PUBLIC POSSESSION

PUBLIC POSSESION


PUBLIC POSSESSION

Anfang Juni erschien Olaf Nicolais Klangkunstwerk „In the woods there is a bird …“ auf Public Possession – eine Veröffentlichung, die den interdisziplinären Ansatz des Münchner Labels vortrefflich illustriert.

Olaf Nicolai ist Professor an der Akademie der bildenden Künste in München. In seiner Arbeit „In the woods there is a bird …“ für die documenta 14 nutzt er Radioaufnahmen von Demonstrationen, Randalen und Kundgebungen um die Beziehung von Klang und Inhalt zu erforschen. Der daraus entstandene Soundtrack erschien nun beim kleinen Independent Label Public Possession. Neben der Tatsache, dass einer der beiden Betreiber bei Nicolai studiert hat, verbindet Künstler und Label auch die strukturelle Offenheit ihrer Projekte. Nicolai nutzt unterschiedliche Medien, seine Stücke stehen nicht fest, er ist gern eher Vermittler denn Akteur. Ähnliches lässt sich auch über Public Possession sagen. Seit etwas mehr als fünf Jahren beitreiben Marvin Schuhmann und Valentino Betz nun Label und zughörigen Plattenladen in der Klenzestraße. Die Auswahl im Laden ist, auch ob der begrenzten Räumlichkeit, klein aber fein. „Müll stellen wir hier keinen rein“, sagt Marvin Schuhmann und ähnlich intuitiv gehen die beiden auch bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler vor: „Wir wollen gern Leute haben, die nicht unbedingt schon auf 10 anderen Labels veröffentlichen. Ganz am Anfang  haben wir ein, zwei Leute angefragt, die wir übers Auflegen kannten und interessant fanden und dann kam das ziemlich schnell ins Rollen. Wir machen in jedem Fall nur Künstler, bei denen es passt. Musikalisch und auch persönlich.“
So sind nach fünf Jahren schon um die 30 Releases zusammen gekommen – viel mehr, als die beiden gedacht hätten, denn von Anfang an ging es ihnen nicht nur um die Musik. Das Label sollte funktionieren wie ein Kanal, erzählt Valentino Betz, der 2015 bei Nicolai Diplom gemacht hat. „Alles was uns interessiert sollte fortan unter einem Namen laufen. “ Neben Musik und Merchandise sind dies etwa auch Fanzines oder andere Publikationen. So erschien kürzlich das erste Public Possession Buch „Der Slaf“. Eine Blütenlese mit graphischen Arbeiten, Aphorismen und Texten: „Wir hatten schon lange vor, ein Buch zu machen, weil wir einen Ort für unseren Text-Auswurf gesucht haben“, berichtet Valentino. „Das hat dann im Grunde funktioniert, wie das Call and Response-Prinzip beim Gospel, bei dem einer etwas vorgibt und der andere reagiert darauf. So haben wir uns gegenseitig eigene oder fremde Text-Stücke zugespielt und der andere kam mit `nem Bild zurück und so weiter. Die Art und Weise und auch das Thema sind einfach da gewesen – das ist bei unseren Sachen eigentlich meistens so, dass es dafür keinen konkreten Auslöser braucht.“

Im Moment ist Radio 80000 ein weiteres großes Projekt. Der Sender ist seit Februar in einem Container zu Hause, den Public Possession den Betreibern zur Verfügung stellt. Durch diesen physischen Ort im Container Collective ist die Radio 80000 Gemeinschaft ordentlich gewachsen und zahlreiche Shows sind hinzugekommen. Der Stream läuft mittlerweile rund um die Uhr.
Public Possession könnten mit ihren verschiedenen Projekten und Releases ein wunderbares Fallbeispiel in einer psychologischen Studie zum sogenannten Zeitparadox abgeben. Demnach erscheint die Zeit kürzer, wenn man wenig Neues und Aufregendes erlebt und bei Public Possession würden von 1000 Befragten 1000 antworten das Label gibt es „erst“ seit fünf Jahren anstelle von „schon“ am anderen Ende der Skala. Die Zeit scheint gedehnt, als wären Label und Laden schon immer da.

Bald gibt es den ersten Teil der Serie A Compilation, neue Releases von Sano und Mr Tophat, und aufgelegt wird natürlich auch: Zweimal im Monat spielen Marvin & Valentino bei Radio 80000, ansonsten stehen sie in nächster Zeit etwa im Razzmatazz in Barcelona oder im Robert Johnson in Offenbach hinter den Decks und natürlich jeden Monat bei ihrer Residency im Charlie.  Zum Olaf Nicolai Stück findet am 21. Juli eine Performance in der Tiefgarage des Luitpoldblocks statt, die von der Galerie Federkiel organsiert wird. Einiges los also – mal schauen, wie lange sich die nächsten fünf Jahre anfühlen…

Text: Andreas Schmidt

WEB: radio80k.de
publicpossession.com