ROCKO SCHAMONI

Rocko Schamoni


ROCKO SCHAMONI – Do. 08.03.

Punkmonarchie und Umzugsstress. Die große Rocko Schamoni Schau.

Punk ist ziemlich tot. Lederjacken und zerrissene Jeans sind so allgegenwärtig wie iPhones, der Irokese so salonfähig geworden, dass er auf Sascha Lobos Kopf durch die Studios von Markus Lanz und Maybrit Illner spaziert und mittlerweile hat sogar meine Mutter Springerstiefel. In den späten Siebzigern in Deutschland stand Punk jedoch für Aufbruch, Widerstand, Anderssein. Anders als die breite Masse, aber auch anders als die schon wieder zum Mainstream gewordenen Hippies des vergangenen Jahrzehnts. In den Großstädten eröffneten Läden wie das SO36 (Berlin) und die Markthalle (Hamburg) und boten jungen Musikern, linkspolitisch Aktiven und anderen, die auch cool sein wollten, eine Plattform, um sich auszutauschen und rumzuhängen. Auf dem Land sah das jedoch etwas anders aus. Da gab es – wie heute auch – hauptsächlich Kühe, CDU-Wähler und gähnende Langeweile. Und trotzdem, trotzdem ist die Punkwelle auch dorthin geschwappt und hat junge, orientierungslose Jungs und Mädchen mitgerissen. Unter ihnen war Roddy Dangerblood, eigentlich Tobias Albrecht. Er behauptet in seinem zweiten Roman „Dorfpunks“, niemand Geringeres als das Schicksal hätte bestimmt, dass er Punk werden sollte. Richtig, die Rede ist von Rocko Schamoni. Punksein hieß für ihn und seine Freunde vom Dorf hauptsächlich kaputte Klamotten zu tragen, The Clash, The Cure, Fehlfarben, Sex Pistols zu hören und eine große Zerstörungswut. Sie gründeten Bands, lösten sie wieder auf, lungerten am Strand, im Wald, am Marktplatz herum und tranken dabei ziemlich viel Alkoholisches.

Schon seit vielen Jahren jedoch ist Schamoni raus aus dem kleinen Ort an der Ostsee, er trägt statt zerfetzten gebrauchten Kleidern jetzt seidene Fledermaushemden und die Haare ungefärbt. Wäre das hier die Bunte, wäre er wahrscheinlich einfach als „Allroundtalent“ beschrieben, ich mache mir die Mühe: Er ist Schriftsteller, Regisseur, Musiker, Schauspieler, Clubbetreiber, Mitglied bei DIE PARTEI und hat zusammen mit Jacques Palminger und Heinz Strunk das Studio Braun gegründet, mittlerweile eine Größe im deutschen Komikbetrieb. Schamoni beschreibt sich selbst so: „Betont unkäuflich, romantischer Dissident mit Sex Appeal, interessante Einstellung, Hang zum Grüblerischen, Marke: Jeanstyp mit Monokel.“ Über die Sexiness lässt sich diskutieren, ansonsten trifft die Beschreibung ziemlich gut zu. Seine sechs Romane, zahlreichen Alben und schauspielerischen Leistungen zeugen von viel Sprachgefühl und Humor, wenn der ehemalige Roddy Dangerblood Lesungen hält, muss er oft selbst so lachen, dass er die Worte kaum herausbringt. Die gute Nachricht: der selbst ernannte King ist wieder auf Tournee! „Die große Rocko Schamoni Schau“ ist Konzert und Lesung in Einem, er präsentiert seine liebsten vergessenen Songs anderer Künstler zusammen mit dem Gitarristen und Schlagzeuger Tex M. Strzoda live. Dazu wird auch noch per Skype das Orchester Mirage, mit dem er sein letztes Album aufnahm, aus Hamburg zugeschaltet und spielt.

