FASHION JUNI 2017

Stephan Schneider


FASHION JUNI 2017

“Mode ist ein Dialog“ Designer Stephan Schneider (Antwerpen) im Gespräch mit Natasha Binar.

Der Modezirkus bewegt sich immer schneller:  Burberry führte „See now buy now“ – Konzept, die Kunden dürften beim britischen Modehaus direkt vom Laufsteg die Teile der nächsten Saison schon jetzt bestellen.  Zara, H&M und Co. verkaufen jede dritte Woche eine neue Kollektion, fast jede 24 Stunden irgendwo in der Welt erneut sich ein Teil des Sortiments der vertikalen Modeanbieter, die das Geschäftsmodel „Fast Fashion“ zu ihrem Erfolg gemacht haben. Doch welchen Preis bezahlen Umwelt, Produzenten und Verbraucher für diese Schnelligkeit und den immer wieder aufs neue getriebenen Anstieg des Modekonsums? Gibt es keine Alternativen, wenn man auf dem Modemarkt bestehen will?

Stephan Schneider, Inhaber und Chefdesigner der erfolgreichen Marke STEPHAN SCHNEIDER, hat sich von der preiswerten industriellen Massenproduktion abgewandt. Stattdessen legt Schneider  größten Wert auf die Qualität der Materialien. Seine anspruchsvollen Kollektionen werden in seiner Ateliers, Meisterbetrieben und Manufakturen in Deutschland und Belgien hergestellt.
Wie alles anfing? Mit 18 wünschte ich Schneider nichts sehnlicher als einen Anzug von Yohji Yamamoto und fasst den Entschluss, selbst Designer zu werden. 1990 bewarb er sich an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen, wurde aufgenommen  – und graduierte als bester Absolvent seines Jahrgangs in 1994. Mit seiner Abschlusskollektion gewann er den „Philip Morris Parliament of Fashion Award“ und bekam damit die Möglichkeit seine Mode auf der Paris Fashion Week zu präsentieren. Die erste Show wurde ein großer Erfolg, sodass Stephan Schneider fortan unter seinem Namen in Antwerpen ein eigenes Label führte.
Seine Männer- und Frauenkollektionen tragen Titel wie „African Tofu“, „You’ll Always find me in the Kitchen at Parties“ oder „Frozen Waves“. Seine Designs haben meist strenge und klare Silhouetten – sein Humor und seine Verspieltheit findet man nur in den Details. Stephan Schneider selbst nennt seine Mode: „Konservative Avantgarde“.
Sein jährlicher Umsatz beträgt 1,5 Millionen Euro, er verkauft international – von Japan (sein größter Markt) bis USA, in Deutschland unter anderem in Schwittenberg in München, wo gerade seine Sommer-2017 Kollektion angeboten wird.
Schneider überzeugt durch ein einfaches Konzept: Stoffe, die er meist gemeinsam mit italienischen Webern selbst entwickelt hat, und Schnitte, die klar, aber nicht zu einfach sind. So haben Ärmel bei ihm meistens keine Nähte, da sie nicht angesetzt werden, sondern aus einer Stoffbahn geschnitten sind. Seine Mode ist nicht auffällig oder schrill, dagegen sehr subtil  und jedoch wegweisend.
„Ich mache keine Jacken mit zwölf Ärmeln, ich arbeite aber auch nicht den Konventionen entsprechend. Ich mache keinen Mantel, in dem man friert. Ich mache keine Handtaschen, nur weil man das jetzt macht. Der ideale Modedesigner kreiert seinen Markt selbst,“  sagt Stephan Schneider – und stellt konsequent ökologische und soziale Verantwortung in den Vordergrund seiner Kollektion. Für ihn gehört es selbstverständlich dazu, sein großes Vorbild Dries van Noten macht es schließlich auch nicht anders.
Stephan Schneider erklärt zu seinem Stil: „In den Achtzigern hat Mode schockiert. Ich bin aufgewachsen mit In-Diskotheken und Türstehern, die nur die Elite passieren ließen. Das war eine Mode im Sinne von Erniedrigung. Ich sehe Mode aber als Dialog.“

Mit SuperPaper sprach der Designer über seine Sicht der Modebranche, sein Erfolgskonzept und die Zukunft der Mode.
 
