JOVANA REISINGER

Lovelace Hotel Munich


JOVANA REISINGER IM INTERVIEW

„Man darf sich nicht dazu verleiten lassen, sich für den neuen Shit zu halten“

Trivia:
Als ich erstmals in einer Broschüre über Jovana Reisinger schrieb, dass beim Verbrecher Verlag ihr Debütroman erscheinen wird, sollte er noch „Außer Rufweite“ heißen und wir waren beide fünf Jahre jünger. Ich attestierte ihre sog. presseprosaischen Fähigkeiten, erwähnte den Essayfilm A REMIX OF DAMAGE als einen Kommentar zur Gleichberechtigung der Frauenrollen im Kunstsystem, und schrieb über die Reisinger: „Das schmale, beinahe grafische Gesicht wird von aschblondem Haar umrahmt; ihr Blick ist stahlblau, durchdringend, manchmal spröde. Die hochgewachsene, feingliedrige Statur wird von energischem Gang unterstrichen, Arme wie Bauch sind mit Tätowierungen versehen. Ihr Lachen ist tief und kehlig, die Stimme klingt samtig und klar. Sie sprüht vor quirliger Energie, der etwas Mondänes, Exzentrisches zugrunde liegt. Meist wirkt sie aufgeschlossen, es ziehen sich jedoch auch Momente der eigenbrötlerischen Zurückgezogenheit wie ein roter Faden durch ihr Schaffen.“

Superpaper: Jovana, was hat sich maßgeblich seit der ersten Fassung deines Erstromans verändert?

Jovana: Vor allem die Sprache. Die war anfangs anders, nicht so hart und wütend. Sie war postpubertärer, ausgeschmückt, romantisch und auch romantisierend; das war für den Verbrecher Verlag keine Option. Die Änderungen sind ganz pragmatisch entstanden, haben sich aber über Jahre hingezogen.

Superpaper: War das fokussierte Schreiben für dich anstrengend?

Jovana: Ja, es war wahnsinnig anstrengend! Ich hatte quasi Glück im Unglück, dass ich das Buch schreiben musste, weil ich meinen Brotjob verloren habe. Ich konnte mir den Spagat hier in München nicht mehr leisten. Also habe ich im Grundstudium an der HFF ein Urlaubssemester genommen, um in Berlin ausschließlich zu schreiben. Ich wusste, dass dieses Buch meine einzige Chance ist! Man hat eine Deadline im Vertrag stehen und es ist außerdem absehbar, wie lange man so etwas machen kann, ohne arbeiten zu gehen. Diese sechs Monate waren extrem intensiv; ich ging nur selten raus und habe meine Freunde kaum gesehen.

Superpaper: Ich hatte gestern eine Diskussion, ob es für eine Schriftstellerin wichtiger ist, zu schreiben, oder gelesen zu werden. Hast du eine Antwort darauf? Brauchtest du diese Berliner Kapsel, in der du dich ausschließlich mit dem Schreiben befasst hast?

Jovana: Es wäre egal gewesen, wo ich hingehe; Berlin ergab sich wegen der Verleger. Dieses Abkapseln habe ich schon gebraucht, ja. Es war bei mir ein Ausnahmezustand, weil es sich um mein erstes Buch handelte, bei dem ich noch nicht genau wusste, wie alles funktioniert und welche Regeln man befolgen muss. Ich hatte vor allem auch Glück mit den vielen guten Besprechungen und dem Bayern 2-Wortspiele-Preis. Es ist wie mit meinen Filmen auch – da gab es Professoren und Kuratoren, die mich unterstützten, aber der Filmpreis in Oberhausen machte mich sicherer. Er gab mir Bestätigung von außen und dadurch konnte ich mich entspannen. ————

Superpaper: Gibt es einen direkten Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen, wo viel über Frauenthemen und deren Berechtigung debattiert wird?