Als wäre das noch nicht genug, liest der King auch noch aus seinem neuen Buch „Dummheit als Weg“, das es so noch gar nicht gibt. Es wird von ihm während der Tour laufend weitergeschrieben, wo doch ein großes Publikum so viele wunderbare Motive für sein Thema bietet: Unvermögen und Unwissenheit. Er stellt die Dummheit seiner Selbst und anderer kopfschüttelnd fest, schreibt sie nieder und ist sich dabei sicher, dass diese der Grund für das Zugrundegehen der Welt sein wird.

Wer jetzt immer noch keine Lust auf den Abend bekommen hat: Saufen ist Programm bei der großen Rocko Schamoni Schau. Es macht bestimmt Laune, dem King und Strzoda dabei zuzusehen, wie sie sich betrinken. Am 8. März ist das Spektakel in den heiligen Hallen des Volkstheaters zu bewundern, und wer dumm genug ist, schafft es vielleicht sogar in das neue Buch.

Apropos Volkstheater: Wer den Schulgebäude-Flair des 60er-Jahre-Baus in der Brienner Straße zu lieben gelernt hat, sollte in den nächsten drei Jahren noch so oft wie möglich hingehen, denn das Theater zieht um. Am Viehhof entsteht ein neues Zuhause für das Ensemble um Christian Stückl. Das Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart hat den Architektur- und Bieterwettbewerb gewonnen und darf nun mit einer schwäbischen Baufirma ihren Entwurf realisieren: 18 000 Quadratmeter stehen ihnen zur Verfügung für drei Bühnen, eine davon mit einem 27 Meter hohen Turm, einen Biergarten, eine Probebühne und viel Platz für die Werkstätten. Alle drei Säle zusammen werden 900 Zuschauer beherbergen können. Wer an Details zum Entwurf interessiert ist, kann sich im Foyer des Volkstheaters eine Ausstellung dazu ansehen.
Bei knapp 131 Millionen Euro liegt der Festpreis, der zwischen dem Baureferat und der Firma Georg Reisch verhandelt wurde. Wird es doch teurer, trägt das nicht die Stadt München sondern der Bauunternehmer. Im Januar wurde bereits mit der Räumung des Geländes begonnen, die ersten Bagger werden im Juni mit der Arbeit beginnen, und wenn nichts dazwischen kommt, ist das neue Volkstheater im März 2021 fertig. Die Fassade soll aus Ziegelstein sein und sich damit gut in die Umgebung einfügen, die unter Anderem aus zwei denkmalgeschützten Altbauten besteht.
Für den restlichen alten Viehhof um das Theater herum wird ein Neubauviertel in Aussicht gestellt; öfter mal was Neues.

Das Areal wird jedoch weiterhin in städtischer Hand bleiben und angeblich nicht mit Luxusquartieren zugebaut werden, es sollen sowohl Wohnflächen als auch freie öffentliche Flächen entstehen. Vom heißgeliebten Bahnwärter Thiel mit seinem Wannda Zirkus, dem Open Air Kino im Viehhof und den Freiflächen zum Sprayen müssen wir uns in dieser Form jedoch verabschieden. Das Bahnwärter Thiel hat bereits ein neues Zuhause auf dem ehemaligen Gleisgelände neben dem Viehhof bekommen, der Veranstalter Daniel Hahn sieht darin eine Chance für das Entstehen eines neuen „pulsierenden Kreativkosmos“ (Süddeutsche Zeitung).
Es bleibt spannend um den Viehhof, die Zeit bis zur Fertigstellung können wir uns jedoch gut vertreiben: Im Volkstheater in der Brienner Straße werden bis zum Umzug noch 25 Premieren gefeiert und Intendant Stückl stellt „eine gescheite Party bis zum Schluss“ in Aussicht. Und dann kommt ja auch noch Schamonis neues Buch raus!

Text: Lisa Genzken

WANN: Donnerstag, den 08. März 2018, 20 Uhr
WO: Volkstheater
WEB: muenchner-volkstheater.de