DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES

The Virgin Suicides Kammerspiele


DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES – Mi. 17.05.

Susanne Kennedy: Die Selbstmord Schwestern. Kammerspiele München. Nach dem Roman von Feffrey Eugenides. Eine Rezension von Annalena Roters und Oliver Liebig

Sie sind tot. Alle. Fünf Schwestern. Nach dem Suizid der jüngsten von ihnen bringen sich nach und nach auch die verbliebenen Schwestern um. Das ist das Gerüst von Jeffrey Eugenides Roman und die Basis für Susanne Kennedys Inszenierung der „Selbstmord-Schwestern“ an den Kammerspielen. Auch die Stimmen der Nachbarsjungen, ihre Fragen, Erinnerungen, ihr Trauma sind präsent. Angereichert wird die Inszenierung mit Texten von Timothy Leary und aus dem Tibetanischen Totenbuch. Texte, die Beschäftigung mit Schwellenerfahrungen, in der Pubertät, im Rausch und im Sterben gemeinsam haben. Es gibt auch virtuelle Spuren. Die Schwestern bleiben als digitale Geister in Youtube Videos zurück. Kinder am Anfang oder mitten in der Pubertät. Die Motive ihrer Suizide bleiben rätselhaft. Unfreiheit, Druck, Bigotterie, Missbrauch? Kennedys Augenmerk richtet sich auf den Tod, das Sterben; Umstände, Gründe und Motive bleiben außen vor.

Die düstere Geschichte der fünf Schwestern – bei Kennedy kommt sie überbordend farbig daher. Es ist ein Proszeniumsbogen aus Bildschirmen, Projektionsflächen und Vitrinen, der einem Avatar eine Bühne gibt, einen Blumendschungel etabliert, Lichterketten glitzern lässt, Coca Cola Altäre entwirft, Familienfotos und Youtubekinder beherbergt. Er rahmt einen gläsernen Sarg, in dem eine tote Schwester liegt. Der mittig ausgestellte Sarg erinnert an Jan Fabres „Preparatio Mortis“ / Troubleyn, wo zu unruhigen Rhythmen in unendlicher Langsamkeit ein Leib ebenfalls einem Sarg entsteigt – allerdings einem aus Blumen. Dagegen ist der Körper in diesem Sarg aus Plastik, das blinkende Herz ebenfalls. Ein Altar für fünf tote Kinder.

Sind es auch die Mädchen, die sprechen? Wir wissen es nicht und sollen es auch nicht wissen. Denn gleich zu Beginn heißt es: „Dein Ego wirst du hinter dir zurücklassen.“ Der Avatar leitet durch den Abend und stellt dem Zuschauer die einzelnen Schritte des Loslassens, sei es im Rausch, sei es im Sterben vor. Es geht um das Sterben des Ichs. Die Schwestern sind nicht als Individuen da, sondern als kollektive sterbende Schwesternschaft.

Die Soundebene zeigt, dass elektronische Kompositionen im aktuellen Theater immer wichtiger werden. Stehende Bassflächen, disharmonische und schiebende Töne werden mit dem Kratzen einer Strumpfhose auf einer Schwimmmatte verflochten. Die Multitude of Sounds and Images, und letztlich auch Thoughts ermöglicht dem Theater Susanne Kennedys weiter zu wuchern und mehr als nur Anleihen bei bildender Kunst, Installation und zeitgenössischer elektronischer Musik vorzunehmen. Es sind noch keine Klangskulpturen, wie bei Scott Gibbons, dem Hauskomponisten von Romeo Castelluccis Socìetas Raffaello Sanzio. Dennoch verschafft die Soundebene in Kombination mit den entkoppelten Stimmen diesem Bereich, an dem im Sprechtheater sich lange niemand zu rütteln traute, eine neue Geltung.

Dies kann nicht davon ablenken, dass etwas unklar bleibt, wohin die Inszenierung will, was auch an der mehrtextuellen Kombination liegt. Nachdenken über den Tod? Learys Loslösung vom Körper? Ob das Ziel des Trips der Lisbon Schwestern ebenfalls Ecstasy gewesen sein mag, kann bezweifelt werden. Und wie die heutigen Virtualitäten mit den Menschen in Beziehung treten, das hat sich vermutlich auch Leary nicht vorstellen können.

Die Körper jedenfalls werden zurückgelassen, egal wer geht, ob der Geist oder der Avatar. Sie erinnern die Verbleibenden an die Gegangenen. Bei Kennedy kommt es darauf an, wie gegangen wird. Selbstmord ist dabei die extremste vorstellbare Weise, die nur noch durch die mehrfache Wiederholung übertroffen wird. Was ist dieser Tod, sind diese Tode? Triumph? Ein Mädchen sagt in einem der Schmink-Tutorials: „subscribe, like, who actually cares?“ Vielleicht ist der Tod kein Triumph bei Kennedy, aber wenigstens sorgt sich jemand, dann. Irgendwie.
 
Text: Oliver Liebig & Annalena Roters

WANN: nächste Vorstellung am Mittwoch, 17. Mai 2017, um 20 Uhr
WO: Münchner Kammerspiele
WEB: muenchner-kammerspiele.de