmacher genommen, sich selbst gesagt, nicht aufzugeben, weiter zu schreiben. “Die dunklen und schlechten Zeiten, wenn man sie überlebt, sind gute Zeiten für den Künstler.”, so der Autor.
Und wenn man es sich genau überlegt, findet man wirklich Parallelen zwischen dem Narren Tyll und dem gefeierten Schriftsteller: beide legen eine Frechheit an den Tag, die ihresgleichen sucht.
In “Die Vermessung der Welt” lässt Kehlmann den berühmten Mathematiker Carl Friedrich Gauß bereits in den ersten Seiten als Muttersöhnchen da stehen, der zum faul ist, aus dem Bett zu kommen. Ulenspiegel macht seinen König zum Gespött, indem er behauptet, er stänke und solle sich die Füße waschen. Narrenfreiheit eben.
Genau wie Tyll in dem nach ihm benannten Roman an den verschiedensten Schauplätzen auftaucht, auf Schlachtfeldern, in kleinen Dörfern, an den Höfen der Mächtigen, seine Streiche spielt, tanzt und verspottet, mischt Kehlmann sich ein, in historische Begebenheiten sowohl wie ins heutige Zeitgeschehen, schafft es dabei aber, ständig aktuell zu bleiben.
Und lässt uns ein bisschen staunend zurück, wie Dorfbewohner nach einem halsbrecherischen Seiltanz.

T: Lisa Genzken

WO: Residenztheater
WEB: residenztheater.de