DIRETTISSIMA CONFERENCE

Direttissima Konferenz


DIRETTISSIMA CONFERENCE – Fr 22.04.

Münchens neue Medien- und Publishingkonferenz findet diesen Freitag in der Alten Kongresshalle statt.

Manches Mal kann es einem schwindelig werden ob der Fülle an Möglichkeiten, mit denen Personen, die „irgendwas mit Medien“ machen, ihren Willen zur Unvollkommenheit preisgeben, aber dann wiederum passiert es, dass man auf Menschen stößt, die voller Tatendrang ihre Talente zusammenschmeißen wollen, um die Medienwelt gründlich zu verbessern. Ihr Debüt gibt die Direttissima Konferenz am 22. April in der Alten Kongresshalle und hat sich gleich mal ein Bouquet an Rednern angelacht, wie es vielgestaltiger grad kaum sein könnte.

„Das Einzige, was wirklich zählt, ist Verbindung“, notierte sich Theresa Lachner als erste Sentenz, als sie ihren Input vorbereitete. Die Digitalnomadin mit Ursprung in Oberbayern, die sich aber statt anständigem Kunstbuchlektorat oder Büroalltag lieber der erotischen Bloggerei in Saigon, Andalusien oder Elba hingibt, wird ebengenau über den Konsens der Konferenz sprechen: Was macht Kontakte zwischen Auftraggeber, -nehmer und Publikum spannender und emotionaler?
(Neben der Elaborierung von Emotional Branding wird sie außerdem sehr viel Pfisterbrot mit Butter verspeisen, nach so viel Weltenbummlerei ohne deutsche Bäckereien.)

Sinnlich, beziehungsweise kulinarisch ins Spiel kommen auch Klaus St. Rainer, Inhaber der Goldenen Bar, sowie Mike Tobin, der die Whiskey Union in Diageo gründete. Auch diese beiden sprechen über Genuss und Begehrlichkeit, wenn auch ungleich Theresa eher in flüssiger als körperlicher Form. In deren Reihen gesellt sich Gastronom Tobias Schwarz aus der Berliner Hipster-Höhle St. Oberholz, der auch als Editor-at-Large für den Blog netzpiloten.de fungiert. Als Coworking-Spezialist rollt er den Prozess neu auf, was die digitale Veränderung aus unseren urbanen Arbeitsplätzen machte. Wo man von geteilten Workspaces redet, kann auch das Schlagwort Networking nicht weit sein, und um dieses kümmert sich auch Orbanism-Gründer Leander Wattig, der es als Herausgeber, Dozent, Autor und Blogger versteht, Projekte und deren Initiatoren erfolgreich miteinander zu verknüpfen.
Mit Orbanism saß zuletzt auch BuzzFeed-
Redakteurin Anna Dushime an einem Tisch. Geboren in Ruanda, kam die heute 26jährige mit ihrer Mutter und den Schwestern nach Deutschland, nachdem ihr Vater dem Genozid 1994 zum Opfer gefallen war. Demzufolge sah sie sich oft mit stereotypischen Vorurteilen hinsichtlich ihrer Familienkonstellation konfrontiert und formuliert ideale Integration heute als etwas, das auf beiden Seiten passieren muss. Ihr Talk wird sich um die vieldiskutierte Frage drehen, inwiefern digitales Sharing auch tatsächliches Caring ist. Als Wortschatzjägerin betitelt sich Wibke Ladwig (Sinnundverstand) und führt hinsichtlich ihrer Tätigkeit als digitale Ideenkatalysatorin ein Katja Ebstein-Zitat auf: „Theater, Theater, der Vorhang geht auf, dann wird die Bühne zur Welt.“ Mit dem Slogan der Inszenierung des Ich im Social Web erfindet sie freilich das konferenzthematische Rad der letzten Dekade nicht neu, aber verspricht einen O-Ton „vergnüglichen Bummel voller Lustbarkeiten, Kunstreitern, Gauklern, exotischen Tieren und Sensation“. Na denn!

