DU BIST FAUST

Faust Ludwig Beck


DU BIST FAUST – bis 14.04.

BECK IST FAUST – Kunstinstallation im Schaufenster bei Ludwig Beck im Rahmen des Faust Festivals München 2018. Von Philipp Fürhofer & Ludwig Beck

Du bist Faust!

„I hab’s dann so gmacht, wie es die Grundschullehrer immer raten, wenn’s die Schüler nimmer wissen worum es geht: i hab’s mir als Video auf YouTube angschaut, mit Playmobilfiguren!“
Andrea Weber ist die toughe Bereichsleiterin „Store Kommunikation“ des Kaufhauses Ludwig Beck und als die Idee an sie herangetragen wurde, die Kampagne „DU BIST FAUST“ in ihr Schaufenster- und Store-Konzept zu integrieren, wusste sie nicht mehr so recht wohin, mit dem Theaterstoff. War die ursprüngliche Unsicherheit ob ihrer ehemaligen Schullektüre überwunden, war sie sich sicher, den Goethe-Klassiker – Ausstellungskonzepten über Peter Lindbergh und Leander Haussmann folgend – zum Publikumsmagneten machen zu können.
Bis Juli ist das Faust-Festival in vollem Gange, und das Münchner Traditionskaufhaus mitten drin und vorn dabei. Es wird dazu eingeladen, die bekannteste deutsche Tragödie von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Das Programm umfasst Events in Museen, Theatern, Kinos, Radio und TV. Und einen eigenen Faust-Wein gibt es auch.
„Nicht schon wieder!“, oder „Wirklich, immer noch?“ – zugegeben, Goethe scheint ein Thema zu sein, von dem die Deutschen nicht wegkommen, an dem sie sich geradezu festklammern auf Bühnen und in Klassenzimmern. Auf der letzten Biennale wurde Anne Imhofs Pavillon mit ihrem Werk „Faust“ als bester nationaler Beitrag gekürt, in der bayerischen Oberstufe ist die Tragödie das einzige Werk, das wirklich von allen gelesen werden muss. Aber zeugt das nicht auch davon, dass man sich immer noch daran reiben kann, dass viele immer noch nicht damit fertig sind? Der durchtriebene Mephisto, der rastlos suchende Faust und das unschuldige und doch verführbare Gretchen sind immer noch interessant und werden es wohl noch eine Weile bleiben. Bis schlussendlich alle von allen Lastern frei sind. Na, dann viel Glück!
In der Kunsthalle München heißt es vom 23. Februar bis zum 14. April „DU BIST FAUST“; die Ausstellung behandelt die Auseinandersetzung verschiedener Künstler mit dem Drama Goethes. Das Ausstellungsdesign stammt von Philipp Fürhofer, ein in Berlin lebender und arbeitender Künst-ler.
Für den Auftakt zu mehrteiligen Exhibition hat er das elf Meter lange Schaufenster von Ludwig Beck am Marienplatz in einen „Illusionsraum“ verwandelt, wie der renommierte Bühnenbildner selbst es nennt. Die Schaufensteraußenseite ist mit einer Spiegelfolie beklebt, sodass sich die Vorbeigehenden darin betrachten können. Durch Aussparungen kann man jedoch auch einen Blick hinters Glas erhaschen: die Rückwand zeigt einen dunklen Sternenhimmel, nur durch Spiegel in pompösen goldenen Rahmen durchsetzt. Davor sind Schaufensterpuppen in Szene gesetzt, die in den Spiegeln hinter ihnen zusammen mit den Passanten vor dem Fenster hundertfach multipliziert scheinen.
Dieser Unendlichkeitseffekt lässt einen erst einmal stutzen, denn auf einmal ist man selbst Teil der Szenerie. Zudem sind die Figuren so angeordnet, dass es so wirkt, als würden sie den Betrachter interessiert beobachten. Es entsteht ein spannendes Wechselspiel zwischen Realität und Illusion, mustern und gemustert werden, Kunstwerke ansehen oder selbst eines sein.
Auch in der Kunsthalle wird mit solchen Vervielfältigungen gearbeitet, Fürhofer will damit die Ausstellungsbesucher miteinbeziehen, sie dazu bringen, sich nicht nur als Außenstehender mit Faust auseinanderzusetzen, sondern sich mit den Protagonisten zu identifizieren, sich selbst im Werk wiederzufinden. Der Titel ist selbsterklärend reflektiert; der kosmische „Prolog des Himmels“ mit seinen existenziellen Ansätzen aktuell wie nie.
Die auffälligen goldenen Rahmen um die Spiegel sind wertvolle Stücke verschiedener Epochen aus der Sammlung Werner Murrers. Mit dieser wortwörtlich historischen Einrahmung wird die Relevanz der in Faust aufgegriffenen Themen im Laufe der Geschichte verdeutlicht; die ältesten Werke stammen aus dem 17. Jahrhundert. „Mei, unwahrscheinlich ist’s ned, dass die von Franz von Stucks Privatbesitz kommen, der war ja mit Heinrich von Zügel eh gut befreundet!“
Die Installation im Schaufenster von Ludwig Beck bringt das Faust-Festival mitten in den öffentlichen Raum und spricht damit auf ganz natürlichem Weg – nämlich quer über den Marienplatz – ein breiteres Publikum als die Kulturveranstaltungen an. Gerade deshalb seien die Modefiguren im Schaufenster verschiedener Größe und unterschiedlich gekleidet, sie sollen Alle ansprechen und einladen, so die Sprecherin von Ludwig Beck. Dass die „sportlich-legeren Outfits“ von Moschino und anderen Edelmarken sind, die sich nicht einmal im Traum jeder leisten kann, sei mal dahingestellt.
Für das „Kaufhaus der Sinne“ ist es nicht das erste Mal, dass sie sich mit Künstlern zusammentun und Kultur fördern: Liesl Karlstatt und Karl Valentin gingen dermaleinst ein und aus, zum 125. Jubiläum durfte ein Bühnenvorhang von Picasso im Schaufenster ausgestellt werden und im vergangenen Jahr konnte man am Rathauseck Werke von Peter Lindbergh bewundern. „Eine homogene Weiterentwicklung“, nennt das Team sein Faible für die Integration künstlerischer Inhalte in einem kommerziellen Rahmen.
Die jetzige Arbeit, eine Auseinandersetzung mit Faust in Kollaboration mit einem Bühnenbildner und einem Rahmensammler, ist auch für das Team von Ludwig Beck eine außergewöhnliche. Frau Weber soll Recht behalten, die Installation ist gelungen und wird sicher einige, die sonst eher vorbeieilen, kurz innehalten und näher hinsehen lassen. Manche nur, um die Frisur im Spiegel zu checken, manche wegen der coolen weißen Lederjacke und vielleicht sogar ein paar, weil es ein ziemlich ausgefallenes Schaufenster ist.
Und bei wem das Abitur schon zu lange her ist, der führt sich halt auf YouTube den Clip „Faust to go (Goethe in 9 Minuten)“ vom Playmobil-Ensemble zu Gemüte.

Text: Lisa Genzken & Sonja Steppan

WO: Schaufenster von Ludwig Beck am Marienplatz
WANN: noch bis 14. April 2018