GLAUER. JOIE DE VIVRE

fructa space


GLAUER. JOIE DE VIVRE – Sa. 07.09.

Glauer Joie de Vivre – Eröffnung Samstag im fructa space

Glauer Joie de Vivre. Diese Ausstellung ist ein Gefühl. Ein Moment, in dem das Dopamin zu tanzen beginnt, wir der Euphorie verfallen. In diesem Zustand unmittelbarer Gegenwart liegt alles so nah beieinander, dass es kaum auszuhalten, geschweige denn auseinanderzuhalten ist. Versuchen wir uns an Momente der Lebensfreude zu erinnern, gelingt das nur bedingt, denn Erinnerungen treffen nie den Punkt. Auf der Suche diese Empfindung zu fassen, hat sich Marius Glauer seinem Archiv gewidmet und seine Tentakel nach foto-biografischem Quellenmaterial ausgefahren.

Auf der Fassade des Hauses begegnen uns drei junge Männer. Three Horses. Billboard-groß steht Glauer neben zwei Freunden an einem Strand in Madagaskar. Das Bild wirkt gestellt, als hätte es die Vorahnung gegeben, dass es eines Tages bedeutend werden könnte. Naive Unbändigkeit, Hoffnungen, Träume, Glaube und Zweifel. Alles scheint hier schon angelegt zu sein, aber nichts ist ausformuliert. Glauer reflektiert eine vergangene Beobachtung, wir beobachten diese Beobachtung der Beobachtung. Nach Luhmann geht es bei solchen Beobachtungen zweiter Ordnung nicht mehr um das Was, sondern um das Wie. Und dieses Wie findet sich in Materialität und skulpturaler Geste der Installation. Auf einem leicht durchhängenden, transluzenten Mesh wirkt die Reproduktion des Bildes wie die Abstraktion einer Erinnerung. Wir betrachten eine vergangene Zukunftsvorstellung und die Perforation lässt das Bild atmen, Erinnerungen aufleben.

Hinter dieser Membran finden wir im farbigen Schimmer von Three Horses die raumgreifende Installation Dreams and Memories, die aus einer hängenden PVC-Folie und der titelgebenden Fotografie Joie de Vivre besteht. Farben verlaufen, Motive fallen ineinander und erstarren in einer fragilen Schwebe zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Georgia O’Keefe meets Jeff Koons. Unsere Augen versuchen die Oberflächen zu sortieren, Sinnschichten freizulegen. Die brillante Schärfe des rinnenden Nagellacks bricht sich im sphärischen Schleier der Orchideenblüte. Natur und Künstlichkeit. Kurzes Innehalten. Ein Gefühl kommt auf. Erinnerung oder Halluzination? Doch das Benennbare, das Empfinden zerstäubt in einem Hauch von Euphorie.

Auf der gegenüberliegenden Wand findet sich eine weitere Blüte. Rosa, fallend, im Auge des Orkans. Anima. Die glänzend silbrige Tasche wird zum Animus, zur silbrigen Welle, die unsere Blüte umherwirbelt und Pirouetten tanzt. Ein Überschuss an Dopamin und Serotonin. Dark Blossom Margiela fixiert diesen Flow-Moment. Die ephemere Materialassemblage mutiert zu einem Stillleben. Lichtbrechungen werden zu hyperrealen Effekten. Maßstäblichkeit wird in Frage gestellt. Schemenhaft erahnen wir die dämonischen Hände des Künstlers. Wir taumeln in einer visuellen Ballade. Champagner. Gläser stoßen aneinander. Kling.

Marius Glauer (*1983, Oslo, Norwegen) ist ein in Berlin lebender Künstler. Er studierte an der Parsons New School for Art and Design in New York und schloss sein Studium an der UdK Berlin als Meisterschüler von Josephyn Pryde ab. Seine Arbeiten wurden u. a. bei Addsdonna, Chicago; Heit, Berlin; Kunstnernes Hus, Oslo, und bei der Daimler Art Collection, Berlin, gezeigt. 2010 hat Marius Glauer – zusammen mit Gernot Seeliger – den artist-run space Heit, Berlin, mitbegründet und bis 2017 zahlreiche Ausstellungen organisiert.

