FASHION AUGUST 2017

Moritz Biele


FASHION AUGUST 2017

Green washing is the new black
Mode und Nachhaltigkeit sind zwei Worte, die man öfters im selben Satz sieht. Ein Adjektiv, das Bilder von Industrie und Ökologie hervorruft, „nachhaltig“ kommt eigentlich in Mode, wenn es Mode beschreibt.

Nachhaltigkeit als Konzept brummt seit Jahren, aber ihre präzise Anwendung auf die Welt der Mode war ein bisschen trüb. Desto überraschender ist der Umstand, dass H & M, Nike und Asos zu den 13 Mode- und Textilmarken gehören, die den Prince of Wales Prinzen von Wales International Sustainability Foundation Vertrag unterzeichneten, der vorsieht, bis zum Jahr 2025 auf Biobaumwolle umzusteigen.

Wo wir schon wieder oder erst jetzt beim Thema wären. Was ist genau die Biobaumwolle? Ist es die, die ohne Pestiziden hergestellt wird, also auf einem biologisch kontrollierten Feld? Ja. Nun sind zwei Länder für diese Art der Produktion bekannt – Indien und.. Uzbekistan. Wo die Arbeitsbedingungen nicht unbedingt als fair gelten, und Kinder ihre Zeit nicht auf der Schulbank verbringen sondern auf dem Feld, um ihre ganze Familie zu ernähren. Clichés die wir alle kennen – und vor denen wir auch gerne die Augen verschließen, wenn es um die Biobaumwolle geht. Consious Collection ist ein Widerspruch an sich, da man nicht 100% davon ausgehen kann, dass die Teile aus Baumwolle wirklich fair produziert wurden. Aber Marketing-technisch sieht es gut aus und spricht eine ganze neue Zielgruppe und Generation an, die etwas genauer überprüft, ob man eine Jeans für 10 Eure ohne Gewissensbisse kaufen soll, denn so niedrig wie der Preis kostet ein Kaffee in München.

Im April dieses Jahres kam die Branche bei der führenden Denim-Messe, Kingpins, Teil der Amsterdam Denim Days zusammen und rief die nachhaltige Denim-Debatte auf. Im gleichen Jahr startete das deutsche Unternehmen C & A die Initiative „Fashion for Good“ um die sogenannte circular fashion – also mit möglichst wenig Abfall – zu fördern.

Alles schön und gut. Und jetzt kommen die schlechten Nachrichten. Eine UN-Studie untersuchte die Footprints oder das Verbrauchs- und Konsumentenverhalten von „grünen“ Verbrauchern, die umweltfreundliche Entscheidungen treffen, und verglich die Zahlen mit denen von weniger „grünen“ Verbrauchern, also den Normalos: kein nennenswerter Unterschied zwischen den beiden.

Eine Reihe von kleinen, ethischen Kaufentscheidungen zu machen und dabei die strukturellen Anreize für nicht nachhaltige Geschäftsmodelle der großen, Profit-orientierten Unternehmen zu ignorieren, wird die Welt nicht so schnell verändern wie wir wollen. Aber es macht uns zu besseren Menschen, wenn wir nachhaltiger konsumieren, zumindest in unseren eigenen Augen.

Das Problem ist, dass, obwohl wir die richtigen Entscheidungen treffen wollen, es oft zu wenig, zu spät ist. Zum Beispiel wiederverwertbare Kleider. Wir bringen die zu Oxfam, oder zu einem anderen Second Hand Store, und fühlen uns großartig. Wenn unsere Kleidung in relativ gutem Zustand ist, wird sie womöglich verkauft und findet einen neuen Besitzer. Wenn es aber nicht der Fall sein sollte? Wird sie am Ende in den exakt gleichen überladenen Abfallstrom enden, irgendwo in Vietnam oder Haiti. Dies ist nicht unsere Schuld aber so ist es. Haben Sie schon mal China erlebt? Die pfeifen nämlich auf Mülltrennung, und schmeißen alles zusammen weg, in das früher mal blaue Wasser der Südsee, was mittlerweile etwas grau und schmutzig geworden ist. Ich habe es selber gesehen, ich weiß wovon ich spreche.

