SINNLOSE BETRACHTUNGEN 1-3

Jonathan Castro


SINNLOSE BETRACHTUNGEN 1-3

1 #Du mee a !
Gott jetzt. Der total männliche Blick! Wenn der da dauernd so runter schaut, überall wo ich bin mich sehen kann, bei allem was ich tu. Na hör´ mal – mich dann auch noch beurteilt, nein, das ist doch wirklich nicht mehr angebracht. Die ganze Trinität ist ja zu drei Dritteln männlich, wenn ich das richtig sehe, zumindest steht es so geschrieben in der Bibel, total verseucht vom männlichen Blick das Buch übrigens.

Vater – Sohn – Heiliger Geist. Und die einzige Frau ist nur dazu da, geschwängert zu werden und den (männlichen) Erlöser auszutragen. Was ist denn das für ein Rollenverständnis? Die ganze Welt hätte ER erschaffen – ja freilich! Und die Menschen, den Mann, also Adam – und dann aus der Rippe des Mannes die Frau, Eva. Für die Bibel wird’s jetzt doch langsam eng. Wahrscheinlich wird sie bald aus dem letzten Nachtkästchen des vorletzten Hotels verschwunden sein. Und natürlich fliegt sie auch aus den Bibliotheken. Oder? Gott als Frau gibt’s zum Glück schon – aber nur in ein zwei besonders avancierten Science Fiction Filmen.
Eva sagt: Kreativ sein durfte immer nur der Mann, das nervt! Eva sagt: Schau mal rein in die Kunstgeschichte, in das Kunsthistorische Museum in Wien oder die Alte Pinakothek in München. Fleisch, Fleisch, Fleisch, auf die Leinwand geschmiert vom männlichen Blick über Jahrhunderte. Damit ist jetzt Schluß! Raus mit dem Zeug, runter von den Wänden – abhaengen statt aufhaengen!
Manchester war erst der Anfang: „Hylas und die Nymphen“, gemalt 1896 von dem Mann (sic!) John William Waterhouse. Eine Gruppe vermutlich minderjähriger Mädchen, die Nymphen, nackt in einem Seerosenteich und ein junger Mann, der die Hand nach ihnen ausstreckt. Was für eine Sauerei! Oder? Ein Blick in die griechische Mythologie würde vielleicht helfen: Der junge Hylas will mit einem Krug Wasser schöpfen aus dem Teich. Da erblickt ihn die Nymphe der Quelle. In der griechischen Mythologie hat je-
der Bach, jeder Fluß, jeder Tümpel, jede Quelle, jeder See eine Nymphe, die über das Gewässer wacht. Sie waren Töchter des Zeus oder Okeanos, dem Vater aller Flüsse. Also, der junge Hylas will Wasser schöpfen aus dem Teich, da erblickt ihn die Nymphe der Quelle – und ist von seiner Schönheit betört, schlingt den Arm um ihn und versucht ihn hinunter in die Tiefe zu ziehen. Hey hey hey – das paßt aber jetzt irgendwie nicht. Wie soll man sich da noch richtig empören, wenn der Junge nicht den Mädchen was tut, sondern die Nymphen dem Hylas. Wurscht! Ist ja doch nur Farbe auf der Leinwand. Das wäre auch noch ein Punkt. Zeichentheoretisch. „La trahision des images“ heißt eines der berühmtesten Bilder von René Magritte. „Der Verrat der Bilder“. Darauf ist eine gemalte Pfeife zu sehen – und darunter steht: „Ceci n´est pas une pipe“ – „Dies ist keine Pfeife“. Michel Foucault hat dem Problem, dem sich dieses Bild stellt, einen hübschen Text gewidmet. Das 1929 entstandene Bild hängt jetzt im Los Angeles County Museum of Art und muß vermutlich nicht abgehängt werden. Weil darauf nichts Nacktes, kein Mädchen, keine Frau, keine Bewunderung, keine gefühlt sexueller Anklang zu finden ist. Nur der männliche Blick auf eine Pfeife oder genauer gesagt eben nicht auf eine Pfeife, sondern auf eine gemalte Pfeife. Farbe auf der Leinwand. Vielleicht sollten wir das nicht ganz vergessen. Was wir zu sehen glauben auf einem Gemälde, Nymphen, Männer, Mädchen, Wasser, Blumen sind keine Nymphen, Männer, Mädchen, Wasser, Blumen, sondern nur Farbe auf Leinwand. Kunst. Und was der Betrachter sieht, liegt in seinem Auge.
Aber die Aktion Feigenblatt geht weiter. Leben und Werk von Künstlern wird weltweit überprüft. Was wird übrig bleiben? Hier schon mal ein paar Namen, die ganz sicher abgehängt werden müssen: Pablo Picasso, Egon Schiele, Gustav Klimt, Franz von Lenbach, Franz von Stuck, der ganze Botticelli, die allermeisten Präraffaeliten, Tizian, Caravaggio, Rubens, Perugino, Rembrandt und all die Haut- und Nippelmaler der letzten Jahrhunderte, tausende von Venus-Darstellungen, aberhunderte Gemälde der antiken Mythologie, all die kleinen nackerten fliegenden Kinder in unseren Kirchen, genannt Putti. Und das war nur die Malerei. Die Glyptotheken dieser Welt können gleich zusperren, mit ihren Zipferl-Adonis und Venus-Statuen.

2
„Operation Olivenzweig“
In der Antike, griechisch-römisch, sorry, schon wieder, war der Kranz aus Olivenzweigen die höchste Auszeichnung verdienter Bürger und der Sieger der Olympischen Spiele. Der Ölzweig ist also schon immer das Symbol des Friedens. Wer um Frieden bat, trug den Ölzweig in der Hand. Wie meint er das also, der Mann vom Bosporus? Wenn er die kriegerische Attacke auf die Kurden „Operation Olivenzweig“ nennt. Ich glaube ja nicht, daß es eine Rolle spielt und es gehört auch nicht hierher, denn es ist natürlich ein wenig fies. Aber jeder weiß, wenn die Mama das Baby nicht umdreht im Bettchen, bekommt es einen platten Hinterkopf. Ob jetzt das Denkvermögen darunter leidet, wird angeblich gerade an der Galatasaray Üniversitesi erforscht.

3
Annegret Kramp Karrenbauer
Nur mal so als Frage: Warum schmeißt eine Ministerpräsidentin von einem Tag auf den anderen ihren Job hin? Gut, es war nur das Saarland, aber trotzdem. Um Generalsekretärin zu werden. Tschuldigung! Wie karrieregeil muß man eigentlich sein? Hat man da keine Verantwortung für das Bundesland, dem man dient? Keine irgendwie geartete tiefere Bindung? Wie verlassen von allen guten Geistern muß man sein. Nur weil man hofft, noch was Besseres oder Höheres zu werden demnächst. Solche Postenreiterei ist es, die den Rechten die Leute zutreibt. Und ich lege mich fest: Die AKK, nein, das ist jetzt keine Kurden-Organisation, wird ganz sicher nicht die Nachfolge der Raute antreten. Wetten!

Text: FX Karl

E-PAPER: SUPER PAPER #101

ART: Jonathan Castro jonathancastro.pe