HAUS DER KUNST

Kapselausstellungen Haus der Kunst


HAUS DER KUNST – Do. 14.09.

Kapsel 07 / Oscar Murillo – Going Forth: The Institute of Reconciliation – Kapsel 08 / Polina Kanis – Von 15. September 2017 bis zum 18. März 2018 zeigt das Haus der Kunst die vierte Ausgabe seiner Kapsel-Ausstellungen. Eröffnung und Party im Haus der Kunst

Die Reihe bietet jungen, internationalen, aufstrebenden Künstlern mit einer markanten konzeptuellen Vision die Gelegenheit, neue Arbeiten zu entwickeln und vorzustellen. In diesem Jahr werden die Kapseln von dem aus Kolumbien stammenden, in London lebenden Künstler Oscar Murillo (*1986) und der derzeit in Amsterdam lebenden, russischen Künstlerin Polina Kanis (*1985) bespielt. Die beiden Präsentationen eröffnen spannende Einblicke in gegenwärtige künstlerische Produktionen und Methoden.

Oscar Murillo
In nur wenigen Jahren hat Oscar Murillo eine der aufregendsten Positionen der Gegenwartskunst entwickelt. Primär in der Praxis der Malerei beheimatet, sprengt er diesen Rahmen auf radikale Weise, indem er Videos, Zeichnungen, Drucktechniken, Skulptur, installative und performative Elemente in seine Präsentationen integriert. Daraus entsteht eine intensive, unmittelbare und körperliche Qualität.
Die jüngsten Installationen des Künstlers zeichnen sich durch ein tastendendes Erkunden des Raums durch malerische Gesten sowie ihre historischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und philosophischen Assoziationsfelder aus. Murillos raumgreifende, extrem dichte Installationen bestehen aus schweren, teilweise zerrissenen und wieder zusammengenähten, beidseitig in schwarzer Ölkreide und Ölfarbe bemalten Leinenstoffen. Auf Stahlkonstruktionen drapiert, die an Obduktionstische erinnern, oder wie an Wäscheleinen aufgehängt, ordnen sie den Raum neu. Waagen, die an industriell gefertigten Haken montiert sind, vermitteln ein System des Messens. Ein Gemisch aus Ton und Mais setzt spröde skulpturale Akzente wie Lebenszeichen. Der Boden, die Wände, der Raum selbst und die Vielschichtigkeit der entstehenden Blickachsen verbinden sich zu einer vibrierenden Konstellation − einer Metapher von Transformation. Sichtbar, spürbar wird die Lust und Intensität genauso wie die Fragilität des Lebens mit seinen Komplexitäten.

Gespräch zwischen dem Künstler Oscar Murillo und der Kuratorin Anna Schneider
Anna Schneider: Schon seit einiger Zeit integrierst du in deine Installationen schwarze Leinenstoffe. Welche Bedeutung hat das – auch mit Blick auf die Ausstellung im Haus der Kunst?
Oscar Murillo: Ich frage mich, was wir tun können, um die Zukunft nicht mehr nur als eine utopische, alternative Vision zu sehen, sondern einen anderen Blickwinkel einzunehmen, mit einem unbeteiligten, beobachtenden Bezugspunkt: eigentlich ahnen wir es ja bereits. Durch die sozialen Medien lassen sich die Brennpunkte in der Welt nicht mehr ignorieren – von Nordkorea über das Horn von Afrika bis nach Palästina und Venezuela. Aber die von mir in meine Installationen integrierten Leinenstoffe beziehen sich ebenso auf meinen eigenen Charakter, auf Gefühle von Angst oder Ungerechtigkeit, die nicht unbedingt auf einer universellen Logik beruhen müssen.

AS: Kannst du noch etwas zur Bedeutung sagen, die die Farbe „Schwarz“ für dich hat?
OM: Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mitten in der Nacht, mit 120km/h und bei starkem Regen auf einer Straße durch die Bergtäler von Valle del Cauca im Südwesten Kolumbiens fuhr. Dabei musste ich unweigerlich an einen tragischen Tod denken. Ich sehe mich auf dem Beifahrersitz, durch die Hügel der besetzten West Bank fahrend, auf unserem Weg nach Hebron, oder die triebhaft wirkende Gentrifizierung der Innenstädte beobachtend, zu Fuß auf den breiten Straßen im nächtlichen Berlin, sehe ich die riesigen Öfen in den Zuckerfabriken von La Paila brennen. Das großspurige Gehabe von jugendlichen Kids aus der Arbeiterklasse, wenn sie am Unabhängigkeitstag eine gesellschaftliche Elite in einem Privatclub am Rande von Santiago de Cali in Kolumbien unterhalten. Den schwarzen „Schnee“, die Asche von Zuckerplantagen, die nach der Ernte abgebrannt werden. […] Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, in Mexico City Diego Riveras Wandbild Man, Controller of the Universe von 1934 zu bewundern. Es ist eine enzyklopädische Manifestation, die noch 83 Jahre nach ihrer Entstehung zahlreiche widersprüchliche Realitäten widerspiegelt.

