FASHION JULI 2017

Hajime Sorayama Courtesy of NANZUKA


FASHION JULI 2017

Chancen für zweite Städte. Vergessen wir Berlin. Ein ebenso großer Umbruch lautet: Heimat

Die Hipster und Horst Seehofer haben etwas Gemeinsames: Das Nahe ist plötzlich wichtiger als die Ferne. Der modische, moderne Lokalpatriotismus ist aber kein Münchner Phänomen, sondern findet sich in allen Großstädten.
„I love NY“. Ein kleiner Ausflug in die Geschichte eines der bekanntesten Logos ist unterhaltsam und lehrreich zugleich. Der Künstler Milton Glaser, 1929 in der Bronx geboren, erinnerte sich kürzlich in einem Interview mit der New York Times an New York im Jahr 1977: „Ein düsterer Ort. So viel Kriminalität. Wirtschaftliche Probleme. Die Leute hatten Angst, auf die Straße zu gehen“. Aber der Grafikdesigner floh nicht aus seiner Stadt, sondern entwarf im gleichen Jahr einen Slogan, der das Schicksal der Metropole veränderte: „I love NY“.
Ein Bekenntnis zur eigenen Herkunft. Eine Liebeserklärung an eine Stadt, die in Flammen stand. Die „I love NY“-Kampagne, für die Glaser nur 2000 Dollar Honorar erhielt, eroberte die Welt und wird 40 Jahre später immer noch kopiert. „Die Gegenüberstellung der nackten Buchstaben mit dem weichen Herzen fing die Härte und Verletzbarkeit von NYC ein“, schreibt die Soziologin Miriam Greenberg von der University of California. „Ein Designer kann den Zeitgeist treffen, aber nur, wenn er die verborgenen Ängste der Gesellschaft versteht.“
Da stellt sich die Frage, welche Gefühle eigentlich dazu führen, dass die Leute in den urbanen Zentren heute statt des blütenweißen „I love NY“-Shirts lieber textile Bekenntnisse zu ihrer direkten Lebensumgebung tragen: „100 % Schwabing“, „Brrrr Munich“ oder gleich eine Stadtkarte von Hamburg, in der das eigene Viertel rot markiert ist. Das New-York-Shirt wurde geliebt, weil es Edgy war, 100 Prozent hinter einer Werbeanzeige zu stehen, aber auch, weil man sich so zu Werten wie Chaos, Vielfalt, Fernweh und Übermaß bekennen konnte. Im Jahr 2017 feiern die Leute nur noch die Stabilität, Bequemlichkeit und Überschaubarkeit ihres eigenen Kiezes. Kann man schön finden, wenn viele ihren Lebensmittelpunkt schätzen – gleichzeitig erinnert das an die großen politischen Formeln des Jahres: „Take your country back“  oder „Make America great again“. Das Nahe wird plötzlich wichtiger als die Ferne. Der französische Präsident Macron bringt es auf den Punkt – „Make our world great again“.  Und die Queen Elizabeth II trägt bei der Parlamentsdebatte um den Brexit einen blauen Hut mit gelben Applikationen, der an die Flagge der Europäischen Union erinnert.
Der moderne Lokalpatriotismus ist kein Münchner Phänomen, sondern findet sich in allen Großstädten. In Hamburg zum Beispiel steht in der Drogeriekette Budnikowsky oder im Edeka-Supermarkt ein ganzes Fanartikel-Sortiment in der Nähe der Kasse: Tassen, Shirts, Kugelschreiber und Kühlschrankaufkleber, bedruckt mit Ankern, der Hafen-Skyline und den Farben der Stadt. Am interessantesten an den Stadt-Fanartikeln ist jedoch, dass sie nicht am Jungfernstieg, an den Landungsbrücken oder anderen Touristenfallen verkauft werden, sondern im lokalen Drogerie- und Supermarkt, wo die Menschen einkaufen, die man nicht daran erinnern muss, dass Hamburg lebenswert ist, weil sie da ja schon leben. In München geht man in das Glockenbachviertel und findet in der Hans-Sacks Straße Lederhosen, Leberkäse-Schlüsselanhänger, Brotzeitdosen und andere Werkzeuge für das wilde 21. Jahrhundert.
Darüber hinaus gibt es mehr und mehr Galerien und Stores, die lokales Design und Mode verkaufen – made in Munich, Hamburg oder Frankfurt, als würde ein Brandmanager der Tourismusbehörde dies inszenieren. Also steppt der Bär nicht nur in Berlin. In Zeiten globaler Vernetzung ist die Sehnsucht nach einem lokalen, einzigartigen Stück Heimat umso größer. Plötzlich denken wir daran, dass die kulturelle Landschaft eines Landes nicht nur in der Hauptstadt entsteht, sondern dezentralisiert in den sogenannten zweit-Städten gepflegt wird. Nicht in London sondern in Manchester, nicht in New York, dafür in San Francisco, und nicht in Wien, sondern in Graz oder Salzburg. Und die Hälfte der ausstellenden Designer des Berliner Mode Salons, einer von der Vogue und German Fashion Council kuratierten Plattform für Modeschöpfer, sind eben keine Berliner – sie kommen aus München, Stuttgart oder Hamburg.
Wir sind im Übrigen gar keine Hamburger oder Berliner oder Münchener mehr, sondern angeblich Angehörige einer viel kleinteiligeren Stammesordnung, kommen aus Altona, der Schanze, St. Pauli oder irgendeinem Büttel, in Bayern bekennen sich die Leute analog zu urmünchnerischen Stadtteilen wie Sendling oder Giesing, in Wien ist die Nummer des Bezirks fast genauso wichtig wie das Geburtsdatum. „Wo wohnst du?“ ist die wichtigste Smalltalk-Frage überhaupt. Die Antwort will geübt sein: Der Stadtteil als Mode-Item, das man sich nicht überzieht, sondern in das man hineinschlüpft und das man verinnerlicht. Diese Bewegung – und dieses Phänomen – sind absolut nachvollziehbar. Die Hinwendung zum eigenen Hinterhof ist auch eine Bewegung der soziokulturellen Kleinkünstler, denen es immer um Abgrenzung aber auch um Findung der eigenen Identität geht. Scheinbar überkommene und unmögliche Mode-Statements werden angeeignet und umgewertet. Was früher der Schnurrbart und das feingerippte Unterhemd waren, ist heute der Lokalpatriotismus – die Provinzliebe als ultimative Provokation.
 
