FASHION RESOLUTION 2020 – WENIGER UND BEWUSSTER KAUFEN

Raman Djafari


FASHION RESOLUTION 2020 – WENIGER UND BEWUSSTER KAUFEN

Laut Statistischem Bundesamt lassen sich die Deutschen Schuhe und Bekleidung jährlich rund 78 Milliarden Euro kosten. Jeder Deutsche kauft im Jahr durchschnittlich 60 Kleidungsstücke – das macht etwa fünf Stück pro Monat oder ein bis zwei neue Teile jede Woche. Erstaunlich und erschreckend zugleich, dass der Großteil davon nie getragen wird (87 Prozent laut Institut für Konsumforschung).

Mehr als eine Million Tonnen an Textilien werden nach einer Schätzung in Deutschland pro Jahr aussortiert und meist in Container geworfen. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl an Kleidungsstücken, die im Hausmüll entsorgt werden. Die Modeindustrie ließe sich erst radikal verändern, wenn die Konsumenten hierzulande mitreden und etwas bewusster kaufen. Denn so kann man schließlich die klassische Balance zwischen Nachfrage und Angebot wiederherstellen.
Ein Vergleich mit der Lebensmittelindustrie ist naheliegend: Die Geiz-ist-geil-Kampagne machte Dauertiefpreise in den 90ern zur Normalität. Inzwischen gibt es aber Biotomaten und Eier aus Freilandhaltung bei jedem Discounter. Deutschland hat sich so zum größten Markt für Biolebensmittel in Europa entwickelt. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren?
Das heutige Zertifizierungssystem führt über 60 unterschiedliche Gütesiegel und einen auf Selbstauskunft basierten „Grünen Knopf“. Das macht es nicht einfach, zu erkennen, welches Kleidungsstück gute Qualität nachweisen kann und welches in weniger als einem Jahr auf der Mülldeponie landet. Die strengsten Richtlinien für eine nachhaltige und soziale Textilproduktion in Europa hat das „Naturtextil IVN Zertifiziert BEST“-Siegel des Internationalen Verbandes der Naturtextilwirtschaft (IVN). Bei Outdoor-Produkten weist das Siegel von Blue Sign darauf hin. Von Fairtrade gibt es gleich zwei Siegel: Das Baumwoll-Siegel deckt die erste Stufe der Textilproduktion ab und steht für umweltschonend und fair produzierte Rohbaumwolle. Von dort bis hin zum fertigen Produkt setzt der Fairtrade-Textilstandard an. Er achtet auch auf faire Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette. Das Siegel der Fair Wear Foundation(FWF) achtet ebenfalls darauf.
Der Preis ist zwar mitentscheidend, aber auch teure Marken lassen ihre Designerteile in Asien produzieren, um sie hierzulande für das Zehnfache anzubieten. Also auch keine Lösung für die Weltverbesserer mit dem nötigen Kleingeld.
Was also tun? Hier ein paar Tipps, wie man beim Einkauf auf die Kleidungsstücke achtet, die etwas länger „leben“ könnten und damit schon etwas nachhaltiger als das topmodische saisonale Angebot wären.
Werde ich es wieder tragen?  Wenn Sie sich für ein Hemd oder ein Paar Schuhe entscheiden, fragen Sie sich: Gefällt es mir wirklich? Ist es vielseitig kombinierbar? Und, um das Motto der Aufräumexpertin Marie Kondo zu zitieren: Bringt es mich zum Strahlen? Wichtig ist, dass man neue Dinge nicht aus Frust oder Langeweile kauft, denn das ist der erste Schritt zur niemals endenden Spirale der Begierde, wo man am Ende immer öfter kauft und immer weniger Freude daran hat.
Auf den Preis kommt es an Suzy Menkes, die legendäre Modekritikerin, drückte schon 2014 ihren Unwillen über Leute aus, die Kleidung kaufen, die nur so viel kostet wie ein Cappuccino und ein Croissant.
Ein gutes Kleidungstück darf etwas mehr als zehn Euro kosten, viel zu lange sind wir schon an Discounter und Rabatte gewöhnt. Wenn Sie das nächste Mal ein T-Shirt für drei Euro kaufen wollen, denken Sie daran, dass Sie es sehr wahrscheinlich nur kurze Zeit tragen und bald wieder in das nächste T-Shirt investieren. Am Ende zahlen Sie womöglich mehr. Warum nicht gleich ein gutes T-Shirt für 20 Euro kaufen, das etwas länger in Ihrem Kleiderschrank bleibt?