AS: Du hast für deine Präsentation im Haus der Kunst den Titel Going Forth: The Institute of Reconciliation gewählt. Man könnte darin eine Veränderung weg von deinen früheren Installationen sehen, die den Akt des Trauerns betonten. Welche Polaritäten willst du damit auflösen?
OM: Ich sehe darin keinen didaktischen Ansatz, sondern mehr ein natürliches Resultat, einen organischen Schritt vom Akt des Klagens hin zu einer Versöhnung nach einem Verlust.

AS: An anderer Stelle hast du einmal gesagt, dein Ziel bestünde darin, ein „kollektives Bewusstsein“ zu fördern. Was meinst du damit und wie ist das mit deiner Praxis verknüpft?
OM: Es geht um das Aufeinandertreffen von Schicksalen, das Bedürfnis des Publikums nach trügerischem Austausch und Beziehungen − etwas, das sich über eine nicht festgelegte Zeit entfaltet und in dem wir hoffen, Verbindungen darüber hinaus aufbauen zu können.

AS: Das Projekt Frequencies, das du gemeinsam mit Familienmitgliedern und der Politikwissenschaftlerin Clara Dublanc entwickelt hast und das bisher in Schulen in über dreißig Ländern durchgeführt wurde, ist vor kurzem auch an fünf Münchner Schulen realisiert worden. Über den Zeitraum von sechs Monaten wurden auf den Schulbänken Leinenstoffe fixiert und damit die Schüler dazu angeregt, ihre Zeichnungen, Spuren und Ideen zu hinterlassen. Die Ergebnisse sind nun als Teil der Installation im Haus der Kunst zu sehen. Dass du die Frequencies-Leinenstoffe in deine Arbeit integrierst, ist neu. Warum und welche Funktion übernehmen sie für diese Ausstellung?
OM: Die Motivation liegt nicht in der ästhetischen Schönheit dieser Zeichnungen und Spuren von Kindern, sondern in der Diskrepanz zwischen einem 13-jährigen Schüler in Harlem, der die Worte „Bien venido a mi mundo“ („Willkommen in meiner Welt“) schreibt, und einem gleichaltrigen Schüler auf den Philippinen, der religiöse Bilder und sich gegenseitig beschießende Panzer auf das Leinen malt.

AS: Deine Beteiligung am Haus der Kunst umfasst auch eine Wandzeichnung im Treppenhaus. Welcher konzeptuelle Gedanke steckt dahinter und wie ist diese Darstellung im Treppenhaus mit dem Ausstellungsraum verbunden?
OM: Die Wandzeichnung ist im Treppenhaus und damDie Wandzeichnung ist im Treppenhaus und damit in einem Durchgangsraum situiert. Der Betrachter durchschreitet es, um danach in ein dichtes Netz aus Widersprüchlichkeiten einzutauchen. Mit dem Wandbild knüpfe ich an die Ikonografie der lateinamerikanischen Wandmalerei an, unter anderem von Diego Rivera. Das Wandbild im Haus der Kunst zeigt einen Arbeiter in einer Seidenfabrik. Wo aber beispielsweise bei Rivera die Faszination über die überwältigende Kraft der industriellen Arbeit zu spüren ist, bin ich distanzierter, nüchterner. Es tut sich bei mir kein Blick in eine zukunftsweisende Ordnung mehr auf, eher ist ein Rückblick auf ein erschöpftes System zu sehen.

Polina Kanis
Die Künstlerin Polina Kanis erkundet die Grenzen zwischen Film, Fotografie und Performance immer wieder von Neuem. Während ihre frühen Videos sie in diversen Rollen, wie beispielsweise als Lehrerin oder Leiterin einer Fitnessstunde für Rentner, zeigen, folgen Kanis’ jüngere Arbeiten einem verstärkt filmischen Ansatz, in dem sie hinter der Kamera als Regisseurin arbeitet.
Ihre neuen Filme sind von einer spürbaren Spannung zwischen dem dargestellten Szenario und der Welt jenseits dieses einen Bildausschnitts geprägt. Für Kanis ist diese Rahmensetzung nicht nur ein unvermeidbares formales Element des Mediums Film, sie ist auch eine Metapher für die hierarchischen Strukturen und Systeme, die unser tägliches Leben formen. In Kanis Szenerien sieht der Betrachter, wie Machtsysteme die Beziehungen zwischen Menschen innerhalb eines Kollektivs verändern und pervertieren.
Für ihre neue Arbeit im Haus der Kunst, The Procedure, nimmt die Künstlerin ein fiktionales Museumsgebäude zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen zu Zusammenhalt und Spaltung innerhalb einer Gemeinschaft. Nach der Beschädigung des Gebäudes durch eine unbekannte Katastrophe enden alle Klärungsversuche, was dem Museum widerfahren ist, mit derselben Antwort: „I saw nothing.”

