SOUND AUSSTELLEN – SOUND HÖREN

Tillmans Playback Room


SOUND AUSSTELLEN – SOUND HÖREN

Wolfgang Tillmans schafft mit „Playback Room“ einen Ort für Studiomusik im Lenbachhaus

Wollte man sich die Bilder von Gerhard Richter anschauen, man käme wohl nicht auf die Idee, in ein Eishockeystadion zu gehen. Die moderne Gesellschaft hat sich mit dem Museum oder der Galerie ganz unterschiedliche Orte erfunden, an denen man relativ erwartungssicher bildende Kunst vermuten darf. Interessiert man sich für andere Kunstformen, so wird man feststellen, dass auch diese alle einen Ort der öffentlichen Aufführung kennen: das Theater findet natürlich auf der Bühne statt, für Live-Konzerte geht man in einen Konzertsaal und Wagners „Ring“ gibt es selbstverständlich in der Oper. Nur für die Studiomusik scheint dies nicht zu gelten – sie hat keinen eigenen institutionalisierten Rezeptionsort.

Auf dieser einfachen, wie bestechenden Beobachtung fußt Wolfgang Tillmans Idee zur Reihe »Playback Room«. Tillmans hat damit einen Raum im Museum Lenbachhaus in München geschaffen, der speziell für die Wiedergabe von Musikaufnahmen in höchster Klangqualität konzipiert und mit einem High-End-HiFi-Soundsystem der Firma „3.Dimension“ ausgestattet ist. Bespielt wird dieser Raum mit zwei Playlists, die Wolfgang Tillmans selbst zusammengestellt hat. Drei Bring Your Own-Abende und ein Symposium begleiten zudem die Veranstaltung.

Man könnte ja nun einwenden, dass die Musik doch bereits seit einigen Jahren ins Museum einzieht, ja geradezu musealisiert wird. Im Münchner Haus der Kunst hat erst kürzlich die Ausstellung „Geniale Dilettanten“ eine pop- und gegenkulturelle Kartographie des Deutschlands der 80er Jahre erstellt. Im MoMa in New York gab es ebenfalls 2015 eine große Björk-Retrospektive, bei der man in einer interaktiven Soundinstallation gleichermaßen der Disko-, wie Biographie der Künstlerin nachspüren konnte. Die Bild- und Tonwelten der Band Kraftwerk ließen sich 2011 als immersives Gesamtkunstwerk in 3-D im Lenbachhaus erleben. Und im Victoria and Albert Museum in London setzte man dem Künstler mit David Bowie is bereits vor seinem Tod ein mit allerlei Devotionalien und Lebensschnipseln angefülltes Denkmal. Diesen Ausstellungen ging es meist darum, den gegenseitigen Überschneidungen zwischen Kunst und Musik nachzugehen, die Protagonisten und deren Werke zu kanonisieren und die Popmusik schließlich selbst zur Kunst zu erheben. Und natürlich ist es auch ein konstantes Motiv in den Arbeiten Wolfgang Tillmans, die alte Unterscheidung von High und Low-Kultur zu unterlaufen. Noch als Junge habe er Chagalls Fenster im Münster Zürich gesehen und weinen müssen, so Tillmans in seiner Ansprache. Eine ganz ähnliche Erfahrung habe bei ihm aber auch Pink Floyds Stück „Wish You Were Here“ ausgelöst. Nicht ohne ein klein wenig zwinkernd hinzuzufügen, dass „Blue Monday“ der Band New Order sowieso „eines der größten Kunstwerke“ überhaupt sei.