Weitaus sachlicher schließt sich der Journalist Dirk von Gehlen an, der als Social Media/Innovations-Leiter der SZ, Pionier in Sachen Crowdfunding und Autor des Buches „Mashup – Lob der Kopie“ exorbitantes Fachwissen in Sachen Hierarchien und Regelwerken des Internets mitbringt. Grundidee und inhaltsverkörperndes Emoticon sei der „Shruggie“, der Talk trägt den Titel „Wer verstehen will, muss sich verstören lassen“.

Einer Medienkonferenz fehlen dürfen natürlich weder Twitter-Philosphen (New Yorker Eric Jaronsinski, NeinQuarterly), noch umtriebige, zu Selbstversuchen neigende TV-Journalisten (Richard Gutjahr) oder etwa Kunsthistoriker der alten Schule (Dr. Christian Gries, Kulturkonsorten). Dass, wie es also scheint, die Branche nach wie vor von Männerhänden geformt wird, wird Fiona Krakenbürger mit „Woman in Tech“ zu widerlegen versuchen: die studierte Techniksoziologin konzentriert sich mit ihrer Open Knowledge Foundation stark auf Diversität und wird die geschichtliche Entwicklung der informatischen Berufsgruppen gepaart mit der Geschlechterverteilung erläutern. Es sei hinzugefügt, dass sie ob dieser Themenwahl definitv keine feministische Hardlinerin ist, auch wenn sie zu ihren hauptsächlichen Hobbies Postkolonialismus und Tofu zählt. Wo wir gerade bei Frauenquote und Öko sind: die vielfach, zuletzt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Unternehmerin Sina Trinkwalder gründete dermaleinst das erste textile Social Business Deutschlands. Manomama beschäftigt ehemals arbeitslose Näher/innen und produziert Accessoires und Bekleidungsstücke, die einer ökosozialen, regionalen Wertschöpfungskette folgen. Wie Plagiat versus Neuerfindung sie kreativ nach vorne trieb, wird sie in ihrem Talk über Konkurrenz und grenzenlose Kommunikation berichten.

Den Titel der Konferenz erklärt wohl am besten der Beruf von Stefan Glowacz als Bergsteiger und Abenteurer: dem Italienischen entlehnt bezeichnet die Vokabel den „kürzesten Weg (zum Gipfel)“. So einige von diesen hat er nicht nur als Kletterer, sonder auch visionärer Unternehmer erklommen und teilt seine Melange kindlicher Neugierde und Stolz auf seine Leistungsfähigkeit. Dieses „Abenteuer Unternehmen“ zu wagen, empfiehlt er insbesondere Rookies, welche sich nebst der Tricks & Tipps erfahrener Speaker auch um den Startup-Slot bewerben können: die Jury um Lina Timm (Media Lab Bayern), Julia Köbl und Dr. Bernhard Scholz (Der Kontext), Nico Lumma (Next Media Accelerator) sowie Steffen Meier (readbox) prämiert kreative Produkte und Geschäftsmodelle nach ihrer Transformationskraft mit einem eigenen Panel oder einer Keynote. Wie es zu der gesamten Konstellation kam? „Nun, ich kenne bisher eigentlich gar keinen. Felix ist auf’s Lustprinzip gestoßen, hat mich vom Fleck weg gebucht und wir haben ein paarmal geskypt, da war ich noch im Schlafanzug“, plaudert Theresa Lachner.

Man darf innigst hoffen, dass sich Organisatoren Felix Wegener und Robert Goldtschmidt sowie die restlichen vielversprechenden Speaker gleichermaßen lässig wie begeistert auf die Konferenz vorbereiten, doch war ja die Hoffnung bekanntlich immer schon der Menschheit fähigster Motor.

T: Sonja Steppan

WANN: Fr. 22. April 2016, ab 10h
WO: Alte Kongresshalle, Theresienhöhe
WEB: konferenz.direttissima.de