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Robert Radziejewski


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Amy Schumer “I Feel Pretty” – Beauty Washing Feinster Sorte

Amerika hat eine neue kulturelle Invasion nach Europa gebracht. Erst das neue königliche Darling Meghan – pardon, Duchess of Sussex – die ihre bunte Clique inklusive Tennisstar Serena Williams und dem passionierten Prediger Michael Curry nach London zu ihrer Hochzeit brachte und beim Protokoll für etwas mehr Entertainment sorgte. Jetzt auch noch die Komikerin Amy Schumer, die in ihrem Film „I feel pretty“ uns allen (und etwas laut) klar machen will – seid so wie ihr seid! Und der Traumprinz wartet schon um die Ecke. Aber muss man dafür im Fitnessstudio erst auf den Kopf fallen?

Amy Schumer spielt eine Frau mit geringem Selbstwertgefühl, die einen Schlag auf den Kopf bekommt und glaubt, dass sie wie ein Supermodel aussieht. Schumer selbst kann man nun schwer weder dick noch hässlich bezeichnen, sie spielt übertrieben-überzeugend, dennoch – muss man sich so lächerlich machen, um zu sagen, was schon seit Jahrzehnten gesagt werden sollte? Nämlich dass die Schönheit komplex und unterschiedlich ist, diese natürlich im Auge des Betrachters liegt, und man sich – egal ob dick, dünn oder normal (was auch immer das ist) – würdig verhalten kann und man nicht um jeden Preis um die Aufmerksamkeit der Männer buhlen muss? Denn darum geht es nämlich hier – wer bekommt ein besseres Date und ultimativ einen Prinzen, damit das eigene Leben endlich, endlich erfüllt wird. Ein anderer Lebensstil – alleine, selbständig, nicht immer gut aufgepolstert, aber immer noch frei in den Entscheidungen? Un-denk-bar! Auch Bridget Jones hat schließlich ihren Mark Darcy bekommen. Und die erklärte Feministin Meghan ihren Harry. Ja, wir sprechen vom Jahr 2018.

Genau das ist störend. Wir Frauen verhalten uns in Filmen (und in Realität) komplett bescheuert, wir machen uns lächerlich, wir tragen Oma-Unterhosen, schwitzen im Fitnessstudio, optimieren uns ständig. Und was machen die Kerle? Nichts. Nada. Selbst für Tinder sind sie viel zu faul. Was läuft hier falsch?

Nun zurück zum Film. Das Regiedebüt von Abby Kohn und Marc Silverstein,”I Feel Pretty”, ist eine feministische Fabel über Schönheit und Selbstwertgefühl – insbesondere, dass das eine viel zu viel und das zweite viel zu wenig geschätzt wird. Leider ist der Film ein hoffnungsloses Durcheinander widersprüchlicher Botschaften, die oft genau diese Stereotypen widerspiegeln. Kurz gesagt, es ist die Art von “feministischer” Komödie, die man von dem Drehbuchduo Kohn und Silverstein kennt, das für die wenig geistreichen Streifen wie Er steht einfach nicht auf Dich, neben anderen sexualpolitischen Fehlzündungen (Valentinstag, How to be a Single) bekannt ist.
Die Handlung im Wesentlichen (und sie bewegt sich nie sinnvoll darüber hinaus): Renee Bennett (Schumer) arbeitet in einem Kellerbüro und kümmert sich um die Website der Kosmetikfirma Lily LeClaire. Unsicher in ihrem Aussehen, schließt sie sich einer SoulCycle-Klasse an, in der sie mehrere Demütigungen erleidet, bevor sie schließlich zusammenbricht und einen Schlag auf den Kopf erhält. Auf wundersame Weise, wenn sie sich jetzt im Spiegel betrachtet, sieht sie nicht ihr altes Ich, sondern eine Version von ihr, die die schönste Frau der Welt ist. Wundersamerweise fragt sie sich nie, wie diese Verwandlung stattgefunden haben könnte, was uns zur Frage nach Relation zwischen Brain und Beauty führt. Oh, ich weiß, ihr IQ ist genauso schnell unter gerutscht, wie ihr fantastisches Aussehen noch fantastischer wurde. Das tut weh.
Obwohl Renee immer noch für alle anderen gleich aussieht, strotzt sie nur so vor Zuversicht. Schwindlig, gibt sie ihren alten Job auf und setzt ihre Ziele hoch, hoch, hoch: Anstatt eine Website für Lily LeClaire weiterhin im Keller in Chinatown laufen zu lassen, bewirbt sie sich für und bekommt einen Job als… Rezeptionistin. Das ist richtig: Sie akzeptiert kein leistungsstarkes Geschäftspraktikum und spielt gleich mit dem Gedanken, zum CEO eines Unternehmens aufzusteigen. Sie begrüßt die Besucher der Kosmetikfirma und bietet ihnen dann Mineralwasser an. Warum wird dies als ein Triumph angesehen? Denn normalerweise geht dieser Einstiegsjob an hübsche Frauen, und bis jetzt hielt sich Renee nicht attraktiv genug für eine so hohe Position.