Und doch setzt »Playback Room« noch einmal anders an. Tillmans versucht hier den Sound selbst auszustellen. Man merkt gleich, was damit gemeint sein könnte, wenn man den »Playback Room« betritt: es ist ein reduzierter, ja fast leiser Raum. Anstelle von Bildern hängen hier Klangreflektoren an den Wänden. Farblich ist er in schlichtem Grau gehalten und gedämpft beleuchtet. Nichts erinnert hier an die klinisch-verspannte Stimmung des White Cubes, vielmehr laden Sitzkissen zur entspannten Soundkontemplation ein. An der Kopfseite des Raumes, hinter einer Absperrung, thronen lediglich zwei schlanke Boxentürme und ein Verstärker – von blauem Neonlicht sanft umleuchtet. Das ist die fast auratische Präsenz des Sounds. Und dieser Sound, den wir hier hören, ist von einer bestechenden elektroakustischen Klarheit: luzide, nüchtern, mit einer fast diaphanen Klangfarbe.
In Zeiten, in denen Musik seit der Erfindung des Walkman fast ortlos geworden ist und überall in komprimierten Digitaldateien gestreamt und auf blechernen Laptopboxen leicht konsumiert werden kann, könnte man das zunächst fast für ein Rückzugsgefecht halten, das für Wertkonservativität und gekonnte Handwerklichkeit plädiert: Music for the Manufactum Generation? Tillmans geht es jedoch nicht um jungshafte Klang-Geekiness oder den Authentizitätsfetisch des reinen Sounds, noch will er einen kritischen Kommentar der iPod-Kultur liefern, wie er im Interview mit der Kunstzeitschrift Monopol erklärt. »Playback Room« versucht vielmehr die in den Studioaufnahmen und ihrem Produktionsprozess angelegte Komplexität des Sounds hörbar zu machen.

Die Playlist »To Know When to Stop«, die wir an diesem Abend hören, wurde völlig neu für das Lenbachhaus zusammengestellt. Sie beinhaltet aber auch drei Stücke die Tillmans bereits 1994 in seinem »Salle Techno« im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris präsentiert hat. Zum einen besteht diese Playlist aus persönlichen Lieblingsstücken des Künstlers. Insofern lässt sich hier auch Wolfgang Tillmans eigene Pop-Sozialisation nacherfahren, die sich von breitbeinig produziertem Pink Floyd-Rock über den britischen New Wave von New Order, und von den demokratisierten Sequenzern und Drumcomputern des Techno bis hin zu den Klangperfektionen der „American Producers“ um Missy Elliot, Justin Timberlake und Frank Ocean erstreckt.
Die zweite Playlist, »Colourbox – Music of the group (1982 – 1987)«, die ab 19. März zu hören sein wird, wurde bereits in Wolfgang Tillmans Projektraum Between Bridges in Berlin aufgeführt. Die Band Colourbox würde man wahrscheinlich als postmoderne Band bezeichnen. Ihr eklektischer Sound speist sich vor allem aus Beatbox getriebenen Hip-Hop-Rhythmen, stolpernden Reggea-Offbeats, hallenden Dubplates und warmen Soulstimmen. Mit ihrer Montage von analogen Magnetbändern und dem experimentellen Einsatz des Samplings erschufen Colourbox diesen rauen Stilmix, der vielleicht nur im London der 80er Jahre entstehen konnte.

Und so geben diese Stücke nicht nur einen intimen Einblick in die private Playlist des Künstlers, das wäre sicherlich zu wenig. Tillmans hat vielmehr Musikstücke ausgewählt, die wichtige mediale Zäsuren in der Produktion von Studiomusik ausmachen. Letztlich hört man hier dann immer auch ein Stück Medienarchäologie mit, so Museumsdirektor Matthias Mühling: „Das erste Tonstudio wurde im gleichen Jahr eingerichtet, in dem auch die Röntgenstrahlen entdeckt wurden und das erste Kino eröffnet wurde, all das hat die Menschen medial verändert.“ Im Theoriesound müsste man wahrscheinlich sagen, Tillmans versucht den Studioklang in seiner Materialität erfahrbar zu machen. Aber wahrscheinlich klänge das in seinen Ohren nach einem irgendwie viel zu lauten Satz. »Playback Room« mache eher ein „Angebot“, wie er ausführt: „Man bekommt hier einfach etwas zu hören, was auf diesem Niveau sonst nirgendwo gehört werden kann.“ Denn wer hat schon eine 100.000€-Anlage in seinem Wohnzimmer stehen? Seit dem 16. Februar ist das Lenbachhaus unser gemeinsames Wohnzimmer.

Playlist I: To Know When To Stop
16. Februar – 18. März 2016

Playlist II: Colourbox – Music of the group (1982 – 1987)
19. März – 24. April 2016

BRING YOUR OWN!
Fr, 26. Februar, 18. März und 8. April 2016
jeweils ab 19 Uhr im Georg-Knorr-Saal; mit Bar.

Musik ausstellen – Ein Symposium
Fr, 18. – Sa, 19. März 2016
Diskussion mit Barbara London (New York), Sven Beckstette (Stuttgart) und Wolfgang Tillmans, Moderation: Matthias Mühling

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

T: Niklas Barth

WO: Lenbachhaus, Luisenstrasse 33
WEB: lenbachhaus.de