Gespräch zwischen der Künstlerin Polina Kanis und dem Kurator Daniel Milnes
Daniel Milnes: In deinen Videos scheint die Zeit sehr langsam zu vergehen, sodass sich die Zeitlichkeit darin beinahe aufzulösen scheint. Wie denkst du über Zeit in Bezug auf deine Arbeiten?
Polina Kanis: Zeit hat für meine Arbeit eine sehr große Bedeutung. Meine Videos befassen sich mit der unvermeidlichen Lücke zwischen zwei Ereignissen − ich bezeichne diese Zeitspanne als das Nicht-Ereignis. Somit beschreiben meine Werke vielmehr eine unspektakuläre Handlung oder eine Stimmung als ein bestimmtes Ereignis. Das sind die Momente, die man im Kino normalerweise nicht sieht. In der Regel werden im Kino Situationen durch eine Kette von Ereignissen dargestellt, die der Protagonist erlebt. Diese Art von Geschichtenerzählen umgeht aber die tägliche Realität, mit der man nach einem bestimmten Ereignis oder einer bestimmten Entscheidung konfrontiert ist. Aus meiner Sicht spürt man das Wesentliche der menschlichen Existenz in diesen dazwischenliegenden Perioden.

DM: In deinem neuen Video liegt das zentrale Gebäude in Trümmern. Inwiefern beeinflussen Konzepte von Wiederherstellung und Reparatur deine Arbeit?
PK: Am Anfang dieses Projekts stand die Idee von Renovierung. Ich habe über die verschiedenen Rollen nachgedacht, die das Phänomen der Renovierung einnehmen kann. Es muss dabei nicht nur um die Reparatur von physischen Schäden gehen, sondern auch um eine Art der gesellschaftlichen Problemlösung. Wenn man ein Gebäude für die Öffentlichkeit schließt, kann das schwierige historische oder soziale Probleme irrelevant werden lassen. In diesem Prozess wird das Gebäude zu einem Depot für Objekte und Ideologien, die für einen bestimmten Moment vielleicht unpassend sind. Die Wände des Gebäudes funktionieren also wie ein undurchdringbarer Vorhang, der nicht nur das Problem verbirgt, sondern dieses auch physisch von der Öffentlichkeit trennt. So verschwinden die Probleme dann aus dem Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

DM: In deinem neuen Film, The Procedure, blickt man hinter den Vorhang und findet eine unheimliche Gruppe von Menschen, die das zerstörte Gebäude aufräumen. In einem Nebenraum ziehen sie ihre Kleidung hoch und zeigen Körper, die von Narben gezeichnet sind. Stehen diese vernarbten Körper auch in Verbindung zu der Idee von Reparatur?
PK: So wie die Schäden am Gebäude Beweis für die Katastrophe sind, so sind auch die Narben Zeichen, die irgendeine Handlung am Körper nachweisen. Allerdings sind sie von Natur aus zweideutig. Einerseits scheinen die Narben wie Spuren unerwünschter Gewalt. Andererseits dienen sie als ein Mittel, mit dem man Zutritt zu einer Sperrzone erhält, die man im Video sieht. Offensichtlich sind sie das Ergebnis einer rituellen Praxis der Charaktere im Film, ein Zeichen von Zugehörigkeit zur Gruppe.

DM: Spielt das Rituelle in deiner Arbeit generell eine Rolle?
PK: Die hierarchischen Strukturen um uns herum dienen dazu, die Freiheit einer Person einzugrenzen und ihr Verhalten zu verändern. Die Menschheit hat das Ritual als Mittel gefunden, mit diesem Rahmen fertig zu werden. Das muss kein besonderer Akt wie das Zufügen einer Narbe sein, es kann auch etwas Einfaches wie unser Bedürfnis nach einem routinierten Tagesablauf sein. Gleichzeitig gibt es gewisse Mechanismen menschlicher Interaktion, die automatisch ablaufen. Am Ende des Films sieht man einen Konfrontationsmoment zwischen einem jungen Mann und einer Gruppe. Diese Begegnung bringt die instinktiven Verhaltensmuster zum Ausdruck, die uns immer noch kontrollieren − gleich zwei Tieren, die in der Wildnis aufeinandertreffen. Sie treten automatisch in eine Räuber-Beute-Situation ein, in der beide wissen, dass einer angreifen wird und der andere um sein Leben rennen muss. Mich interessiert, wie diese instinktiven, fast tierischen Handlungen in Verbindung mit den routinierten Strukturen stehen, die wir uns über die Zeit angeeignet haben.

Am Donnerstag, 14. September um 19 Uhr eröffnet das Haus der Kunst die Ausstellungen:

Kapsel 07: Oscar Murillo
Kapsel 08: Polina Kanis
Again and Again —
Sammlung Goetz im Haus der Kunst
DER ÖFFENTLICHKEIT — VON DEN FREUNDEN
HAUS DER KUNST: Sarah Sze

19 Uhr Panel Diskussion mit den Künstlern
Polina Kanis, Oscar Murillo und Sarah Sze Moderation: Jennifer Allen

Ab 20 Uhr Opening Party mit BARTELLOW – liveset (ESP Institute, SVS Records,
Public Possession), The Rabinas aka Maxim
Naim Razooki & Lukas Kubina und Public Possession Valentino

WANN: Donnerstag. den 14. September 2017 ab 19 Uhr
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstrasse 1
WEB: hausderkunst.de