INSIDE OF TOM FORD’S MIND

Nocturnal Animals


INSIDE OF TOM FORD’S MIND

Wie kommt man dazu, als Modemacher Filme zu machen, und insbesondere keine leichte Kost sondern packende Triller? Wie MAN dazu kommt, lässt sich rätseln. Tom Ford kam dazu, weil in ihm viel mehr steckt als nur ein Modedesigner für hübsche Kleider zu sein.

Filme sind seine wahre Leidenschaft, sagt er in zahlreichen Interviews. Und fügt hinzu: „ Nur wenn man etwas mit ganzem Herzen macht, wird man erfolgreich“. Klingt nicht wie eine übliche Floskel wenn er darüber spricht. Schließlich wird er als Produzent, Regisseur und Drehbuchautor in Hollywood auf eine harte Probe gestellt. Und ihm gelingt es die Branche und die Zuschauer zu überzeugen.

In seinem neuen Film „Nocturnal Animals“ wird die Geschichte eines Mannes und einer Frau erzählt, so fesselnd, komplex und gleichzeitig banal, dass man sich am Ende fragt – WIE gelingt es Tom Ford die Story sowohl visuell wie auch inhaltlich so überzeugend zu erzählen, dass es einen tagelang nicht mehr los lässt? Das faszinierendste dabei ist der kreative Geist von Tom Ford, ein Labyrinth voll von Referenzen und Anspielungen.
„Nocturnal Animals“ beginnt mit Glitzer und einer Montage von fettleibigen Frauen, die sich nackt in Zeitlupe vor einem roten Vorhang herumwälzen. Es ist eine Absichtserklärung. Denn diese Frauen stellen genau das dar, was der Hauptfigur Susan (die Oskar-nominierte Amy Adams) , erfolgreiche Kuratorin der Performance, fehlt – die Freiheit so zu sein, wie man will, und genau das Leben zu führen, das man sich wünscht.
Und so beginnt ihre Reise auf der Suche nach dem eigenen Selbst. Nach all dem was Susan im Laufe ihres – genauer gesagt nicht ihres Lebens – verloren hat. Allen voran – Liebe. Eine Liebesgeschichte? Kaum. Was danach passiert, ist gewöhnungsbedürftig, grausam und dennoch brillant.

Nicht viele Filme könnten eine so plakativ-dekadente Einleitung erleben, aber das macht es besonders. Angelehnt an„Tony and Susan“, einem Roman von Austen Wright, ist „Nocturnal Animals“ ein strukturell ehrgeiziges, schwindelerregendes, postmodernes Puzzle sowie ein kraftvolles Studium von Bedauern, Groll und Rache. Man könnte meinen, der Film dient auch als Anzeige für unzählige hübsche Kleider und Anzüge von Chanel, Givenchy und Co. – aber das bleibt kaum bemerkbar. Also wenn Product Placement, dann subtil. So schätzt nämlich Tom Ford sein Publikum ein – zurückhaltend, intellektuell, reflektierend. Oder ist es ein Wunschdenken? Der Regisseur, der als „ nächster, besserer Scorcese“ (Hollywood Reporter) umjubelt wird, macht gewiss kein Mainstream, eher Film Noir des 21. Jahrhunderts. Also eine schwere Kost de Luxe für Filmliebhaber.

Die hypnotische Eröffnungssequenz entpuppt sich als Teil einer Jenny Saville-meets-Gavin Turk Kunstausstellung in einer schicken Galerie in (wo sonst) Los Angeles. Die Kuratorin Susan (sleek und sexy) scheint ein Traumleben zu führen. Sie lebt in einer modernistischen Glas-und-Beton-Villa mit einer Jeff Koons-Skulptur im Garten, und ihr Ehemann (Armie Hammer) ist ein hübscher Tycoon, dessen Anzüge so aussehen, als wären sie persönlich von Tom Ford entworfen worden.
Und natürlich ist sie tief unglücklich. Ein Freund (Michael Sheen) rät ihr, sich nicht über ihre wachsende Langeweile zu beklagen. “Unsere Welt ist viel weniger schmerzhaft als die wirkliche Welt da draußen”, sagt er, und einige Zuschauer werden ihm gewiss zustimmen.