Jovana: Die werden schon ganz lange diskutiert. Aber ich glaube, dass jetzt gerade ein günstiger Zeitpunkt ist, um vor allem Stereotypen neu zu definieren, und zwar sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Der Diskurs ist sehr groß und findet eben nicht nur in feministischen Kreisen oder im eigenen soziokulturellen Umfeld statt, sondern geht viel weiter. Das finde ich richtig, richtig toll!

Superpaper: Erhältst du für das Buch bessere Kritiken von Frauen oder von Männern?

Jovana: Das hat mich neulich schon mal jemand gefragt, als ich während der Leipziger Buchmesse im Conne Island gelesen habe und wir über Geschlechterrollen diskutierten. Fast alle Zeitungsrezensionen bisher waren von Männern geschrieben, bis auf die SZ und Frankfurter Rundschau. Aber nach Lesungen hält es sich mit gutem Feedback die Waage zwischen Frauen und Männern.

Superpaper: Bekommst du insgesamt mehr Lob für deine außergewöhnliche Sprache oder die Story per se?

Jovana: Das geht miteinander einher. Viele fragen mich, wie ich die Sprache für mich gefunden habe, und wie ich die Figuren gestaltet habe. Das Buch dreht sich ja um extrem komische Menschen, die es auf dem Land, aber auch hier in der Stadt gibt. Charaktere, die ich gut in einem Film sehen könnte.

Superpaper: Kannst du da überhaupt noch losgelöst schreiben? Passiert es bei dir nicht automatisch, dass du Stoffe filmisch entwickelst?

Jovana: Ja, da kann ich überhaupt nicht mehr anders. Es ist seit der HFF fast unmöglich, nicht in Bildern oder Szenen zu denken. Als ich die große Struktur entwickelte, war es auch wie ein Drehbuch aufgebaut: Plotpoints, Figuren, Handlungen. Ich habe gestern den Film „Sommerhäuser“ gesehen, von Sonja Maria Kröner, und der war so toll geschrieben! Irgendwann habe ich verstanden, dass in erster Linie verschiedene Stränge entwickelt wurden, von Charakteren in einem Garten. Ich fand es ziemlich schlau, nicht eine klassische Heldenreise durchzuerzählen, sondern willkürlich unterschiedliche Stränge anfangen und aufhören zu lassen.

Superpaper: Kannst du dir grundsätzlich eine Verfilmung deines Romans vorstellen?

Jovana: Ja schon, aber ich glaube, ich würde es nicht machen. Ich selbst hätte natürlich sehr konkrete Vorstellungen von einer gewissen Art und Weise, und ich könnte sehr schnell mit dem Stoff arbeiten, aber ich hätte auch das Gefühl, dem nichts mehr hinzufügen zu können. Gleichzeitig wäre ich total wütend, wenn es jemand anders verfilmen würde. Außer, es würde Jessica Hausner machen. (lacht)

Superpaper: Deine Figuren hatten ja zirka fünf Jahre Zeit, sich zu herauszukristallisieren. Fand das auch im Zusammenspiel mit deiner eigenen Entwicklung statt? Du hast Ludwig Abraham geheiratet, warst auf Reisen, hast viel Veränderung erlebt – reagieren die Figuren in der Handlung darauf?

Jovana: Das ist schwer zu sagen, weil bis zu einem dreiviertel Jahr zwischen den Fassungen lag. In erster Linie wurde die Sprache immer härter, was damit zu tun hatte, dass ich immer besser wusste, was ich eigentlich will. Wo ich literarisch auch hinwill. Man kann nicht abstreiten, dass sich die Figuren geändert haben, ich habe ja auch von der Theorie her mehr gelernt. „Die wartende Frau“, die wie ein Möbelstück abgestellt wird, hat sich als eine meiner Lieblingsrollen entwickelt.

Superpaper: Wie hast du diese Rolle recherchiert? Nach welchen Kriterien suchst du „wartende Frauen“ in der Literatur?

