FESTSPIEL-WERKSTATT 2017

Festspiel-Werkstatt 2017


FESTSPIEL-WERKSTATT 2017 bis 28.07.

Die Festspiel-Wekstatt der Bayrischen Staatsoper. Zeitgenössisches Musiktheater und mehr – bis zum 28. Juli 2017 im Postpalast an der Hackerbrücke

Per definitionem ist die Werkstatt eine Produktionsstätte, an welcher die Ressourcen nach dem Verrichtungsprinzip organisiert sind. Als Manufaktur zeigt sie ihre Dynamik als ein Ort der öligen Finger, verschmierten Haaren und vor Eifer leuchtenden Augen. In einer Werkstatt bleibt man weder untätig, noch sauber, und kommt man heraus, ist ein Gegenstand fertiggestellt oder zumindest repariert. Es lagern dort Rädchen und Nägelchen und Döschen, viele verschieden große Schrauben, Drähte, Pappdeckel, allerlei längst entsorgungswürdiger Plunder und Zierrat aus vergangenen Epochen, der möglicherweise irgendwann von Nutzen sein könnte, vielleicht aber auch einfach weiter vor sich hin rostet. Im Gegensatz zu Kfz-Meisterbetrieben, Spenglereien und Schmieden ist die Werkstatt im kunstgeschichtlichen Kontext weit weniger präzise an ein klassisches Handwerk gekettet. Man mochte die Idee, eine Gruppierung dann als Werkstatt zu klassifizieren, wenn sich Kunstschaffende zusammentaten, die oft nicht einmal namentlich genannt werden wollten, weil sie, entweder noch wenig berühmt, einem bestimmten Lehrer und dessen Stilrichtung folgten, oder eben anonym zu bleiben der Nennung vorzogen. Die Vorstellung, einem gewissen kreativen Kader anzugehören, und die künstlerische Arbeit über den fame zu stellen, ist romantisch und wild und ehrenhaft.
Wenn sich die Dresdner Sezession oder die American Abstract Artists gemeinsam einen Raum schufen, in denen eine Kunstrichtung praktiziert und folgerichtig gewürdigt werden konnte, war deren Mehrwert gewaltiger, als ein Conrad Felixmüller oder ein Burgoyne Diller im Alleingang hätten bewerkstelligen können.
 
Nun könnte man argumentieren, dass in einem digitalen Zeitalter solcherlei Zusammenschlüsse hinfällig geworden sind. Gedankliches Gemeingut ist öffentlich und jedem zugänglich, und auch die absurdesten, künstlerischen Ideen finden begeisterte Jünger oder spätestens auf Youtube ein bisschen Aufmerksamkeit. Aber eher wahrscheinlich ist es, dass genau dieser abstrahierende Internetkonsum das Analoge, Haptische, sogar Olfaktorische vermissen lässt, und so passt es zu einer kultivierten Ideenschmiede wie der Staatsoper, wenn ihr Programm der Festspiel-Werkstatt immense Bedeutung zumisst.
 
Am Pult des Bayrischen Staatsorchesters im Postpalast macht den Auftakt am 26. Juni Oksana Lyniv mit der Kammeroper “Greek” von Mark-Anthony Turnage. Die ukrainische Dirigentin, die jüngst zur Chefdirigentin der Grazer Oper und des Grazer Philharmonischen Orchesters bestellt wurde, lotst durch eine schicksalshafte Tragödie der Antike, in der Ödipus versehentlich seinen Vater ermordet und die eigene Mutter heiratet. Interpretationen existieren indessen wie Sand am Meer, und quasi einer Interpretation der Interpretation nimmt sich das Ensemble mit dem Exkurs in Berkhoffs Version an, die den griechischen Mythos in den grausamen Alltag eines sozialen Brennpunkts verlagert und mit musikalischen Stilen des 20. Jahrhunderts eine eigene Vehemenz entwickelt. Mit Miranda Keys, Okka von der Damerau, Tim Kuypers und Robert Bork auf der Bühne erlebt das Drama 30 Jahre nach der Uraufführung eine nie dagewesene Heftigkeit.
 
