NO SUCH THINGS GROW HERE

No such things grow here


NO SUCH THINGS GROW HERE – Fr. 21.07.

NO SUCH THINGS GROW HERE, Ein temporäres Kunstprojekt von Susi Gelb im öffentlichem Raum der Stadt München. Vom 21. Juli bis 21. August 2017 auf dem Max-Joseph-Platz, Odeonsplatz und Lenbachplatz

Die Entdeckung von Penicillin, Röntgenstrahlen und Viagra, Post-Its, Nylonstrümpfen und Teebeuteln, von Teflon, LSD, der kosmischen Hintergrundstrahlung, Sekundenkleber, vom Klettverschluss, Silikon, und freilich nicht zuletzt Amerika im Jahre 1492 – all diese Errungenschaften finden ihre Gemeinsamkeit in der Tatsache, dass überzufällige Begebenheiten zum Erfolg einer versehentlichen Forschung führten. 
Das Serendipitätsprinzip definiert eine willkürliche Beobachtung von etwas, das ursprünglich überhaupt nicht gesucht worden war und sich aber als intelligente Schlussfolgerung entpuppt. Eine Materie, die dem Zerebrum alternative Theorien über ein Sujet abtrotzt und die Unbeabsichtigung zum Konzept adelt.

Im Portfolio der Münchner Künstlerin Susi Gelb tritt dieses Phänomen seit Anbeginn ihres Schaffens sogar im eigenen Namen auf: „Yellow is a substitute for something I don’t know yet“, hatte die 32jährige sich mal notiert und seitdem Prozesse von Licht, Energie und Rhythmus sowie das Experiment per se unter diesem übergeordneten Begriff kumuliert. Dabei soll es mitnichten um genormte Farbtöne oder Selektivgelb gehen, sondern um Aura und der Suche nach abstrakten Inhalten, die für Susi Gelb ebenso für Virtualität, Geschwindigkeit und Verletzlichkeit stehen. Wenn sie im Interview davon spricht, dass die gelbe Farbe an sich fragile und zugleich fernwirksame Eigenschaften besitzt, hochsensibel aber auch aufgeladen agiert und eine Ambivalenz herstellt, dann erklärt sich einem sehr leicht der Hang zur konzeptionellen Alchemie, die ihrer Arbeit innewohnt.

Als Gründungsmitglied und Kuratorin des Projektraums EASY!UPSTREAM, den sie in dessen 14. Show gemeinsam mit Zeitgenossen wie Lou Jaworski, Dompteur Mooner, Kitty & Joy, Samuel Ferstl, Yutie Lee, Hanakam & Schuller oder Zadie Xa bespielte, beweist sie stets dieselbe Wandlungsfähigkeit, die auch an den häufig von ihr inszenierten Insekten und Reptilien so fasziniert. Vom beschaulichen Pop Up Space in der Maxvorstadt hin zur maximal bespielbaren, leerstehenden Tiefgarage des Schwabinger Tors und schließlich einer brach liegenden Bogenhausener Stadtvilla agiert sie stets mit Stilsicherheit.

Völlig verdient also, dass sie als Gewinnerin aus dem geladenen Wettbewerb „Kunst im Öffentlichen Raum“ der Stadt München hervorgeht, und nun im Alleingang ein Großprojekt verwirklichen darf, dem das „panta rhei“ der Flusslehre insofern zugrunde liegt, als dass sich unsere primäre Welterfahrung im fortwährenden Stoff- und Formwechsel manifestiert. 

Dies zu verstehen muss man sich nicht als Premiumphilosoph den Erkenntnissen Heraklits hingeben. Es genügt völlig, sich als ein Max Mustermann der Großstadtbewohner, Kassenpatient und Durchschnittskonsument, mal zu einem aufmerksamen Spaziergang durch urbanes Gelände hinreißen zu lassen, bei dem es einem nicht verborgen bleiben kann, dass sich in Werbeflächen die Intelligenz verschwendet, die in anderen Bereichen dringend benötigt wird. In der nachhaltigen Stadtpolitik vielleicht, oder eben öffentlicher Kunst. 

Für vier Wochen wird Susi Gelb nun also multimediale Installationen auf dem Odeonsplatz, dem Max-Joseph-Platz und dem Lenbachplatz wachsen lassen, die sich aus tropischen Pflanzen genauso zusammensetzen wie skulpturale Werke aus intelligenten Materialen, deren Hybridformationen eine unbekannte, gleichwohl erfahrbare Biosphäre bilden. Der Suche nach den richtigen Örtlichkeiten lag der Wunsch zugrunde, sich die Energie stark frequentierter Plätze zunutze machen zu können. Als Künstlerin, die seit jeher eher in narrativen Netzwerken und Assoziationen plant, als linearen Strukturen, bindet sie auch hier die Passantenströme in einen eigenen Kosmos voller Organismen ein, die die Diskrepanz zwischen dem Verweilen und serendipitären Entdecken ermöglicht.

„Panta rhei – alles fließt in diesem zeitbasierten Medium. Ein glitzernder Wassertropfen auf dem Kopf eines Adlers, der sich aufschwingt und durch einen dschungelartigen Wald zu einem Strom fliegt – verlangsamt sprudelndes Wasser – die oszillierenden, ständig changierenden Farben und Muster der Belousov-Zhabotinsky-Reaktion – eine im türkisklaren Wasser schwimmende Schlange – Kristallisationsprozesse – eine Echse läuft über eine Tastatur – reaction diffusion – Muster auf der Reptilienhaut“

Über diese Formattreue hinweg, die Natur als Medium zu begreifen, gelingt Susi Gelb erneut die Nobilitierung von gepflasterten Plätzen der Münchner Öffentlichkeit, die sie auf visuelle, haptische und olfaktorische Weise zum Gegenstand einer Expedition zu machen wünscht.

Text: Sonja Steppan

WAS: NO SUCH THINGS GROW HERE, Ein temporäres Kunstprojekt
WANN: Eröffnung am 21. Juli, ab 19 Uhr
WO: Max-Joseph-Platz, Odeonsplatz, Lenbachplatz
WEB: growhere.de