DESIGN – LASS ES SMART SEIN?

Johannes Bauer


DESIGN – LASS ES SMART SEIN?

Neun Tage lang, im März, war München die Hauptstadt des Designs. Die diesjährige Thematik „des größten Design-Event Deutschlands“ Munich Creative Business Week orientierte sich an aktuellen gesellschaftlichen Trends und Diskussionen, wie beispielsweise die Nachhaltigkeit und die Förderung des kreativen Nachwuchses.

Die von Bayern-Design veranstaltete, unter anderem vom Freistaat und der Landeshauptstadt unterstützte Designwoche, diesmal unter dem vielverprechenden sowie ambitionierten Motto „Design Connects — The Smart Revolution“ und dem Partnerland Süd-Korea, sorgte für viel Denk- und Ausstauschanstoß unter Kreativen, Agenturen, Akademikern und Unternehmen.
Neben vielen Kooperationspartnern wie der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne und der Handwerksmesse war Dreh- und Angelpunkt der Designwoche das Isar Forum am Deutschen Museum, in dem ehemaligen Kongressbau des Deutschen Museums, der nun seine Pforten nach sieben Jahren Leerstand wieder öffnete. Ausstellungen, Gespräche, Vorträge, Performances, um die rund 230 Veranstaltungen beschäftigten sich mit Innovationen und Zukunft.
Die Ausstellung „The Smart Revolution“ zeigte wie unser Alltag in der Zukunft aussehen könnte — Serviceroboter, high tech Textilien oder HoloLinsen..
Das Herzstück war tatsächlich das DESIGN HEART: vom 04. bis 12. März 2017 eine kinetische Skulptur von Konstantin Landuris, die wie ein organisches Herz pulsierte und auf Menschen, die sich ihm näherten, reagierte. Inspiriert von Forschung, Raumfahrt, Robotik und künstlicher Intelligenz stellte das DESIGN HEART die Thematik Transhumanismus — das Verschmelzen von Mensch und Maschine — in den aktuellen Diskurs.
Die bisher größte technische Revolution der Menschheitsgeschichte hat zweifellos Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Kommunikation. Wir springen in alles Digitale hinein — und passen es zugleich auf unsere persönlichen Bedürfnisse an. Doch wie lässt sich diese Revolution so beeinflussen, dass alle Menschen mitgenommen werden? Wie kann die digitale Revolution gestaltet werden, dass sie sich nicht gegen die Freiheit und Autonomie des Menschen wendet? Ist Smart Design womöglich eine Antwort und Lösung zugleich?
An den verschiedensten Orten in der Stadt gab es smarte Kooperationen zu sehen. Dennoch kam die konsequenteste Umsetzung ausgerechnet aus dem Land, das mit Samsung die Smartphone-Welt außerhalb des I-Phones besetzt, nämlich — „Human Connection. Beyond Smart!“
Koreanisches Design ist international gefragt, das Land gehört darüber hinaus zu den weltweit führenden im IT-Bereich. Wie schafft man den Spagat zwischen Geschichte und Zukunft?

Die Hauptausstellung „HANDSHAKE“ in den Goldberg Studios veranschaulichte die Zusammenarbeit von Handwerkern und Designern in Korea anhand zahlreicher Beispiele: Traditionelle meisterliche Techniken in Verbindung mit neuen Materialien und technologischen Möglichkeiten liessen eine völlig neue Designlandschaft entstehen. Gezeigt wurden faszinierende Beispiele aus den Bereichen des Kunsthandwerks, des Produktdesigns und der Mode. Die Ausstellung „SHAKING HERITAGE“ widmete sich der Zusammenarbeit traditioneller Handwerksmeister und zeitgenössischer Schmuckkünstler. Die meisterlichen Schmuckstücke und Schreibgeräte wurden nach Entwürfen der Designer in traditionellen Handwerkstechniken gefertigt. „SMART OBJECT: from analog to digital“ ist ein Medien-Lab für Industriedesign und Handwerk aus Korea und hat die Digitalisierung zum Thema. Zu sehen waren eine Smart Watch, ein smartes Springseil mit LED-Signalen und eine Analogkamera, die mit einem Mobilgerät verbunden ist — Smart Thinking und technische Innovation von smarten Gestaltern und Machern.
Die digitale Revolution erstreckt sich jetzt über die Smarte Entwicklung hinaus auf die künstliche Intelligenz (AI). Aber je schneller die Reformbewegung vor sich geht, desto dringender stellt sich die Frage nach dem unersetzbaren Wesen der Menschen. Was soll die manuelle Arbeit im Zeitalter der Automatisierung bedeuten? Worauf soll das Kunsthandwerk in diesem sich drastisch wandelnden Jahrhundert hinblicken? Diejenigen, die sich fragen, ob sich Innovationen aus langen traditionellen Techniken ergeben können, können das Kooperationsprojekt zwischen Designern und Handwerkern, das in Korea fünf Jahre lang läuft, als wichtigen Beleg dafür betrachten, dass diese Möglichkeit realisiert werden kann.

Einblicke in die hohe Qualität koreanischer Gestaltungs- und Handwerkskunst verrieten: es geht gar nicht ums schneller, funktionaler oder noch vernetzterer. Human Connection, also die menschliche Verbindung ist entscheidend. Wir sollen uns fragen wofür wir eigentlich all diese schönen, manchmal etwas sinnesfremden Gadgets und Spiele brauchen — und wie verbessert sich die Qualität unseres sozialen Lebens, unserer Kommunikation durch smartes Design?
Dr. Ken Nah, Leiter des IDAS (Hongik University, Korea), denkt über Antworten schon lange nach. In seinem spannenden Vortrag gab der Jurymitglied des Red Dot Award Einblicke in die Smart Revolution seines Landes und erläuterte den Status quo des Industriedesigns und des Smart Manufacturing. Den entscheidenden Satz sagte Dr. Nah am Anfang —
„We don’t build businesses. We build people“ — ein Zitat des amerikanischen Autors und Denkers Zig Ziglar. Es dreht sich doch vieles um unsere Art und Weise, Dinge zu sehen und zu interpretieren — und das Human-to-Human Interface ist immer noch das spannendste Forschungsgebiet für Ingenieure der Zukunft.
Mit dem recht ambitionierten Motto „The Smart Revoution“ hat nun Munich Creative Business Week einen sehr hohen Maßstab gesetzt. Kann nun die Plattform diesem Claim gerecht werden? Hat die Stadt München an sich auch das Potential, Smart City zu werden, mit einer Veranstaltung, die zwar als ­„größtes Design Event“ gefeiert wird, dennoch ausbaufähig an Themen und allem voran in einem Fokus ist und durch den starken Auftritt des Partnerlandes profitiert?
Dr Ken Nah wurde gefragt, wie er sich nun fühlt, wenn er in Deutschland ist — jenem Land, was im IT-Bereich hinter Korea liegt und einiges nachholen muss für die smarte Zukunft. “Ich genieße Eure reiche Geschichte, die in jedem Gebäude und jedem Stein so spürbar ist. Ich genieße Vielfalt. Denn ich glaube, Vielfalt ist entscheidend für die Entwicklung der Menschheit und Evolution. Auch für unsere technologische Entwicklung“.
Vielleicht sollte man sich das zu Herzen nehmen. Und über Reach Design nachdenken. Reich an Traditionen und Geschichte, die wir — ganz analog, Human-To-Human — einander erzählen, bevor wir uns im smarten digitalen Alltag verlieren.

Text: Natasha Binar
PHOTOGRAPHY: Studio Johannes Bauer studiojohannesbauer.com

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