Nur zwei Tage später, am 28. Juni, geht es noch werkstatthafter zu, ja mutet gar “[catarsi]” als Arbeitstitel an: das AGORA Musikkollektiv bestehend aus Benedikt Brachtel, Anna Brunnlechner, Benjamin David, Claudia Irro und Valentin Köhler liebäugelt mit der, zugegebenermaßen, größenwahnsinnigen Idee, durch ihren Auftritt die körperlich-sensorische und institutionsgeprägte Rezeptionsweise der Zuschauer experimentell zu untersuchen. Ihre vieljährige Arbeit an etablierten Institutionen des Theaters und der zeitgenössischen Musik bereitete sie auf ihr aktuelles Repertoire vor, mit dem sie bereits im Rahmen der Laborabende “Prozessor I-III” im Laufe der Saison einzelne Parameter des Musiktheaters anhand von “Fidelio” transformierten und nun zu einem multimedialen Musiktheaterabend laden. Auf Beethovens Komposition in szenischer wie virtueller sowie musikalischer Weise reagierend betrachtet AGORA nun das Phänomen der Katharsis – sowohl bei den Zuschauern, als auch der Opernfigur Leonore.
 
Dass es in der Festspiel-Werkstatt um die Leichtigkeit der wahrhaften, großen Gefühle geht, sei hiermit bewiesen, doch setzt die Kinderoper “Kannst du pfeifen, Johanna” dem noch eine weitere Krone auf: als unkonventionelle Annäherung an das Thema Alter und Sterben, frei von Sentimentalität, versteht sich die poetische, ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem alten Mann und zwei Jungen, die sowohl Glücksmomente als auch Trauer kennt; aufgeführt am 8., 9. und 12. Juli.
 
Die Werkstatt-Atmosphäre manifestiert sich am 28. Juli unter anderem auch im Aufgebot (teils absonderlicher) Puppen und Instrumente: der erst 30jährige Österreicher Nikolas Habjan erfüllt den Saal mit den Fragen eines suchenden Wanderers, Texte von Jörg Amann und Robert Walser rezitierend. In “Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus” interpretiert der gefeierte Puppenspieler und Festspiel-Regisseur in Zusammenarbeit mit der Tiroler Banda Franui Musik frei nach Schubert, Schumann, Brahms und Mahler, – und zwar mit Hackbrett, Harfe, Streichern und Blechbläsern. Dabei trifft die musikalische Tiefe und theatralische Wucht auf die Sinnkrise einer Symbolfigur, die man als gleichermaßen bewundert wie verhasst bezeichnen könnte. Die Vorstellung ist demnach mit Obacht zu genießen, denn der meisterhafte Erzähler Habjan könnte das Verlangen auslösen, alles stehen und liegen zu lassen, um sich ohne faktischen Grund, höheren Sinn oder konkretes Ziel auf die Suche nach der Weite der Welt zu begeben.
 
Wohin man sich, abgesehen von der Münchner Staatsoper und ihren ausgelagerten Veranstaltungsorten wie dem Postpalast, unterdessen völlig sorgenfrei aufmachen kann: ein wenig Werkstatt-Charakter in der heimischen Garage aufstöbern und die dort lagernden Rollschuhe, Bilderrahmen, Autoradios, Blumenkübel und Rasensprenger wieder flott machen. Das hält agil und pfiffig!

Text: Sonja Steppan
 
WAS: Greek / [catarsi] / Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus
WANN: (26./27.6. und 3./4.7.), (28./29.6. und 1./2.7.), Doch bin ich nirgend, ach! zu Hausam 28.7.

 
WAS: Festspielwerksatt der Opernfestspiele 2017
WANN: ab dem 26. Juni bis zum 28. Juli 2017
WO: Postpalast München an der Hackerbrücke
WEB: bayerische.staatsoper.de