Glauer Joie de Vivre bringt neben der Installation von Marius Glauer zudem eine neue dreiteilige Lesung von Jan Erbelding zur Aufführung. Erbeldings künstlerische Praxis ist textbasiert und vermittelt sich vor allem durch seine Performances/Lesungen. Hier ist Text nicht nur Schriftbild und Inhalt, sondern im Prozess des Vortragens, das grundsätzlich vom Künstler selbst übernommen wird, eröffnen sich weitere Wahrnehmungsebenen. Ausgangspunkt der Texte sind meist Beobachtungen der unmittelbaren Umgebung oder persönliche Erlebnisse des Künstlers: körperliche Empfindungen, Emotionen, Alltags- und Naturbetrachtungen, Tagträume und Imaginationen, Versatzstücke von Dialogen, Gedankenströme. Diese verflechtet Erbelding gekonnt mit theoretischen und literarischen Referenzen sowie gesellschaftspolitischen Kommentaren zu dichten, poetisch-assoziativen Berichten eines Ich-Erzählers. In Lesungen wirken diese Texte noch intensiver, wie aneinandergereihte, atemlose Beschreibungen intimer Wahrnehmungs- und Denkprozesse. Durch die geraffte, seltsam gedämpfte Vortragsweise, bei der sich verschiedene Sounds, Sprachen und Geschwindigkeiten mischen und miteinander dynamisieren, vermitteln sich nicht nur Oberflächlichkeiten, Stoff- und Sinnlichkeit, sondern der Zuhörer findet sich wieder in einer diffusen, emotional aufgeladenen Atmosphäre. Obwohl die Dinge sehr konkret und plastisch benannt werden, verbleiben Jan Erbeldings Texte in einem wunderbar latent unscharfen Stadium der Abstraktion, schwer greifbar und nur individuell vom Zuhörer zu komplementieren. Aus dieser Textpraxis sind derweil auch Druckwerke erwachsen, die konkreter Poesie ähneln und mitunter Teil der Installationen werden. Zudem finden sich seit diesem Jahr erstmals auch lakonisch-poetische Objekte, wie die Uhren, die aus Kartonagen entstehen. Diese Objekte sind dingliche Manifestationen von etwas, das keine Existenz hat und dem wir dennoch unterworfen sind: der Zeit. Diese Uhren sind ungenau genau, Zeit wird nicht mehr lesbar, bleibt aber dennoch (be-)greifbar. Hier wird Poesie philosophisch: „Wir liegen in wirklicher Haft an unwirklichen Ketten. Die Zeit, die selber etwas Unwirkliches ist, verbreitet über alles und uns selbst einen Schleier der Unwirklichkeit.“ (Simone Weil)

Jan Erbelding (*1984, Freudenstadt) ist ein in München lebender Künstler. Nach einer Fotografenlehre und einem Medienkunststudium an der HfG Karlsruhe studierte er freie Kunst an der AdBK München und schloss dieses als Meisterschüler bei Olaf Nicolai ab. Seine Arbeiten waren zuletzt zu sehen in der Kunsthalle Wien; im Eigen Art LAB, Berlin; Stiftung Federkiel, München; Kunsthalle BadenBaden/Cité, BadenBaden; Kreuzberg Pavillion, Berlin; D21, Leipzig und Kunsthalle Baselland, Basel. Jan Erbelding betreibt – zusammen mit Leo Heinik und Maria von Mier – Ruine München, einen Offspace, der Ausstellungen im Format einer Publikation realisiert, die jeweils einer Künstlerin gewidmet sind.

Text: Christian Ganzenberg

Mit Lesungen von Jan Erbelding
20.09. / 28.09. / 26.10. – 19 Uhr

Powered by Christian Ganzenberg

WANN: 08.09.2019 – 26.10.2019
Eröffnung: 07.09.2019, 18 Uhr
WO: fructa space, Leonrodstraße. 89, 80636 Munich