FESTIVAL OF INDEPENDENTS

Super Paper Festival of Independents Haus der Kunst


FESTIVAL OF INDEPENDENTS

Das Haus der Kunst feiert im November zwei Wochen lang das „Festival of Independents“,

die erste Ausgabe eines neuen Formats, das sich mit unabhängigen Projekten, Kollaborationen und Initiativen auseinandersetzt, die sich im urbanen Raum Münchens festgesetzt haben. Querbeet aus den Bereichen Musik, Gastronomie, Mode, Kunst, akademischen Wissenschaften, Umweltengagement, Theater, Publishing und vielen anderen, hat das Haus der Kunst ein enges Programm gespinnt, das täglich in verschiedenen Veranstaltungen die kreativen und eigensinnigen Produktionsstätten urbaner Kultur vorstellen. Mit dem Projekt nähert sich das Museum, das regelmäßig in Blockbuster-Ausstellungen die internationale Gegenwartskunst zelebriert, an den Münchner Untergrund an und verlässt für zwei Wochen die etablierten Gefilde.
Die Zusammenstellung des reichhaltigen Programms spannt einen großen Bogen über die Kreativwirtschaft Münchens, darf aber nicht als vollständige Präsentation der unabhängigen Szene missverstanden werden. Vielmehr wurde versucht aus möglichst vielen Sparten und Ecken Projekte vorzustellen, anhand derer das komplexe Verhältnis zwischen Urbanität und Gegenwartskultur aufgezeigt werden soll.

Wenn es um die Lebensqualität und das Image einer Stadt geht, sind es immer wieder die gleichen Begriffe, die verträumt vorgebracht werden: Kreativwirtschaft, freie Szene, Subkultur und Untergrund, dynamische Stadtentwicklung, Kulturförderung. Geradezu unabdingbar danach folgt ebenso schnell der gleißende Abgrund: Gentrifizierung, Ausverkauf, Kulturwüste oder Elitenförderung. Die Förderung des kreativen Untergrunds zur Sicherstellung der Diversität einer Stadt ist ein komplexes Thema und trotz des anhaltenden regen Diskurses und zahlreichen Negativbeispielen, keucht und fleucht es auf dem Gebiet. Was das Haus der Kunst zu leisten versucht, ist einigen dieser unabhängigen Initiativen eine stärkere Sichtbarkeit zu verschaffen und einem größerem Publikum vorzustellen. Damit rückt das Museum den Fokus auf die Bedeutung einer selbstständigen, freien und unabhängigen Szene auch für etablierte Institutionen. Denn wenn es um die Förderung kleinerer Kulturprojekte geht, ist das nicht nur ein Beitrag zur Anti-Gentrifizierung oder einem besseren Stadtimage, sondern Basisarbeit für den gesamten Kulturbetrieb. Für die Entwicklung einer starken, vielfältigen und hochwertigen Kulturlandschaft ist es essentiell, dass junge Kreative nicht nur überhaupt die Möglichkeit haben, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, sondern auch die Freiheit haben, Experimente einzugehen und Umwege einschlagen zu dürfen. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass Kreativität die nötige Hemmungslosigkeit entwickelt, dass sich eine größere Szene stärker austauscht und schlussendlich die singuläre Qualität angehoben wird – welche sodann in Institutionen wie dem Haus der Kunst entsprechend honoriert werden kann.

Besonders für München ist dieses Thema virulent, da wir einerseits für unsere Kulturlandschaft gelobt werden, andererseits die hohen Mieten es kaum erlauben auch nur kleinste Risiken auf sich zu nehmen. Die großen Kultureinrichtungen sind vielfältig gesät und arbeiten auf hohem Niveau, doch den Untergrund und die Subkultur muss der Münchner suchen. Zwar schaffen es immer wieder hier und da, Offlocations oder temporäre Initiativen auch über das klassische Alternativpublikum hinaus Aufmerksamkeit zu generieren, aber diese bleiben Ausnahmen. Da ist es ein willkommener Anblick in einer renommierten Institution wie dem Haus der Kunst über 30 verschiedene kleinerer und größerer Projekte und Unternehmen aus dem Bereich der kreativen Szene versammelt und geschätzt zu sehen. Denn sobald man ein bisschen in Münchens Hinterhöfen rumkramt, beschleicht einen das Gefühl, dass es bei uns nicht grundsätzlich an der Existenz, sondern oftmals schlicht an der Sichtbarkeit mangelt.

