PAM – PUBLIC ART MUNICH

PAM 2018


PAM – PUBLIC ART MUNICH ab 30.04.

Das Projekt PUBLIC ART MUNICH 2018 hat über 20 Künstler*innen aus aller Welt eingeladen, in und mit der Stadt München, performative Projekte durchzuführen. Sie werden sich mit der Frage beschäftigen, wie wir ein aktiver Teil von Veränderungen sein können. Was soll bleiben, was wird sich verändern? Superpaper sprach mit der Kuratorin Joanna Warsza und den Künstlerinnen Cana Bilir-Meier, die sich in ihrem Projekt der Moschee in Freimann zuwendet und Flaka Haliti, die den temporären PAM-Pavillon auf dem Viktualienmarkt gestaltet.

Nichts ist so beständig wie die Veränderung. Die Gesellschaft einer Stadt unterliegt dauernd Prozessen der Entwicklung, mal schleichend, mal abrupt. Auch München. Und es gibt Momente, die die Stadt und ihre Bewohner nachhaltig geprägt haben: Pazifistische und anarchistische Intellektuelle übernehmen in der Räterepublik für kurze Zeit die Politik, Olympische Spiele lösen einen Schub der Modernisierung aus, Studenten kapern ein ganzes Viertel und die Bürgerschaft zeigt am Hauptbahnhof ihre Solidarität mit Migranten. Es sind transformative Momente, die die gesellschaftlichen Regeln erweitern und verändern. Unter dem Titel “game changers” werden vom 30. April bis zum 27. Juli solche Momente der Veränderung künstlerisch verhandelt. Das Projekt PUBLIC ART MUNICH 2018 hat über 20 Künstler*innen aus aller Welt eingeladen, in und mit der Stadt München, performative Projekte durchzuführen. Sie werden sich mit der Frage beschäftigen, wie wir ein aktiver Teil von Veränderungen sein können. Was soll bleiben, was wird sich verändern? Superpaper sprach mit der Kuratorin Joanna Warsza und den Künstlerinnen Cana Bilir-Meier, die sich
in ihrem Projekt der Moschee in Freimann zuwendet und Flaka Haliti, die den temporären PAM-Pavillon auf dem Viktualienmarkt gestaltet.

Die PUBLIC ART MUNICH 2018 lässt sich in seine zentralen Elemente unterteilen: Öffentlichkeit, Kunst und München. Wie würden Sie den Fokus auf den Performance-Aspekt beschreiben, wie bezieht sich das Projekt auf den Ort München und wie passt das ganze unter das konzeptuelle Gefüge der “Öffentlichkeit”?

Joanna Warsza: Wenn man sich mit Kunst außerhalb der Museen beschäftigt, muss man den Ehrgeiz haben, dass sie auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann. Man muss erkennen, dass es unterschiedliche Öffentlichkeiten gibt. Wer den PAM-Pavillon am Viktualienmarkt passiert und noch nie ein Kunstmuseum besucht hat, muss gleichermaßen einen Zugang haben, das ist mir wichtig ist, wie ein Künstler oder ein Doktorand, der über die Architektur von temporären Pavillons forscht. PUBLIC ART MUNICH bietet völlig unterschiedliche Levels des Einstiegs, die gezeigten Projekte haben alle diese Qualität, natürlich auch die Projekte von Flaka Haliti und Cana Bilir-Meier. In der Moschee in Freimann werden wir einige Tausend Menschen aus der Community der Moschee willkommen heißen. Was Cana vorschlägt, die Forschung und die Reflexion des Raumes, ist auf verschiedenen Ebenen lesbar. Wenn man sich mit der Öffentlichkeit und Fragen bezüglich der Öffentlichkeit auseinandersetzt, muss man auf verschiedenen Ebenen denken. Bei PAM geht es auch um die Stadt München, das ist ein weiterer Einstiegspunkt. Sie können sich für die Arbeit einzelner Künstler interessieren, aber auch für die Geschichte der Moschee in Freimann oder für temporäre Architektur oder illegale Bauten in der Nähe des Olympiastadions.

Transformative Momente und Situationen, die die Stadt und ihre Öffentlichkeit verändern, sind ebenfalls ein Thema, das Sie ansprechen. Haben sie die performativen Positionen ausgewählt, die diese Idee der Transformation widerspiegeln?