Oder im Fall von Deutschland – eine bewußte Abgrenzung zu Berlin auf der Suche nach dem eigenen Ich, was eben in Bayern oder an der Elbe entstand und was bei weitem viel spannender wäre als ein globaler Hipster-brei, erkennbar an jeder Ecke der Hauptstadt. Nichts gegen Berlin, es ist eine der freiesten und offensten Städte der Welt – aber auch eine der anonymsten. Überhaupt soll dieser Vergleich München vs Berlin aufhören, denn es bringt niemandem etwas. Deutschland hat viele wunderbare Städte mit viel kreativem Potential das es zu entdecken gilt.
 
Passend zum Zeitgeist und dieser Entwicklung öffnet in München ein temporärer Design Store mit Galerie im Ruffinihaus am Rindermarkt seine Türen, genannt Sommersalon. Von den drei jungen Designerinnen Bea Bühler, Katharina Weber und Theresa Reiter (WE.RE) ins Leben gerufen, wird dort neben eigenen Produkten eine kuratierte Auswahl an interessanten Erzeugnissen von lokalen Künstlern gezeigt, begleitet durch ein wöchentliches Rahmenprogramm, bei dem sich Musik- und Kulturveranstaltungen abwechseln und sich Münchner Kreative präsentieren.
 
Jeden Donnerstag bietet das Programm neben Vernissagen auch kulturelle Veranstaltungen aus Dichtung und Lesung sowie ein facettenreiches Musikprogramm von Jazz bis Elektronik. Design, Kunst und Mode also vereint unter lokalem Dach mit globalem Look und urbanem Zeitgeist. Ein T-Shirt mit #I heart Glockenbach in einem coolen modernen Schriftzug wäre hier längst fällig.
 
Text: Natasha Binar

ART: Copyright by Hajime Sorayama Courtesy of NANZUKA target="_blank">sorayama.jp
E-PAPER: SUPER PAPER #93