OPEN ART & VARIOUS OTHERS

Open Art


OPEN ART & VARIOUS OTHERS – ab Fr. 14.09.

Der Kunstmonat September

Man soll sich ja nicht immer vergleichen. Nicht mit den eigenen Eltern, nicht mit dem übereifri­gen Kollegen oder der Yoga-Tante auf Instagram. Und doch: Es macht einfach zu viel Spaß. Statt uns selbst nehmen wir an dieser Stelle aber mal Andere unter die Lupe – einfach weil’s gesünder ist.

Der Sommer hat den Zenit überschritten. Wer neue Eissorten entdecken will, muss schon ein paar Orte weiter fahren. Dafür ist die Beinfarbe nicht länger Käse. Und es gibt endlich wieder Nachschub in Sachen Kunst. Wie in jedem Jahr seit beinahe zwei Jahrzehnten eröffnet am zweiten September-Wochenende gleich ein ganzer Schwung neue Ausstellungen in Galerien, Museen und anderen Institutionen. Die „OPEN art“ ist ein Pflichtevent für Münchner Kunstliebhaber. Doch 2018 bekommt sie Konkurrenz. Unter dem Titel „Various Others“ haben sich ebenfalls Veranstalter zusammengeschlossen, um der Stadt etwas zu bieten. Die Prämisse ist dabei eine etwas andere: den Galerien, Off-Spaces und Institutionen von „Various Others“ kommt es vor allem auf internationale Kooperationen an. So begrüßen denn auch verschiedene hiesige Ausstellungsorte internationale Veranstalter mit ihren Shows.
Innige Liebe weil Tradition oder heißer Flirt weil unbekannt und sexy? Wir wollen beides, ist doch klar! Im Grunde ist ja ganz egal, unter welchem Banner nun die besten Shows des Herbsts debütieren. Wir haben euch von beiden Events, von der „OPEN ART“ und von „Various Others“, unsere drei Lieblingsausstellungen rausgesucht.

OPEN ART

Parastou Forouhar „The Written Room“
Ich lese, also verstehe ich. Angesichts von Unbekanntem und Fremdem finden wir Orientierung und Eineindeutigkeit im geschriebenen Wort. Parastou Forouhar fährt diese Selbstverständlichkeit gegen die Wand.
Für ihre Werkserie „The Written Room“ bedeckt die Künstlerin ganze Räume mit persischen Schriftzügen; für einen Großteil des Publikums unverständlich, erschließt sich nur denjenigen, die Farsi sprechen, die klaffende Lücke zwischen Signifikant und Signifikat. Forouhars Wörter haben keine Bedeutung, sind Zeichnung anstatt Zeichen.
Wand, Decke und Boden bedeckend konterkariert die Arbeit auch die westliche Verwertungslogik des Kunstmarktes, indem dessen ewiger Repräsentant, der White Cube, seine ganze Neutralität einbüßt und zum Bildträger degradiert wird.

WO:
Galerie Karin Sachs, Augustenstrasse 48

„Die schöne Münchnerin“
Im Schloss Nymphenburg, fernab der zeitgenössischen Kunst, befindet sich die sogenannte Schönheitengalerie von König Ludwig I. Der bayrische Regent prägte den Begriff der „Schönen Münchnerin“ und ließ Bilder von Exemplaren dieser Spezies anfertigen, die noch heute gemeinsam ausgestellt werden.
Die Galerie Klaus Lea versammelt anlässlich von „OPEN ART“ 15 künstlerische Positionen unter dem Titel „Die schöne Münchnerin“ – in Zeiten von #metoo, #notsurprised und eines verstärkten Bewusstseins über Cat Calling und andere Formen von Sexismus im Alltag, eine gewagte Ausstellung.
Es bleibt abzuwarten, ob der Ausstellungstitel heute noch eine Bedeutung hat, die über Klischees von wohlhabenden, aufgespritzten Ingenieurs- oder Anwaltsgattinnen oder bayrische Tracht hinaus geht.

WO:
Galerie Klaus Lea, Türkenstrasse 96

Udo Nöger „Licht“
Van Gogh malte buntere Bilder, während er an der Côte d’Azur lebte. Obwohl man Farben nicht steigern kann, ist oft das Blau blauer und das Gelb gelber, wenn Künstler und Werk mehr Sonnenstunden erfahren.
Der in Kalifornien lebende Künstler Udo Nöger gibt sich nicht mal damit zufrieden, seine Farben etwas satter anzumischen. Er will gleich mit Licht malen. In Finnland käme niemand auf die Idee, mit Licht zu malen.
Den Effekt, dass das Licht aus dem Gemälde zu kommen scheint, erzeugt er nicht durch eine Birne hinter der Leinwand, sondern durch das Nebeneinander und Übereinander von unterschiedlich lichtdurchlässigen Stoffen. Kann man Malerei nennen, kann man Skulptur nennen – ist in jedem Fall ein humorvoller Umgang mit dem Medium Leinwand und der Eintönigkeit abstrakter Malerei.