Joanna Warsza: Für mich ist genau das die Logik und Qualität von performativer Kunst. Kunst hat oft den Ehrgeiz, wie entscheidende politische Momente, etwas ganz Besonderes zu schaffen. In diesem Sinn gibt es eine Ähnlichkeit. Man kann sich die Wendepunkte der Geschichte ansehen, die nur für kurze Zeit andauern, aber enorme Konsequenzen haben. Auch die Kunst kann diese extrem seltenen Ereignisse schaffen, mit deren Konsequenzen man sich später auseinandersetzten muss. Wenn man zurückblickt, war Alan Kaprows Arbeit nur sieben Abende lang, aber wir leben immer noch mit den Folgen. PUBLIC ART MUNICH will solchen künstlerischen Strategien einen Raum geben, aber eben nicht nur als Begleitprogramm zu einer Ausstellung von Objekten. Die performativen Strategien und deren momentane Existenz bilden den Kern des Projektes.

Nicht nur im Jahr 2015 kamen Migranten am Münchner Hauptbahnhof an. Seit den 1950er Jahren sind Menschen aus verschiedenen Ländern über den Münchner Hauptbahnhof nach Deutschland eingereist. Die Ankunft der damals so genannten “Gastarbeiter” war auch ein solch transformativer Moment. Cana Bilir-Meier, in Ihrer Arbeit reflektieren Sie diesen gesellschaftlichen Wandel und seine Wahrnehmung anhand eines bestimmten Ortes in München: die Moschee in Freimann.

Cana Bilir-Meier: Mein Ansatz ist durch die persönliche Geschichte meiner Mutter geprägt. Sie ist die Tochter von sogenannten “Gastarbeitern” und arbeitet seit 30 Jahren in der türkischen Gemeinde Münchens als Sozialpädagogin. Durch ihre Arbeit wird sie an Orte in München eingeladen, an denen sich die Community trifft. Dort spricht sie darüber, wie man Kinder erzieht, wie man die Familien stärken kann und sich in die Gesellschaft einbringt. Als Joanna Warsza zu mir kam und mich bat, an PUBLIC ART MUNICH teilzunehmen, sprach ich sofort mit meiner Mutter über ihre Erfahrungen und begann Hintergrundinformationen zu recherchieren. Ich begriff, dass ich anhand des spezifischen Ortes der Moschee in Freimann universelle Fragen stellen kann. Als ich weiter darüber recherchierte, wurde mir klar, dass es eine komplizierte, schwierige Geschichte gibt, es existieren Bücher über die Entwicklung der Moschee, aber dies war nicht meine eigene Perspektive. Während der Recherchen kam ich in Kontakt zu den Töchtern der Architekten der Moschee, ich erfuhr, dass es türkische Migranten waren, die in den 50er Jahren, kurz vor dem “Gastarbeiter-Anwerbeabkommen”, nach München zogen. Ich kam mit den Töchtern sehr gut zurecht, die Geschichte meiner Familie und die der Architekten ergänzten sich. Obwohl sie viele Projekte in München realisiert haben, werden die beiden Architekten Osman Edip Gürel und Necla Gürel in der Geschichte der Münchner Architektur nicht gewürdigt. Es gibt so viele Geschichten und Perspektiven, es gibt so viel Wissen, das von der Stadt München nicht anerkannt wird, ich will dieses migrantisch verortete Wissen sichtbar machen. Es ist so reich und wird nicht angemessen gewürdigt. Das Stadtmuseum, das auch Kooperationspartner ist, erhält nun das Archiv der Familie. Diese Architekten haben im Nachkriegsdeutschland zahlreiche Projekte realisiert, haben Schulen, Theater, Sakralbauten und Häuser gebaut. Eigentlich wollten sie nur ein Jahr bleiben und blieben am Ende dreißig Jahre in München. Migration ist nichts Neues, sie begann vor langer Zeit und wir leben in diesen Gebäuden, in diesen Häusern, die von Migration beeinflusst sind. Wir leben in diesen Häusern der Migration.

Andere Perspektiven zu ermöglichen, ist auch eine zentrale Idee von PUBLIC ART MUNICH? Die Perspektive der Menschen auf die Stadt, in der sie leben, soll verändert werden?