Materialen im Test  Stoffe aus Naturfasern wie Baumwolle, Seide und Wolle sprechen für eine nachhaltige und weniger umweltschädigende Produktion, da diese direkt von Pflanzen und Tieren stammen. Kunstfasern wie Polyester oder Elasthan hingegen werden aus natürlichen oder synthetischen Materialien künstlich hergestellt. Auch hier gilt: Immer auf Zertifizierungen wie GOTS (Global Organic Textile Standards) achten. Polyester, die am meisten verwendete synthetische Faser, wird aus Erdöl hergestellt. Sie ist nicht biologisch abbaubar und verbraucht in der Produktion extrem viel Energie. Außerdem ist dieser Stoff nicht atmungsaktiv, was einen unangenehmen Schweißgeruch verursachen kann.
Allgemein gilt: Je höher der Anteil an Naturfasern ist, desto besser ist die Qualität. Fassen Sie das Kleidungsstück beim Einkaufen an und fragen Sie sich: Fühlt sich das gut an oder knistert und faltet es überall? Kann ich durch den Stoff sehen? Dickere Stoffe halten in der Regel länger als dünnere. Für T-Shirts sollten Sie ein Stoffgewicht von ungefähr 200 Gramm pro Quadratmeter anstreben. Da die meisten von uns nicht mit einer Waage einkaufen gehen, ist es einfacher, eine Hand zwischen die obere und untere Schicht des T-Shirts zu legen. Wenn Sie durchschauen können, ist es zu dünn. Die Handregel gilt auch für Hemden und Pullover.
Lokal produziert  Lokale Labels wie der Münchner Designer Marcel Ostertag oder die Berliner Marken Nobi Talai und Rianna + Nina lassen ihre limitierten Kollektionen in Deutschland und der EU produzieren und achten auf die Herstellungsbedingungen. Nicht alle Designer, vor allem nicht kleinere Marken, können sich die teure Zertifizierung leisten. Nachhaltigkeit ist jedoch bei ihnen eine Selbstverständlichkeit, allein wegen der lokalen Produktionsstätten und kleineren Auflagen, wo Produktionsprozesse einfacher kontrollierbar sind. Außerdem sind die Kleidungstücke wirklich einzigartig, und man läuft nicht Gefahr, bei einem wichtigen Meeting einer Bürokollegin im gleichen Kleid zu begegnen.

Bewegungsfreiheit  Körperliche Schmerzen sind der größte Feind des Styles. Wenn man in High Heels nicht laufen oder stehen kann, macht auch die schönste Party kein Spaß mehr. Wenn man sich unwohl fühlt, weil das Kleid im Sitzen zu kurz oder das Hemd zu eng ist, ist man ja auch kein guter Gesprächs- oder Flirtpartner beim Dinner. Ein wenig Pragmatismus schadet nicht: Prüfen Sie alles, was Sie anprobieren, auf Lebenstauglichkeit: Herumlaufen, hinsetzen, drehen lohnt sich.
Passt es zu Ihrem Stil oder sollen Sie sich dem Kleidungsstück anpassen?  Wilde Prints und knallige Farben sehen an Models immer gut aus, aber an Normalsterblichen, die Größe 42 tragen? Oder ein Minikleid mit Zebramuster? Wenn man jung ist, experimentiert man ja gern, bis man die eigene Stilrichtung findet. Aber mit Mitte 20, Anfang 30 sollte man doch besser wissen, was an Mustern, Farben und Schnitten passt. Die Frage ist: Will ich etwas Neues, das meinem Stil entspricht, oder wird dieses Stück in meinem Kleiderschrank komplett aus der Reihe tanzen? Hier gilt: Neuzugänge müssen mit mindestens einem Drittel aller anderen Kleidungsstücke klarkommen, sprich, kombinierbar sein. Und uns letztendlich zum Strahlen bringen können.

Text: Natasha Binar

Art: Raman Djafari