STELL DIR VOR ES IST SALE UND KEINER GEHT HIN…

Simon Freund


STELL DIR VOR ES IST SALE UND KEINER GEHT HIN…

Ich muss es gleich am Anfang sagen, damit später niemand behaupten kann er oder sie hätte mich missverstanden. Simon Freund ist auch mein Freund.

Ich wohnte einmal mit ihm zusammen. Das passierte zufällig, sonst wären wir uns vielleicht nie begegnet, obwohl das in München schon schwer ist.
Simon ist ein wunderlicher Mann Ende zwanzig, der wahrscheinlich nie seine fast griechische Jugendhaftigkeit ablegen wird. Das ist das erste verblüffende Detail an ihm. Simon Freund erweckt immer den Eindruck ein nachdenkliches Kind zu sein. Wie ein noch sehr junger Mensch hinterfragt er alles und sucht ständig nach neuen – nach seinen Wegen.

2008 gründete er sein eigenes Label ‚SIMON&ME‘. Er verkaufte Accessoires und Mode mit dem ihm ganz eigenen Anspruch an schlichtes Design. 5 Jahre später kam ein eigener Laden ‚Local’ in Berlin dazu.
Doch die Selbstständigkeit veränderte ihn. Seine eher materialistische Sicht auf die Welt löste sich zusehends von den Vorstellungen seiner Kunden. Freund hinterfragt das Produkt an sich, als kapitalistisches Gut, das produziert und gekauft werden will. Auf einmal hingen merkwürdige Sachen in seinem Schaufenster. Ein überlanger, fast zwei Meter langer Pullover beispielsweise. Oder eine einfache Leiter für mehrere Tausend Euro aus exklusivem Nussholz. Die herkömmliche Idee eines klassischen Produktes befand sich im freien Fall.

Auf erfrischende Weise ist Simon finanzieller Erfolg immer mehr egal. Ihm geht es um die Aussage in seiner Arbeit, womit er im krassen Gegensatz zu den meisten Designern unserer Zeit steht. Ein Objekt darf nicht nur gut oder außergewöhnlich aussehen. Es muss auch immer Objekt, also abstrakter Gegenstand bleiben. Dabei denkt er die Produktionsprozesse mit und ist sich der ökologischen und sozialen Auswirkungen des Konsums stets bewusst. Gleichzeitig mit seiner Abkehr von der Funktionalität widerstrebte es ihm auch zunehmend seine Kunst überhaupt zu verkaufen. „Kunst muss umsonst sein“, sagt er oft. Ich habe ihn nie gefragt, aber ich denke er benutzt ganz bewusst den Ausdruck ‚umsonst‘ und nicht etwa ‚gratis‘ oder ‚frei‘. Denn ‚umsonst‘ impliziert auch immer eine Überflüssigkeit. Wenn etwas nichts kostet, ist es noch nicht umsonst, sondern erst, wenn es auch keinen anderen Zweck als den künstlerischen erfüllt. Damit kritisiert er gezielt die Funktionalität in ihrem Kern und freilich auch den kapitalistischen Akt des Kaufens. Denn Wert bemessen wir heute in Geld. Alles pressen wir in ein Korsett aus Kosten-Nutzen Kalkül und glauben damit den Wert von etwas exakt bestimmen zu können.