WO:
Galerie Jörg Heitsch, Reichenbachstrasse 14

Die OPEN art wird am Freitag, den 14. September, um 17 Uhr an der Hochschule für Fernsehen und Film mit einer Filmpremiere der Dokumentation der Geschichte der Initiative seit den 80er Jahren eröffnet. Die Ausstellungen eröffnen am gleichen Abend von 19 bis 21 Uhr. Am Samstag, den 15. September, sowie am Sonntag, den 16. September, gibt es Rundgänge durch die Galerien jeweils um 11 Uhr, um 14 Uhr und um 16 Uhr. Mehr Infos gibt es am Info­stand der OPEN art im Kassenbereich der Kunsthalle Hypo-Kulturstiftung und unter openart.biz.

VARIOUS OTHERS

Nina Canell und Ian Kiaer
Nina Canells Arbeiten verhalten sich wie Sushi zur Fischpfanne. Klingt komisch? Dann wollen wir ein bisschen konkreter werden. Die Schwedin benutzt bei ihrer Arbeit nämlich Kabel. Und zwar so ordentlich und clean arrangiert, dass an den berüchtigten Kabelsalat nicht mehr zu denken ist. Elektro- und Telekommunikationskabel nennt Canell das „Nervensystem der heutigen Zeit“. Sie hat es in Stücke geschnitten, in Acryl auf Beton gesockelt und zum Anschauungsobjekt gemacht.
Ian Kiaer arbeitet ganz anders, aber genauso installativ. Kiaer möbliert den Ausstellungsraum sehr vage mit Neonröhren und einem Tischgestell. An der Wand ein Aquarell, auf dem Boden ein Architekturmodell – dass sich das jetzt so fabelhaft gereimt hat, ist ein Zufall, versteht sich.
Aus teils kunstfremden Materialien formen Canell und Kiaer Skulpturen. Die Ausstellung, die ganz einfach den Namen der beiden Künstler trägt, ist eine Kooperation der Münchner Galerie Barbara Gross und der Berliner Galerie Barbara Wien.

WO:
Galerie Barbara Gross, Theresienstrasse 56, Hof 1

Ari Sariannidis /Lennart Schweder
Stahlkonstruktion, viel Glas und Farbflächen à la Piet Mondrian. So steht es zwischen Eukalyptus-Bäumen da, das Eames House. Unweit der Pazifikküste in einem Stadtteil von Los Angeles beherbergte es bis zu dessen Tod das Designer-Paar Charles und Ray Eames. Das Haus ist auch bekannt als „Case Study House No. 8“. Für Ari Sariannidis und Lennart Schweder markiert es den Ausgangspunkt ihrer jeweiligen künstlerischen Arbeit.
Sariannidis und Schweder haben in Wien gemeinsam mit Viktor Henderson den Ausstellungsraum Garret Grimoire betrieben. Jetzt stellen die beiden gemeinsam bei Loggia aus. Sie arbeiten vor allem skulptural. Was sie in München zeigen werden, ist im Monat vor Ausstellungsbeginn noch geheim bis ungewiss. Gut wird’s bestimmt. Wir haben vollstes Vertrauen.

WO:
Loggia, Gabelsbergerstrasse 26

Transmission Gallery
Länger als Transmission gibt es in Glasgow keinen anderen von Künstlern betriebenen Ausstellungsort. Wenn einer also etwas von Off-Spaces e twas versteht, dann das sechsköpfige Kuratorenteam. Wovon das übrigens auch Ahnung hat? Von freiwilligem Engagement und von begrenzter Entscheidungsmacht – nach zwei Jahren muss sich jedes Team-Mitglied verabschieden.
Die derzeitige Konstellation hat sich nun mit Ruine München zusammengetan. Unter diesem Namen organisieren ebenfalls in München Künstler Ausstellungen. Nun haben sie also die Briten zu Gast. Passt perfekt, oder?
Für die anstehende Show wird malerische Abstraktion zum Mittel der Kritik und Reflektion. Es geht dabei um Arbeitsweisen und Wandel von Transmission. Eine gute Gelegenheit, sich mal intensiver mit den Konzepten kleinerer Kunstprojekte zu befassen.

WO:
Transmission Gallery hosted by Ruine München

Im Rahmen von „Various Others“ eröffnen am Wochenende vom 14. bis 16. September verschiedene Ausstellungen in den teilnehmenden Galerien und Off-Spaces. Die teilnehmenden Museen bieten darüber hinaus ein umfangreiches inhaltliches Programm an. Mehr Infos gibt es unter variousothers.com.

Text: Anna Meinecke und Leonie Huber gallerytalk.net