DER FROHSINN DRÖHNT

Volkstheater München


DER FROHSINN DRÖHNT

»Am Wiesnrand« heißt das Stück von Stefanie Sargnagel, das am 30. Januar im Münchner Volkstheater uraufgeführt wurde.

Ein bisschen selbstreferenziell hat es begonnen, erläutern die Schauspieler die Hintergründe – Sargnagel sei nach einer Lesung im selben Theater von dessen Angestellten und Ensemble dazu gebracht worden, das Oktoberfest zu besuchen, man habe sie sogar mit einer Tracht versorgt und schließlich dafür angeheuert, ihren Wiesn-Ausflug als Steilvorlage für einen Text zu verwenden.
Soweit, so gut, und ist man nur irgendwie mit Stefanie Sargnagels rabenschwarzen Komik, messerscharfen Fantasie und Gabe zur Herstellung unpassender Querverbindungen vertraut, weiß man, dass dieser Text großen Unterhaltungswert bergen würde.

Was Sargnagel schließlich inmitten der enthemmten Massen erlebt, hat die Regisseurin Christina Tscharyiski zu einem gewaltigen Bühnenstück mit ebenso gewaltiger Bühnengestaltung zusammengefügt. Letztere besteht aus einem fetten, behaarten Männertorso, ausgepolstert, so dass die Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Henriette Nagel, Pola Jane O´Mara und Nina Steils – allesamt in der Rolle der Wiesnbesucherin Stefanie Sargnagel – darauf herumtollen, hüpfen, tanzen, später saufen, kotzen und brüllen können.

Große Gefühle und niedere Triebe – das klingt ein wenig nach dem, wofür Christina Tscharyiski den Publikumspreis des Radikal jung Festivals 2018 gewann: »JA EH! – Beisl, Bier und Bachmannpreis«. Besonders an der musikalischen Unterstützung des Art-Pop Kollektiv EUROTEURO liegt es, dass auch dieses Stück unfassbar rund, abwechslungsreich, beherzt und euphorisch herüberkommt.

Das Ziel, welches Sargnagel auf ihrem halb mit historisch-erzählerischem Ausflugsinteresse, halb von fiktiven Begegnungen untermalten und sensationsgeilen Gelüsten getriebenen Oktoberfestbesuch verfolgt ist dieses: Bier, Gaudi, Flirts, im besten Fall ein bisschen Trachtensex mit einem echten Bayern. Und so taumelt sie zwischen bayrischer Gemütlichkeit und dem Kotzhügel, observiert den eigentümlichen Ort samt Flohzirkus, Riesenrand und Pärchenstreits, ist amüsiert von der Unbescholtenheit (und später Gewaltbereitschaft) bayrischer Polizisten und ihrer eigenen Reaktion auf das Spektakel.

Unterm Strich würde sich das alles nicht so stark von den Österreichern unterscheiden, stellt sie humorig fest: »Die Bayern sind wie Turbo-Österreicher«, und »wie Tiroler, nur mit weniger Haargel.«
Immer wieder wird sie von diversen Touristen ins Visier genommen, ob wegen ihres Dirndls oder ihrer strengen Miene, die sie läppisch abtut: »Der Schock in meinen Augen ist mein ganz normaler Partyblick.« (Dass das Ensemble Sätze wie diesen mit schillerndstem Wiener Akzent vorträgt, macht den Spaß perfekt.)

Die AZ, die ich zugegebenermaßen eigentlich nie lese, fragte Stefanie Sargnagel, ob sie ausschließlich mit kritischem Blick auf die Wiesn gegangen sei, diese antwortete:
»Nicht unbedingt. Ich bin gar nicht so anti, wie man glauben könnte. Prinzipiell würde ich mich als Menschenfreundin bezeichnen. Ich finde auch am Oktoberfest schön, wie die Leute ihre Masken fallen lassen, wie sie eskalieren. In anderen Schichten kann man vielleicht schneller diese Enthemmung sehen, aber dass das Bürgertum sich dermaßen demaskiert, habe ich sonst nirgends erlebt.«
Dass man in Österreich anscheinend all diese Grausligkeiten mehr zelebriere als in Bayern, sei dahingestellt – das Publikum im Volkstheater lacht laut und hat einen prächtigen Abend.

Sargnagel fährt fort: »In Österreich trinkt man schon gerne. Aber diese Art von Vernichtungstrinken habe ich dort noch nicht gesehen. Dass selbst ein Firmenchef sich volllaufen lässt und nicht mehr gehen kann, weshalb ihn seine Freundin oder Frau stützen muss, ist schon einzigartig und finde ich auch rührend. Insgesamt offenbaren die Leute auf dem Oktoberfest sehr schnell ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre ganze Verletzlichkeit. Dabei sieht man ganz viele weinende Frauen – so zeigen die ihre Gefühle, auch ihre Trauer. Die Männer hingegen zeigen ihre Penisse. Das ist dann wohl ihre verletzliche Seite.«

Text: Sonja Steppan

WO: Volkstheater
WEB: muenchner-volkstheater.de