Das bestätigt auch das Festival, dessen Auswahl an manchen Stellen für den kulturfleißigen Bürger nicht ganz überraschend sein mag, das aber dennoch recht anschaulich die Bandbreite aufzeigt. Dass das Format keine reine Ausstellung ist, sondern zu einem Festival erhoben wurde, liegt vor allem an dem Ziel, neben dem Austausch auch eine Reflexion über die Bedingungen einer freien Szene anzustoßen. Das Haus der Kunst formuliert es unter anderem mit dem Versuch „ein besseres Verständnis des Urbanen als Bedingung des Zeitgenössischen“ herstellen zu wollen. Im Fokus liegt also nicht eine reine Zurschaustellung der Existenz eben jenes Milieus, sondern auch die Untersuchung ihrer Bedingungen, die Charakterisierung ihrer Dynamik und die verschiedenen Modelle und Visionen, wie man sie auf lange Sicht sichern kann. Das Urbane erhält hierbei nicht nur die Funktion eines Katalysators, sondern vielmehr die der grundlegenden Petrischale, ohne die distinktive Produkte der Gegenwart gar nicht erst entstehen würden. So wird einerseits vielen Projekten der Platz eingeräumt, ihr bisheriges Schaffen vorzustellen und vor Ort weiterzutreiben, andererseits sind auch Vorträge, Seminare und Podiumsdiskussionen reichlich gesät.

Die eingeladenen Projekte sind teilweise untereinander kaum zu vergleichen. Während Münchens wichtigstes und renommiertestes Exportunternehmen in Sachen elektronischer Musik, Mathias Modicas und Jonas Imberys Plattenlabel Gomma, mit einem Postermagazin in der Ausstellung vertreten sind, gibt es dort ebenso am Wochenende ein Honigtasting eines Münchner Imkerkollektivs. Eine ganze Woche lang wird die komplette „Zweite Heimat”, der weltbekannten „Heimat“-Trilogie von Filmemacher Edgar Reitz gezeigt, die insgesamt über 54 Stunden dauert; ein andernmal veranstaltet das Boxwerk Boxkämpfe oder das Modelabel A kind of Guise ein Fussballturnier. So unterschiedlich wie die Sparten und Nischen sind, die besetzt werden, so unterschiedlich sind auch die Genres, in denen präsentiert wird. Damit wird versucht im Programm widerzuspiegeln, was innerhalb des Stadtraums unterstützt werden sollte: Die aktive Förderung eines möglichst breit angelegten Spektrums kultureller Bildung. B

eim Überblicken des Programms wird dabei noch ein weiterer, wichtiger Aspekt deutlich: Fast allen vorgestellten Projekten ist gemein, dass sie alternative Lebens- oder Arbeitskonzepte umsetzen. So ist das genannte Modelabel „A kind of Guise“ aus einem interdisziplinärem Kollaborativ kreativer Freunde entstanden, die einen besonderen Fokus auf die Handwerkskunst setzen, dem Material und dessen Lebensdauer einen höheren Stellenwert beimessen und auch in der Produktion versuchen, die üblichen Pfade zu meiden. Damit hat die Marke einen eigenen, prägnanten Stil entwickelt, der bei den Münchner Männern zwischen 20 und 40 ein kollektives Aufatmen bewirkte. In nur drei Jahren ist daraus eine Erfolgsgeschichte gewachsen, die kaum zu übersehen ist und inzwischen die verdiente internationale Aufmerksamkeit genießt. Fast zeitgleich vollbrachte eine heimische Band einen ähnlich rasanten Aufstieg mit ihrem speziellen Stil: Die Schlachthofbronx ist ein Dj-Duo, das wild in den Musiktopf aller Herren Länder greift und nur eine Grundbedingung gelten lässt – Bass. Schon nach ihrem Debüt im Jahr 2009 wurden die Musiker von den Kulturredaktionen der Stadt für ihre Originalität und Kreativität gepriesen und haben es so geschafft, über München hinaus ein großes Publikum anzusprechen. Ihr Alleinstellungsmerkmal haben sie in der hemmungslosen Mischung aus basslastiger Musik mit eigensinnigen Klängen verschiedenster Kulturen – vom heimischen Bayern bis nach Afrika – gefunden. So prägen die beiden das neue Genre „Munich Bass“ und kehren zwischen ihren zeitintensiven Touren immer wieder in ihr Schlachthofviertel zurück.

