KUNSTHALLE MÜNCHEN

Kunsthalle München


KUNSTHALLE MÜNCHEN – bis 08.03.

Die Kunsthalle München zeigt aktuell erstmalig in Deutschland sensationelle Tapisserien, welche in der Pariser Manufacture des Gobelins entstanden.

Die Wandteppiche wurden nach Entwürfen von namhaften Künstlern wie Henri Matisse, Pablo Picasso, Le Corbusier, Joan Miró und Louise Bourgeois angefertigt. Die Ausstellung »Die Fäden der Moderne« reicht zeitlich vom Ersten Weltkriegs bis heute und zeigt, wie graphisch das noble Handwerk ist, das zuletzt sehr plastisch einzelne Pixel, Computerbildschirme und Google Maps-Ausschnitte abbildet.
Die »Tapisserie« wird zwar häufig umgangssprachlich und irreführend auch »Wand-« oder »Bildteppich« genannt, ist aber ein einzigartig auf einem Webstuhl gefertigtes Gewebe. Dessen Schussfäden laufen nicht über die gesamte Webbreite, sondern werden nur bis zum Rand einer bestimmten Farbfläche eingewirkt – auf diese Weise ergeben die Motive ein Bild. Genau genommen wird in der Fachsprache das Ergebnis dieser Textiltechnik als Bildwirkerei bezeichnet, und die sind “Gobelins” dürfen nur so genannt werden, wenn sie einzig in der Pariser Gobelins-Manufaktur gefertigt wurden.
Tapisserien erhalten selten die Aufmerksamkeit, die diese aufwendigen, plastischen Handwerkstück verdienen würden. Und so präsentiert die Ausstellung quasi unbekannte Aspekte aus den Schaffensperioden moderner Künstler und sprengt die gewohnten Gattungsgrenzen. Doch n der unter Ludwig XIV. gegründeten Manufacture des Gobelins sowie in weiteren französischen Werkstätten entstanden nach den Vorlagen nicht nur Tapisserien, sondern sogar auch Möbel und Bodenteppiche von herausragender Qualität – von denen ebenfalls Beispiele in der Ausstellung zu sehen sind. In enger Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Webern werden in den Manufakturen bis heute einzigartige textile Meisterwerke geschaffen, die sich durch die Verbindung von künstlerischem Einfallsreichtum und handwerklicher Virtuosität auszeichnen.
Dass in der Ausstellung nicht nur faszinierende Werke großer Meister, sondern auch die alten Techniken der Garnherstellung, des Färbens sowie des Webens und Knüpfens gezeigt werden kann, konnte nur dank der Kooperation mit dem Mobilier National und den Manufactures des Gobelins, de Beauvais und de la Savonnerie geschehen. Übrigens stammen einige der Exponate aus Diplomatenhäusern und Botschaften, denn bis heute stattet das Mobilier national die öffentlichen Repräsentationsräume Frankreichs mit historischen wie zeitgenössischen Tapisserien aus.
In neun Kapiteln zeichnet der Ausstellungsparcours die Entwicklung der modernen Tapisserie und die Geschichte der französischen Manufakturen im 20. Jahrhundert nach. Die Exponate erzählen dabei nicht nur von historischen Umbrüchen, sondern auch von zahlreichen Neuerungen in der bildenden Kunst, die sich in diesem Jahrhundert entwickelt haben und die in der Textilkunst aufgegriffen wurden. Der grafische Aspekt ist besonders interessant – oftmals haben Bildinhalte einen selbstreferenziellen Charakter, wie etwa ein langer, weißer »Faden« auf einer Vorlage von Miró.
Dass die Herstellung der Tapisserien mehrere Jahre dauert, verleiht den Werken einen zusätzlichen Wert. Besonders imponiert das freilich aus der Perspektive der schnelllebigen Gegenwart, in der Photoshop und Co. rasant sichtbare Ergebnisse zeigen. Und so wirken zeitgenössische Werke besonders kräftig nach, wie bei den Tapisserien nach Vorlagen von Hans Hartung oder Zao Wou Ki oder von Op-Art Künstlern wie Victor Vasarely und Yaacov Agam, die Teppiche und Tapisserien mit den für sie typischen optischen Täuschungen entwarfen. Diese lassen den Eindruck von Bewegung sowie die Illusion von Dreidimensionalität entstehen – und erinnern an hochaktuelles Grafikdesign.

Eine farbenfrohe Ausstellungsempfehlung für die grauen Wintermonate!

Text: Sonja Steppan

WANN: noch bis 8. März 2020
WO: Kunsthalle München
WEB: kunsthalle-muc.de