2016 brach Simon seine Zelte in Berlin ab und zog nach München. Er tat dies mit einer bewussten Entscheidung gegen die weitere kommerzielle Bindung seiner Arbeit. Sein Schaffen war endlich frei. Simon wurde mein Mitbewohner und ich sein Bewunderer.
Simon trägt meist immer das Gleiche. Eine dunkle Hose, klobige schwarze Schuhe. Dazu ein weißes Shirt und einen blauen Pullover plus Wollmütze. Von jedem Kleidungsstück hat er mehrere Exemplare. Es ist seine Uniform, die er perfektioniert hat und die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Alleine diese Absurdität begeisterte mich. Es hat etwas poetisches, etwas zu tiefst skurriles – wie ein Charakter aus einem Roman.
Simon kauft, trägt und tut scheinbar nichts ohne sich vorher viele Gedanken gemacht zu haben. Seine Selbstreflexion ist der Endgegner mit dem sich alle Ideen messen müssen.
In unsere WG zog er mit rund drei Dutzend milchig-transparenten Plastikkisten voll mit Designobjekten, Kugelschreibern, Pullovern, Mützen, Duftkerzen, Armreifen und Notizbüchern, die sich in seinen Jahren in Berlin angesammelt hatten.
Heute glaube ich, er schämte sich für seine Flut an Besitztümern. Sein wochenlanges Ausmisten mündete in seiner ersten konzeptkünstlerischen Arbeit. Er fotografierte alles von der Zahnpasta bis zur letzten Büroklammer in einem improvisierten Studio mit der Sorgfältigkeit eines Naturforschers und lud die Fotos anschließend auf seine Website (allipossess.com) hoch. Seitdem aktualisiert er dieses Kompendium regelmäßig, sodass der Betrachter immer einen genauen Überblick über Simon Freunds gesamten Besitz hat.
Mit einer der ersten Arbeiten als Konzeptkünstler begann er auch seiner eigenen Person mehr Salienz zu verleihen, was sich seitdem zu einem Eckpfeiler seiner Arbeiten entwickelt hat. Er, der Simon Freund, der sich immer mehr vom Materialismus entfernt, wird selbst zum Zentrum seiner Kunst. Transparenz ist der neue Kampfbegriff. So stellte er vergangenen Sommer in den Räumen des Co-Artspace ‚The Stu‘ 100 Selbstporträts aus, auf denen er die Kleidung von 100 Menschen trägt und deren charakteristischen Posen imitiert. Parallel dazu trugen diese 100 Personen dann seine ‚Uniform‘ aus dunkler Hose, dunklem Pulli, grauen Schlappen, weißem T-Shirt und natürlich der Freund’schen Wollmütze (selbstportrait.simonfreund.com).

Mittlerweile wohnen wir nicht mehr zusammen, denn Simon hat München verlassen. Pragmatisch und ungewöhnlich wie er nun mal ist, stellte er eines Tages fest, dass seine Münchner Wohnung eigentlich nicht bezahlbar ist. Er durchforstete das Netz nach billigeren Städten. Im Herbst 2018 zog er dann nach Gotha. In die Mitte von Deutschland wie er sagt. Dort sitzt er nun, in einer günstigen Wohnung in einer Stadt, in der er nur wohnt, weil sie im Vergleich zu München so billig ist. Es ist einsam in Gotha, sagt er – doch das fördere seine Produktivität.

Mit seinem absolut verrückten Umzug in die deutsche Walachei hat er nun auch geografisch seine Rolle als moderner Eremit unterstrichen. Er macht Dinge anders und zwar mit Ansage.

Doch Mitte Februar kommt er zurück. Für seine Ausstellung in der AkademieGalerie, die seine Handynummer als Namen trägt (+49 173 37 42 908). Dort wird seine Kunst um die Person Simon Freund ihren vorläufigen Gipfel erreichen. Für die gesamte Ausstellungsdauer vom 17.2. bis 24.2. wird dort nicht nur sein Handydisplay für alle Besucher zu sehen sein, sondern auch die Bilder von 5 Überwachungskameras aus seiner Wohnung (fiverooms.cam). Als i-Tüpfelchen der maximalen Transparenz zeigt er dazu seinen Kontostand, den er zweimal täglich auf der Internetseite countless.info aktualisiert.

Ich könnte noch ewig weiterschreiben über meinen Freund Simon Freund. Darüber wie er Museumswärter im Haus der Kunst wurde und mir Stunden lang erzählte wie merkwürdig sich Museumsbesucher verhalten. Darüber wie er sich mit jeder Faser gegen die sozialen Netzwerke wehrt. Darüber wie er die Welt, die Art wie wir konsumieren und das Internet revolutionieren will und grandios scheitert. Darüber wie er das Scheitern und das Nutzlossein feiert und lebt und dabei nicht völlig wahnsinnig wird. Darüber wie er sich all das traut, was ich mich nie trauen würde und darüber, wie er jeden Tag viel mutiger ist als alle Menschen die ich kenne.

TEXT: JAN RAUSCHNING-VITS

WANN: Ausstellungsdauer vom 17.2. bis 24.2.
WO: Akademie Galerie, U-Bahnhof Universität
WEB: adbk.de