Wenn wir bei Musik vormals schon Gomma nannten, darf bei dem Festival im Haus der Kunst natürlich ein weiteres Aushängeschild der Münchner Musikkultur nicht fehlen: die Chicks on Speed. Zwar haben die sich nicht so sehr wie die Schlachthofbronx an München gebunden, aber immerhin gegründet haben sie sich hier. Das begab sich 1994 an der Münchner Kunstakademie, wo sich zunächst die Amerikanerin Melissa Logan mit der australischen Alex Murray-Leslie für ein Performanceprojekt zusammentat, das schnell den Rahmen der Akademie sprengte. Obwohl die Band auch kommerziell wuchs und mit mehreren Singles in den internationalen Popcharts vertreten war (unter anderem mit der legendären Hymne „Kaltes, klares Wasser“), blieben sie stets als Performancekolletiv nah an der Kunstszene. Für das Festival of Independents werden sie im Westflügel performen. Ein weiteres Schmankerl aus Münchens Musikszene ist da natürlich noch FSK, die ebenfalls ein Konzert geben werden. Selbst Wikipedia nennt die fünfköpfige Gruppe selbstverständlich „Avantgarde-Band“, die sich 1980 in München gründete und in den nunmehr über 30 Jahren ungebrochen ein komplexes, musikalisches Oeuvre kreierte, das von Punk und New Wave bis hin zu House und Techno reicht. Was die Band neben der dichten musikalischen Qualität vor allem auszeichnet, ist deren stringentes politisches, und ästhetisches Konzept, das dafür sorgte, dass sie bis heute immer wieder in einem tiefen Diskurs innerhalb der Szene wühlen und, ganz ihrem Titel folgend, freiwillige Selbstkontrolle betreiben.

Neben diesen Münchner Vorzeigeprojekten sind aber auch viele andere Initiativen vertreten, die in kleineren Resonanzräumen an der Zukunft feilen. Dabei wird in einer Präsentation beispielsweise das Konzept der „Urban Initials“ vorgestellt, also sogenannte Initialräume innerhalb des Stadtgebiets, die ganz gezielt eingesetzt werden, um den kulturellen, sozialen und ökonomischen Status bestimmter Gegenden zu katalysieren. Als Pilotprojekt wird in Zusammenarbeit der Stadt München mit Agropolis und raumlaborberlin in den nächsten 20 Jahren der neue Münchner Stadtteil Freiham vorgestellt. Hier soll durch bewusstes gestalterisches und inhaltliches Steuern, städtisches Leben initiiert werden – an der Schnittstelle zwischen Stadt und Land, Kultur und Natur. Die Präsentation im Haus der Kunst möchte neue Ideen und Anregungen für das Projekt sammeln und weitere Kreative dafür gewinnen. Damit werden sicherlich auch grundsätzliche Fragen aufgeworfen, die auch in den verschiedenen Seminaren und Vorträgen von Akademikern und Wissenschaftlern bearbeitet werden sollen. Die „Seminars of the Present“ untersuchen allesamt die Gegenwartskultur, versuchen deren neue Spezifika zu benennen, neue Wertvorstellungen und Lebensformen herauszufiltern. Von der Frage nach tatsächlicher Freiheit, den Realitäten von geschlechtsspezifischen Lebensformen- und -normen bis hin zur „Philosophie als Zersetzung des Gegebenen“, werden ganz verschiedene Themenbreiten angesprochen.

Neben diesen exemplarischen Empfehlungen ist es aber bei Weitem nicht getan. Es empfiehlt sich, sich das Programm früh genug zu Gemüte zu führen, um die entsprechenden persönlichen Favoriten nicht zu verpassen oder erneut zu übersehen, was doch so alles in München passiert. Wenn auch einige Institutionen bedauerlicherweise fehlen, ist es ein erster Schritt zu mehr Sichtbarkeit und Austausch, und gleichzeitig auch zu mehr Wertschätzung dafür, was viele Leute mit wenigen Mitteln und Unterstützung auf die Beine stellen. Es ist ein Impuls, weiterhin einen regen Diskurs über die Bedingungen von urbaner Kultur zu führen und ein Spaziergang durch die unabhängige Kunstszene – Party, Musik und Bier gibt es auch.

T.: Dana Weschke

WANN: Fr. 15. November 2013 bis So. 1. Dezember 2013
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1
WEB: hausderkunst.de