Joanna Warsza: Das hoffen wir. Das ist es auch, was die Kunst ausmacht. Kunst verändert das Denken und die Wahrnehmung unseres Alltags, schafft besondere Momente. Da unsere “Fallstudie” München ist, beziehen sich natürlich alle teilnehmenden Künstler auf die Stadt. Aber Flaka Haliti verändert mit ihrem PAM-Pavillon buchstäblich die Wege der Einwohner, sie verändert deren Pfad von A nach B. Wenn diese mit dem Pavillon auf dem Viktualienmarkt interagieren, passiert etwas mit ihnen.

Der PAM-Pavillon ist die einzige semi-permanente Struktur von PUBLIC ART MUNICH. Ein architektonischer Eingriff in die Stadt.

Flaka Haliti: Als ich von Joanna gefragt wurde, einen Pavillon zu entwerfen, nannten wir ihn zunächst einen Hub, weil wir nicht wussten, wie er physisch aussehen würde und wo er sich befinden könnte. Es ist für mich eine ganz besondere Erfahrung, ein Kunstwerk zu entwerfen und zu bauen, das gleichzeitig auch ein architektonisches Element ist. Ich fand es toll, Markus Miessen, mit dem ich schon während meiner Studienzeit an der Städelschule gearbeitet hatte, zu dieser Erfahrung einzuladen. Von Mai bis Januar, als die endgültige Genehmigung kam, hatten wir etwa acht Monate Zeit, uns unterschiedliche Orte in der Stadt anzusehen. Jeder dieser Orte war mit unterschiedlichen Typologien versehen, die uns auf unterschiedliche Weise leiten würden und uns in unserem Verständnis dieses Hubs als Ort beeinflussen würden. Aber von Anfang an kamen wir oft am Viktualienmarkt vorbei und sahen dort den Infopunkt, der meistens geschlossen ist, aber eine charmante Architektur hat. Daher haben wir um Erlaubnis gebeten, diesen zu benutzen und wir haben diese Erlaubnis schließlich bekommen. Der PAM-Pavillon ist also im Grunde genommen ein Infopunkt und ein Punkt zur Dokumentation der Ereignisse von PAM. Es ist ein sozialer Ort, ein Ort, um inne zu halten, eine Transitzone. Der PAM-Pavillon ist kein konformistischer Space, wie er es vielleicht an anderen Orten, die uns die Stadt angeboten hat, gewesen wäre. Wir waren an diesen Räumen nicht interessiert, weil wir eine bestimmte Kommodität vermeiden wollten, wir wollten mehr Konfrontation. In der Öffentlichkeit sein, unsere Komfortzone und die Komfortzone anderer in Frage stellen. Unser Wunsch ist es, während der Laufzeit des Projekts produktive Begegnungen zu ermöglichen.

Produktive Begegnungen könnte als Motiv für das gesamte Projekt gesehen werden?

Joanna Warsza: Ich denke, es geht darum, verschiedene Öffentlichkeiten auf verschiedenen Ebenen zu adressieren. Wer weiß, ob, wenn die Community der Moschee in Freimann von dem Projekt hört, diese Information sich verbreitet sich wie ein Schneeball. Ich hoffe, dass diese produktiven Begegnungen einen solchen Schneeballeffekt erzeugen werden. Es sind eben nicht lediglich Skulpturen, die der Öffentlichkeit präsentiert werden. PUBLIC ART MUNICH hängt sehr stark von den Menschen und der Beziehung zu den Menschen ab und wie das Projekt von den Bewohnern der Stadt angenommen wird. PUBLIC ART MUNICH ist eine Einladung, aber sie muss von der Stadt und den Menschen der Stadt angenommen werden.

Ist München nach Ihren bisherigen Erfahrungen so offen, wie Sie es sich wünschen würden?

Joanna Warsza: Ich finde München so voller Widersprüche. Einerseits fühlt es sich so verschlossen und steif an, andererseits ist es die Stadt, in der die Flüchtlinge so freundlich aufgenommen wurden, hier war das bürgerschaftliche Engagement am größten in Deutschland. Wie Thomas Meinecke in seinem Essay über die Stadt schreibt: Es leben viele Anarchisten in München, aber im Moment wählen sie alle die CSU. Es gibt ein schlummerndes Potenzial für außergewöhnliche Ereignisse, aber auf einer täglichen Basis geht es in dieser Stadt sehr beständig und konservativ zu. Ich finde die Spannung zwischen diesen beiden Polen höchst interessant.

Interview Quirin Brunnmeier

WANN: ab 30. April 2018
WO: verschiedene Spielstätten
WEB: pam2018.de