LONDON AUFGEWACHT

Joao Drumond


LONDON AUFGEWACHT

Wenn man einen bekannten Satz paraphrasiert, London ist immer eine gute Idee. Diesmal war die Fashion Week nicht nur eine schöne Veranstaltung für die neuen Kollektionen der besten britischen Designer.

Es ist nach einem verschlafenen und etwas an Designer verlorenen New York – viele gingen nach Los Angeles und präsentierten ihre Kollektionen dort – eine politische Veranstaltung geworden. An der Themse war etwas los, am ersten Tag fingen die Proteste an. Gegen Ageism (d.h. die Beschäftigung minderjähriger Models auf dem Laufsteg), gegen Pelz (es gab reichlich Anlass dazu), und vieles mehr..

Die London Fashion Week ist nun zu einem politischen und vor allem einem internationalen Schauplatz geworden. Diesmal präsentierte der British Fashion Council außerhalb des Catwalks 26 Länder im Rahmen des „International Show Case“. Deutschland, Chile, Russland, Ukraine, Poland, Tschechische Republik… Das Somerset House am Strand wurde zur Weltausstellung der Mode, die ihre aktuelle Bedeutung deutlich zeigte. Während Deutschland mit William Fan aus Berlin Reduziertheit und klare Schnittführung zeigte, war die Ukraine mit einer umbauten Bushaltestelle mit derÜberschrift „Europa“ und dem Euro-Zeichen deutlich mit eigener Botschaft zu sehen. Nebenan beschäftigte sich Russland mit der Zukunft und stellte traditionelle Arten der Textilverarbeitung in den modernen Interpretationen als eine Botschaft an kommende Generationen vor.

Bunt, verschieden, niemals brav und immer ein Stück zu viel – so erlebte man diesesmal die Mode in London. Wenn die Weltkrise schon da ist, dann lieber Farbe und Haltung noch deutlicher zeigen, schien die Botschaft der Designer zu sein.
„Fantasia“ von Mary Katrantzou zum Beispiel erinnerte eher an das Theaterstück wo Motive und Figuren von der Musik zusammengehalten wurden. Als ein solches fantastisches Potpourri sah auch Mary Katrantzou ihre neue Kollektion. Die Zusammenstellung ihrer Looks blieb relativ simpel: Karierte Kostüme, damenhafte bestickte Mäntel mit bunten Pelzkrägen, Hose-und-Top-Ensembles aus Brokat, fließende transparente Kleider, die glitzerten wie der Meeresspiegel im Mondschein.
Ein fulminantes Programm lieferte auch das Deutsch-Österreichische Designerduo Peter Pilotto im Waldorf Astoria-Hotel. Den Festsaal hatte man mit eklektischen Teppichen, Möbeln, Gemälden und Objekten verschiedener Künstler geschmückt. Mit seinen Entwürfen zeigte Peter Pilotto erneut, wie gut er starke visuelle Effekte durch Handarbeitstechniken auszudrücken vermag. Das wichtigste Thema waren Steppungen, in verschiedenen geometrischen Formen und verziert mit bunten Nähten. Viele Stoffe erinnerten in ihren Farben und Mustern an Teppiche, die man aus dem Südamerika-Urlaub mitgebracht hat.
Mulberry, der geheime Star der britischen Modeszene, präsentierte eine sehr britische Kollektion. Der Designer Johnny Coca ließ sich vom reichhaltigen, dekorativen, etwas rustikalen Stil der englischen Aristokratie inspirieren, mixte Lehrerinnen-Kostüme und gesteppte weite Capes, verzierte klassische Karomuster mit Spitze, steckte dicke Mohair-Socken in zierliche Sandalen.

Coca ist ein Spanier der es sehr gut versteht, das romantische Bild einer „English Rose“ in moderne Mode zu übersetzen, in der es darum geht, Stilregeln zu brechen und sich durch durchdachtes Styling und viele Accessoires unverwechselbar zu machen. Unter seiner Leitung entwickelt das urbritische Haus wieder eine eigene, starke Sprache.
Die wilde Ideenflut bei TopshopUnique vereinte das 90er-Jahre-Bad-Taste mit robuster Arbeitskleidung und altmodischen Blumentapeten. Cargohosen, Lammfelljacken und hauchdünne Satinkleider sind wieder da.
Dennoch bleibt London politisch.

Nathalie Massenet, die Vorsitzende des British Fashion Council, setzte in ihrer Eröffnungsrede zur Modewoche ein klares Statement: „Der BFC ermutigt die Branche dazu ihre Stimme zu erheben und der Welt zu zeigen, dass sie für Inklusion, Einheit und Menschlichkeit steht.“
Schweigen und Zuschauen könnte sich die Mode auch gar nicht leisten. Wie soll eine Industrie, die so sehr von Talenten und Ideen aus den verschiedensten Ländern profitiert, mit einer Politik florieren, die auf Abschottung setzt?
Designer gaben Antworten und zeigten Haltung. Gareth Pugh mischte in seinem Soundtrack einen „Build that Wall“-brüllenden Donald Trump, die Aufnahme stammte von einer Kundgebung im kalifornischen Anaheim im vergangenen Jahr. Der indische Modemacher Ashish feierte mit Sprüchen wie „Pussy Grabs back“ auf Paillettenoberteilen die Kampfansage der feministischen Anti-Trump-Bewegung. In London erzählen fast alle Designerbiografien von Einwanderung und multinationalen Wurzeln.
Erdem Moralioglu ist der Sohn eines türkischen Vaters und einer englischen Mutter und wuchs in Kanada auf. „Meine Eltern sind bereits vor langer Zeit gestorben und ich hatte nie die Möglichkeit, meine Vergangenheit zu rekonstruieren. Also tue ich es mit meiner Fantasie, indem ich mir vorstelle, was passiert wäre, hätten sich meine englische und meine türkische Großmutter getroffen“, erzählt er.
Für seine jüngste Kollektion, die in ihrer zweiten Saison dem „See now, Buy now“-Prinzip folgte und sofort nach der Show in den Verkauf ging, schlug Burberry Chefdesigner Christopher Bailey auch einen besonderen Weg ein.
Neben den VIP-Gästen Penelope Cruz und Naomi Campbell sah man abstrakte Bronzeskulpturen des britischen Bildhauers Henry Moore, die Kollektion wurde von seiner Arbeit inspiriert. „Solange ich mich mit Kunst beschäftige, bewundere ich Henry Moore“, sagte Christopher Bailey in einem Interview nach der Show. Bailey arbeitet mit der Henry Moore Foundation, die den Nachlass des aus Yorkshire stammenden Künstlers verwaltet. „Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass man Spaß mit seiner Arbeit hat. Man muss an etwas glauben.“
Glauben und handeln – London hat gezeigt, wie es nun mit der Mode ist. Designer sind wieder politisch, Kreativität gefragter denn je, und wir, Zuschauer, lassen uns begeistern. Und denken nach.

Text: Natasha Binar
Art: João Drumondjoaodrumond.pt

E-PAPER: SUPER PAPER #89