Neulich zeigte mir eine Freundin aus London stolz ihre Kollektion von Bio-Salz in der Küche. Ja, sie haben es richtig verstanden – Bio-Salz! Organic Salt. Der Gipfel des nachhaltigen Lifestyles – und der Naivität der Bürger der ersten Welt.

Die Nachhaltigkeitsbewegung ist eine elitäre Bewegung. Sie brauchen eine angemessene Menge an verfügbarem Einkommen, um ethische und nachhaltige Konsumoptionen zu bieten, die Freizeit, um die Kaufentscheidungen zu erforschen, die sie machen, der Luxus, 95% von dem, was Ihnen angeboten wird, zu ignorieren, und, wohl mit einem Diplom in Chemie, um die Etiketten und darauf geschriebene Inhaltsangaben richtig zu verstehen. Genauer gesagt, müssen Sie David De Rotschild sein; der Sproß einer reichen Bankier-Familie, der seine Zeit und seine Resourcen nicht auf Parties verbraucht, sondern Expeditionen zum Nordpol finanziert und GreenPeace unterstützt.

Der duchschnittliche Bürger in China oder Weißrußland oder Afrika ist erstmal mit solchen Themen verschont, denn er ist nämlich damit beschäftigt, zu überleben. Grünes Lifestyle hin oder her.

Die Auswahl von Mode aus Hanf, Grillen der Kellner darüber, wie Ihre Fische gefangen wurden, und erforschen, ob ihre Stadt Flasche Caps recyceln könnte man sich gut fühlen, belohnen ein paar soziale Unternehmer, und vielleicht schützen Sie vor Anklagen der Heuchelei. Aber es ist kein Ersatz für einen systematischen Wandel.

Kurzum, der Konsum ist das Rückgrat der Weltwirtschaft – was bedeutet, dass der individuell bewusste Konsum grundsätzlich scheitern muss. Alle Systeme, der Markt, die Institutionen, alles ist kalibriert um den Verbrauch zu maximieren, sagen die Experten. Die ganze Marketingbranche und die Werbung begeistert neue Bedürfnisse, die wir nicht kennen konnten. Und dazu gehört Conscious Consumption.

Einmalige nachhaltige Kampagnen und Initiativen werden nicht wirksam sein, wenn sie nicht Teil einer breiteren Strategie sind: Marken müssen an den vollen Lebenszyklus ihrer Produkte denken; Mehr Konsumenten müssen ihre Gewohnheiten ändern; Unternehmen müssen ihre Konventionen ändern; Politiker müssen den Klimawandel ansprechen, und eine sozial-bewusste Einstellung muss auf der ganzen Linie angewendet werden, um eine wirklich nachhaltige Industrie zu schaffen. Patagonien, mit deren Idee der Verlangsamung des Wachstums, ist ein guter Anfang. Sie betrachten jeden Schritt ihrer Versorgungskette: jeder Stich, jeder Stoff und jeder Hersteller, bevor sie etwas schaffen, entwerfen oder produzieren. Um das dann doch an uns zu verkaufen.

Ich glaube, die Lösung – so komplex die sein mag – liegt im Undenken unseres Verhaltens. Und unseres Verbrauchs. Man braucht nicht zehn bio-Gesichtscreme-Sorten und zwanzig Bio-Salz Dosen, um sich besser als Nachbar zu fühlen. Und man braucht sicherlich keine Shopping-Touren, um sich glücklicher und erfüllter zu fühlen. Ich meine es.

Text: Natasha Binar

PHOTOGRAPHY: Moritz Biele geistigerbrandstifter.de
E-PAPER: SUPER PAPER #94