SP Sie behaupten sich auf dem Markt seit über 20 Jahren. Was ist ihr persönliches und beruflches Erfolgsmodel?

StSch Ich arbeite seit Anfang an vollkommen unabhängig, organisch – ohne Businessplan, Verkausanalysen oder Marketinsstrategien. Die Porduktion wird durch Anzahlungen vorfinanziert; nur was ich in der vorhergehenden Kollektion erwirtschaftet habe, kann ich in die darauffolgende investieren.
Dies macht schnelles Wachstum unmöglich, ist jedoch Basis für ein gesundes, kontinuierliches Wachsen der Firma. Bis heute habe ich noch nicht einen Kredit bei einer Bank genommen, werde es auch nie tun.            

SP Wie sehen Sie die Zukunft von kleineren Nischenmarken in der globalen Wirtschaft? 
StSch Ich bin stolz, Inhaber einer Nischenfirma zu sein. Meine Kollektion sehe ich nicht als Marke. Marke verknüpfe ich mit Marketing, einer Dienstleistung, die ich für jedes kreative Produkt mit individueller Handschrift unnötig finde. Ein Produkt mit emotionalem Appeal soll sich doch selber verkaufen. Ich beliefere seit meiner Abschlusskollektion an der Königlichen Akademie für schöne Künste in Antwerpen einen globalen Markt, hauptsächlich Nord Amerika und Asien. Diese Kunden möchten Kollektionen für ihre Geschäfte exklusiv selber entdecken und später verkaufen. Wo es Mainstream gibt, gibt es auch Nischenmarken. Diese nicht überall erhältlichen Produkte sind sehr gefragt in der globalen Wirtschaft. Die Zukunft ist gut!

SPKann man den Preiskrieg gewinnen?
StSch Ich habe Preise noch nie als Vergleichswerte angesehen. Meine Preise errechne ich wie jede Hausfrau es machen würde: Stoffverbrauch + Knöpfe + Futter + Nähkosten zusammen mal zwei.
Dies ist kein Geheimnis, das kann doch jeder wissen. Ich habe noch nie eine Mischkalkulation gemacht – das heißt Preise meiner Kleidungsstücke mit denen von anderen Designern verglichen, und dann den einen Preis etwas höher gemacht, den anderen etwas niedriger. Das hatte ich nie. Und das macht meine Kollektion einzigartig, die ist nicht einzuordnen im Markenmarkt. Ich bin stolz darauf, ohne Agenten, Presseagentur und Messeauftritte zu arbeiten. Ich verkaufe meine Kollektion ausschließlich an fünf Tagen in meinem Showroom in Paris. Basta. 
Daher kann ich meinen Kunden den echten Preis vom Produkt weitergeben, ohne vielen Zwischeninstitutionen, die alle noch mal ihre Umsatzbeteiligung verlangen und damit die Kosten nach oben treiben würden.

SP Wer sind Ihre Kunden? Für wen designen Sie? 
StSch Meine Kunden sind keine Modefreaks… Viele sind Künstler oder arbeiten in der Kunstszene. Sie haben natürlich Ansprüche an Qualität und Schnitte, sind Individualisten und lieben schöne Kleidungsstücke.
Wenn Sie eine Kooperation angehen würden, mit einer Person oder einem Brand, mit wem würden Sie gerne zusammen arbeiten? 
Ich bin kein Freund von Kooperationen. Kooperation heisst Kompromisse finden. Meine Kleidungsstücke müssen anzuziehen sein… Mehr Kompromisse möchte ich gestalterisch nicht eingehen.
 
Text & Interview: Natasha Binar

E-PAPER: SUPER PAPER #87