Jovana: Ich habe extrem viel gelesen und Filme geschaut. Man hat irgendwann eine Art Gespür, was einen interessiert; ich habe viel Gisela Elsner gelesen, Nachbarn beobachtet, mich an die alten Tanten erinnert, die jeder hat.

Superpaper: Hattest du den Eindruck, auch zu einer wartenden Frau zu werden, um diesen inneren Konflikt zu verstehen?

Jovana: Ach quatsch!! Naja, wenn man Anfang zwanzig ist, dann kann man das ja sowieso nachvollziehen, denn man weiß nicht, was mit einem passiert! Oh Gott, wird was aus mir? Oder nicht? Oder was wird überhaupt?! Das hört ja erst Mitte zwanzig auf, wenn man langsam die Postpubertät überstanden hat. – So ging es mir zumindest.

Superpaper: Ich kenne die Zeit Anfang zwanzig als eine, in der man sehr verkrampft versucht, langfristige Entscheidungen zu treffen, ohne sich wirklich zu kennen. Je älter man wird, desto entspannter lernt man, mit seinen Kräften und den eigenen Fähigkeiten hauszuhalten.

Jovana: Meine Zeit Anfang zwanzig war davon geprägt, dass ich ständig woanders hingezogen bin, und etwas Neues angefangen und studiert habe, und immer eine vage Idee davon hatte, was vielleicht mal passieren könnte, ein Buch, oder Filme.

Superpaper: Was hat dir den Druck rausgenommen?

Jovana: Auch wenn man das vielleicht nicht immer zugeben will: Bestätigung. Schlag auf Schlag sind Dinge passiert, die konstant gezeigt haben, dass es in eine gute Richtung geht, die vielversprechend ist. Die Verleger meines Lieblingsverlags standen sehr hinter mir, haben mich aufgenommenen wie in eine Familie. Meine Verlegerin ist gleichzeitig die Lektorin, weshalb das Buch mit sehr viel Liebe gemacht wurde. Man ist nicht davor gefeit, davon zu zehren, wenn Leute, die man bewundert, einem sagen, das man was Tolles gemacht hat. Das hat mir krass geholfen, den Druck rauszunehmen, Bewunderer zu haben. – Und zu wissen, dass es dieses Impostor Syndrome gibt – die Idee davon, dass man sofort entlarvt werden könnte.

Superpaper: Hast du das Buch von Sabine Magnet über genau dieses Syndrom gelesen?

Jovana: Nein, noch nicht. Aber ich fand schon immer das Phänomen interessant, dass Leute, die total ok sind und großartige Sache machen, das Gefühl haben, dass nur Glück im Spiel war und sie zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Das war bei mir anfangs auch so. Ich habe meinen Erfolg immer abgetan; „Naja, da habe ich jetzt mal Glück gehabt.“

Superpaper: Was bedeutet dir die Symbiose mit Ludwig Abraham?

Jovana: Es ist super mit ihm, wir haben schon so viel zusammen gearbeitet und es funktioniert sehr, sehr gut. Beide strengen sich total an, weil wir unsere Arbeit gegenseitig schätzen, und so gibt man sich immer Mühe. Ich würde beim Ludwig nie Dreck abgeben und er nicht bei mir. Es ist toll! Der Respekt vor der Arbeit des anderen ist wahnsinnig schön.

Superpaper: Wenn ihr beide eine Branche bedient, die ähnlich funktioniert oder dasselbe Publikum bedient, überschneidet sich das ja oft, oder?

Jovana: Ich lerne so wahnsinnig viel von ihm, und er behauptet, auch manchmal was von mir zu lernen, obwohl ich das nicht ganz glauben kann. (lacht)
Wir sind beide ziemliche Streber. Ludwig noch mehr als ich. Der ballert sich die ganze Zeit mit Wissen zu, nimmt ständig auf. Wir zeigen uns immerzu, was wir gerade neu entdecken und stacheln uns damit gegenseitig an. Es fühlt sich an, wie auf den Flohmarkt zu gehen und eine richtig coole, wertvolle Brosche zu finden, die man dringend der besten Freundin zeigen muss.