Mit „A Single Man“ wäre ein weiterer Film über erfolgreiche, gut aussehende, kultivierte Männer, die ihr vergoldetes Los beklagen, viel zu elementar für Tom Ford. Und das beweist er mit „Nocturnal Animals“, einer ganz anderen Nummer.
Susan bekommt ein Manuskript zugeschickt, ein Roman, das bald veröffentlicht wird, getitelt „Nocturnal Animals“, ein Werk ihres Ex-Mannes. Sie liest es am Wochenende allein zu Hause, während ihr Göttergatte sich in einer anderen Stadt mit einer Affäre vergnügt, was nichts zur Sache beiträgt. Vor ihren – und unseren – Augen spielt sich ein Thriller à la No Country for Old Men. In brutal minutiös getakteten Szenen fährt ein Mann (Jake Gyllenhaal) in der Nacht durch die Wüste mit Frau und Teenager-Tochter, als sein Auto von der Straße von drei jungen asozialen Rednecks (Aaron Taylor-Johnson in einer der schwierigsten Rolle überhaupt) aufgehalten wird. Die drei werden ausgetrickst, voneinander getrennt – und die Frauen auf grausamste Art und Weise ermordet. Das Leben des Mannes ist zerstört, er wartet nun auf seinen Racheakt- und auf das Ende seiner Qual.
Nichts so dramatisches geschah mit Susan oder ihrem Ex-Mann, aber sie bekommt zu spüren, dass die Schrecken im Roman ein kodierter Kommentar zu ihrer früheren Ehe ist. Die Frau im Film-in-Film wird von Isla Fisher gespielt, deren zarte rothaarige Schönheit und süße Persönlichkeit sehr ähnlich zu Adams ‘sind. Die zwei werden oft sogar verwechselt – also geniales Casting von Ford und seine niemals endende Vorliebe für rothaarige (wir erinnern uns an seine Muse Juliane Moore in „A Single Man“). Es ist also leicht zu sehen, warum Susan vermuten würde, dass sie ein Buch über ihr eigenes Alter Ego liest.

Die meiste Zeit tut also Susan nichts, außer herum sitzen und durch einen Roman zu blättern. Aber „Nocturnal Animals“ lässt nicht los. Die Los-Angeles-Szenen, die die Schlaf-beraubte Susan kennzeichnen, haben eine Hitchcock-ähnliche Wirkung des Wahnsinns und der Bedrohung. Die Rückblicke, die sie an ihre idealistischen Zwanziger in New York erinnern, sind charmant und romantisch. Und die grausigen Textszenen aus dem Roman sind sadistisch spannend. Außerdem haben alle LA Szenen eine Spur absurder Komik, hervorragend umgesetzt: Jena Malone als überdrehte Kuratorin, Laura Linney als eiskalte, Martini-trinkende Matriarchin, die Susan besser kennt, als sie gern zugeben würde.
Es wird ein Klischee zu sagen, dass Filme, bei den Filmfestspielen in Venedig auf Oscars für ihre Besetzung und Besatzung gehen, aber Adams und Gyllenhaal müssen im Rennen sein.
Tom Ford, ein begabter Erzähler, bringt seine verschiedenen Stränge sehr elegant zusammen. (OK, er IST letztendlich auch ein Modedesigner). Der Film regt sich in den kitschigen Konventionen des Filmgenres – malerische Ausblicke, großartige Orchesterwerke, breiige Gewalt – und zeigt die seltsame und aufregende Beziehung zwischen Leben und Kunst. Und doch sind die Emotionen herzzerreißend real.
Tom Ford sagte in einem seiner zahlreichen Interviews, er würde gerne etwas weniger kommerzielles als seine Mode machen. Nun beweist er, dass er Beides kann. „Nocturnal Animals“ mag sein Escape sein, in eine etwas „tiefere“ Welt, als die Oberfläche der Mode. Aber gerade deswegen macht dieses Werk auch Designer Tom Ford spannend. Man will seine Kleider tragen, die sind ja schließlich auch Teil seines brillanten Geistes.

Text: Natasha Binar

E-PAPER: SUPER PAPER #88