In kürzester Zeit hat sie natürlich ihren gesunden Menschenverstand benutzt, um den CEO der Firma, Avery LeClaire, zu beeindrucken (eine sehr merkwürdige Besetzung mit Michelle Williams, die mit einem piepsigen Quietschen einer Stimme ausgestattet ist); sowie ihren heißen Bruder Grant LeClaire (Tom Hopper); und die Gründerin und Matriarchin des Unternehmens, Lily LeClaire (Lauren Hutton). Das Unternehmen startet eine neue “Diffusion” (d.h. Down-Market) Produktlinie für “normale” Frauen und Renee ist die perfekte Besetzung dafür, weil sie weiß, wie “sie” denken. Das heißt, sie wird nie in Marketing oder Vertrieb aufgenommen oder zeigt mal Interesse an einem solchen Aufstieg. “Hübsche Rezeptionistin” bleibt der Höhepunkt ihrer beruflichen Ambitionen.

Auf dem Weg gewinnt Renee die Liebe eines süßen Kerls, Ethan (Rory Scovel), der eine Affinität zu Zumba hat. Sie trifft eine Schönheit von der Größe Null (Emily Ratajkowski), die ihr die wertvolle Lektion auf Grundschulniveau gibt, dass selbst atemberaubende Frauen Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben. Und ihr erhöhtes Selbstgefühl führt zu Spannungen mit ihren beiden besten Freundinnen, Jane (Busy Philipps) und Vivian (Aidy Bryant), die nicht zu Renees glamourösem Niveau aufgestiegen sind, denn sie wollen “einfach besser sein”. Besser als wer oder was, fragt sich, aber das ist dann schon zu viel Zumutung für die Zuschauer.

Aber was wird passieren, wenn Renee wieder den Kopf stößt und merkt, dass sie genauso aussieht, wie sie es immer ausgesehen hat? Ich vermute, dass jeder, der im Kino war, das erraten kann, obwohl sie nicht vermuten mögen, dass der Film noch eine weitere wichtige Botschaft hat, wenn die finale große Rede über die Selbstliebe, unabhängig vom Aussehen, stattfindet – und sich wie eine Webekampagne für die neue Beauty-Linie von Lily LeClaire anhört.

“I Feel Pretty” ist kein gemeiner Film. Und es hat Momente von echtem Charme und Witz, die meisten von ihnen mit freundlicher Genehmigung von Schumer und Scovel. Ich glaube, es war wirklich ein erhebender Film über Frauen und Selbstvertrauen. Aber der Streifen stolpert wie Renee auf ihrem Fahrrad. Peinlich-berührend.

Vielleicht ist der schmerzhafteste Moment des Films dann, wenn Renee sich dazu entschließt an einem Bikini-Wettbewerb voller dünner Models teilzunehmen und auf der Bühne für einen sexualisierten Stoß und Grind zu stehen. Soll diese Szene eine befreite Frau zeigen, der es egal ist, dass sie nicht 20 Pfund untergewichtig ist? Oder sollen wir es komisch finden, dass Renee (die sich in diesem Moment daran erinnert, dass sie genau wie die anderen Badeanzugmodelle aussieht) unwissentlich eine peinliche Show von sich selbst abgibt? Ich vermute, dass die Filmemacher behaupten würden, dass sie Ersteres beabsichtigten. Und vielleicht hätte sie, wenn sie den Wettbewerb durch bloß ansteckende Gelassenheit und Persönlichkeit gewonnen hätte, einen Fall vorzuweisen gehabt. Aber nein: Sie verliert gegen eine Frau, die aussieht, als wäre sie direkt von Victoria’s Secret Laufsteg gebucht. Der Film, der auf der Idee basiert, dass das Selbstwertgefühl die physische Schönheit übertrumpft, glaubt nicht einmal an das Produkt, das hier verkauft wird. Man soll es Beauty-Washing nennen. Ich beanspruche damit ein Patent für die Bezeichnung aller Kampagnen, die Frauen noch miserabler fühlen lassen. Und dümmer.

Text: Natasha Binar

Art: Robert Radziejewski radzie.de/