Superpaper: Was wird das nächste gemeinsame Projekt sein?

Jovana: Der Film SAD BOYZ GET HIGH ist noch nicht fertig. Dann produzieren Ludwig und Alexander Giesche ein Stück für die Kammerspiele, das wie eine Peep Show funktioniert; dort werde ich hinter den Kulissen für die Dokumentation zuständig sein. – Im Sommer drehe ich einen Dokumentarfilm über Schönheitschirurgie, dann bin ich für ein Stipendium im Literarische Colloquium Berlin, und werde für zwei Monate in einer schönen Villa am Wannsee schreiben. Im Oktober muss ich wieder in die Schule gehen und im nächsten Frühjahr fliege ich dann nach Peking. Es hängt ein bisschen vom Stipendium des Goethe Instituts ab, ob Ludwig mich begleiten kann und wir dort gemeinsam eine Show planen.

Superpaper: Hast du das Gefühl, mit all den Stipendien, in der Literaturszene angekommen zu sein?

Jovana: Ach nein, das ist der absolute Anfang! Man darf sich nicht verleiten lassen zu glauben, man sei der neue Shit. Da sind gleichzeitig viele andere Bücher herausgekommen, die genauso gut besprochen werden, und ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein Literatur-Wunderkind sein will, sondern sehr lange in der Branche arbeiten möchte, wie auch beim Film. Aber für’s erste Buch bin ich schon sehr zufrieden.

Superpaper: Was ist das Schönste, was in einer Rezension geschrieben wurde?

Jovana: Ludwig Lugmeier hat die schöne Rezension „Eine wiederkehrende Drohung” geschrieben, da stand drin: „Das ist der Anti-Heimatroman, den man gerade lesen muss, ein kleines Meisterwerk unserer Zeit.“

Superpaper: Wird oft vermutet, dass das Buch in Teilen autobiographisch ist?

Jovana: Ich glaube, man fragt mich das nicht, weil ich sofort zurückbeiße. Ich finde das immer fürchterlich! Da steht doch „Roman“ drauf, und nicht „Autobiographie“!

Superpaper: Ist das nicht ein Signum unserer Zeit, dass wir über die narzisstischen Sozialen Medien gelernt haben, dass unser eigenes Leben das spannendste Material liefert? Zumal das Buch teils in der Ich-Form geschrieben ist?

Jovana: Ich wurde schon mal gefragt, ob ich wirklich so schwere Depressionen hatte, und ich so, halt, nee!, aber ich verstehe schon, dass man es vermuten kann. Für mich ist die Idee, dass eine Künstlerin sich nur über ihr Innerstes nährt und das permanent nach außen stülpt, viel zu uninteressant. Ich habe gar kein Interesse daran, mein Privatleben in Kunst zu verhunzen. Es bereitet viel mehr Spaß, mir Dinge auszudenken. Was würde es dem Leser nun bringen, wenn ich behauptete, ich hätte das alles erlebt? Würde man es dann mit einer anderen Sentimentalität lesen, weil man das Gefühl hätte, es sei echt? Ich könnte es ja einfach auch behaupten, es sei echt. So wie Werner Herzog in seinen Filmen, Da guck dir diese Berglandschaft an!, und in Wahrheit ist es eine LKW-Spur in Makro gefilmt.

Superpaper: Danke, Jovana!

Im Kino des Kunstverein München zeigt Jovana Reisinger ein 24-stündiges Screening ihrer Filmquadrologie:
pretty boyz don´t die
pretty girls don´t lie
mad girls don´t cry
sad boyz get high

Eröffnung, Samstag, 2. Juni 2018, 19 Uhr

Interview & Portrait: Sonja Steppan