SUPER PAPER BOOK CLUB RECOMMENDS

Martin Fengel


SUPER PAPER BOOK CLUB RECOMMENDS

Super Paper Book Club #14 — Quarantäne Edition

»183 Tage« von Ianina Ilitcheva

Dank einiger, aktiver Freunde geraten die Texte von Sprachkünstlerin Ianina Ilitcheva alias @blutundkaffee (“Ich möchte alle Kranken am Genick packen und ihre Köpfe ins Klo tauchen, bis sie wieder gesund sind”) nicht in Vergessenheit. Zum Beispiel wenn Rick Reuther posthum einen Gedichtband herausgibt oder ihre Texte auf Literaturfestivals liest oder durch die Quarantäne Live-Lesungen von Autorin Friederike Schempp alias Frieda Paris. Sie liest momentan jeden Tag auf Facebook aus Ilitchevas “183 Tage”.
Aus gegebenem Anlass, wie man so schön sagt. Denn: 2012 hat Ianina Ilitcheva 183 Tage lang ein Projekt der sozialen und physischen Distanz gelebt. Wie es ihr in diesem halben Jahr erging, was es ihr leicht, und was es ihr schwer gemacht hat – steht in “183 Tage”. Es enthält 333 Notizen, 183 Fotografien, Selbstporträts, Illustrationen, Gedichte und Tagebucheinträge, die ungebremst und ungeschönt von diesen Tagen des Rückzugs erzählen.
In einer Zeit, in der die Regierungen aller möglichen Länder ihren Bürger*innen ans Herz legen, zuhause zu bleiben, liest sich “183 Tage” schon fast wie eine poetische Anleitung zum #socialdistancing: “Es ist, als bereite man sich auf eine lange Reise vor. Man fragt Freunde, welche Musik sie einem empfehlen würden und welche Bücher sie gerade lesen.”
Am neunten Tag schreibt sie: “Das Erwerben von Lebensmitteln hat mich befriedigt.” Ich fühl’s.

Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 2015

»102 grüne Karten zur Rettung der Welt« von KATAPULT 

Ein Buch des populärwissenschaftlichen Magazins KATAPULT, das nicht lange zaudert: Bereits auf dem Cover legen die Herausgeber aus Greifswald los mit der Aufklärungsarbeit, genauer gesagt mit der Frage, wie viel Wald wir pflanzen müssten, damit die Welt Co2-neutral würde. Der Innenteil setzt informativ und rasant die Reise um den Globus fort und wirft hochaktuelle, brisante, teils amüsante Fragen rund um Umweltschutz, Klimawandel, Konsum und Städteplanung auf.
Wieviel Platz benötigen wir, um die gesamte Welt mit Solarstrom zu versorgen? Woher kommt unser Fisch? Welche Stadt investiert am meisten in Radwege? Halb imaginäre, halb reale Szenarien untermauern die Thesen, etwa wie groß Berlin wäre, wenn alle Menschen dorthin ziehen würden. Das Infografik- und Kartographie-Magazin von Benjamin Fredrich hat mit diesem Buch erneut bewiesen, dass schlagkräftige Argumente und sachter Humor einander nicht ausschließen. Prädikat: geil!

Erschienen bei Suhrkamp, 2020

»Flexen in Miami« von Joshua Groß

Stell dir vor, du wirst von irgendeiner ominösen Foundation eingeladen, ein Jahr in einem ominösen Appartement zu verbringen. Ein Appartement, das von einer Drohne observiert wird, ein dauergekühltes Appartement, mitten in Miami. Stell dir vor, diese Foundation kappt zeitgleich mit deinem Einzug in dieses Appartement jeglichen persönlichen Kontakt, schickt dir jedoch, mittels einer weiteren Drohne, ein wöchentliches Care-Paket inklusive Astronautennahrung, Marihuana und Geld. Hinzu kommt eine große Portion Langeweile, da dir nicht klar ist, was überhaupt dein Auftrag im fremden und heißen Miami ist. Bei deinen nächtelangen Internetrecherchen stößt du dann auf das geheimnisvolle Computerspiel Cloud Control, das dich immerhin ein wenig von deiner mühseligen Existenz ablenkt.
Es ist keine große Überraschung, dass sich aus der Kombination dieser Gegebenheiten mit der Zeit eine leichte Paranoia entwickelt. So ergeht es zumindest dem Protagonisten Joshua Groß in Joshua Groß’ neuestem Roman “Flexen in Miami”. Der bislang längste Roman des jungen Schriftstellers mit Hang zu nerdigen, ultraromantischen Geschichten, ist ein sehr schneller und süchtig machender Text, der uns glauben lässt, wir befänden uns in der Zukunft, dabei ist das ja doch irgendwie alles unsere Realität. Obwohl, vermischen wir da nicht etwas? Wie war das mit den Glitches und Immersionen gleich auf der ersten Seite? Hat ihn die Foundation in eine Trap gelockt? Und welche Rolle spielt Claire, in die er sich Hals über Kopf bei einem Spiel der Miami Heats gegen die Milwaukee Bucks verknallt?
Am besten ihr lest das Buch sofort nach Erscheinen, denn Joshuas Internet Freunde creamspeak, dax werner und kurt prödel werden auf Twitter sicher ganz schnell ganz fies spoilern und Rafael Horzon wird abermals feststellen: „Das interessanteste Buch des Jahres“. (2018 meinte er damit die Anthologie „Mindstate Malibu“, hrsg. von Joshua Groß).

Erschienen bei Matthes & Seitz, 2020

»Allegro Pastell« von Leif Randt

Lieber Ijoma Mangold, wie meinst du das, von diesem Buch könnte eine neue Jugendbewegung ausgehen? Wäre ja “nice”, aber ich sehe es irgendwie nicht.

Erschienen bei KiWi, 2020

»Die Buchhandlung der Wünsche« von Shinsuke Yoshitake

Besonders in Zeiten, in denen wir alle verdammt sind, im Haus zu bleiben und vielleicht das eigenen Buchregal langweilig wird (oder schlichtweg schon durchgelesen ist), sehnen wir uns nach dieserlei Sehnsuchtsorten: die kleinen, verwinkelten Buch-
handlungen, in denen sich die Druckerzeugnisse hoch auftürmen und es ungeahnte Schätze zu entdecken gibt. Der japanische Kinderbuchtautor, Bildhauer und Medienkünstler Shinsuke Yoshitake hat mit »Die Buchhandlung der Wünsche« eine wunderbare Liebeserklärung an all jene Menschen geschrieben (und gezeichnet), deren Leidenschaft Leser und Buchliebhaber sind. In dieser magischen Buchhandlung der Wünsche können Bücher auf Bäumen wachsen, man kann versunkene Bibliotheken entdecken, die an Studio Ghiblis »Mein Nachbar Totoro« erinnern. Eine wunderschöne, fantasievolle Hommage an die Buchhändlerinnen und Buchhändler!

Erschienen im Verlag Hermann Schmidt

»Und wie wir hassen!«
herausgegeben von Lydia Haider

Frauen hassen nicht, sie sind die “Besonnenen”, die “Diplomatischen”. Wie bitte? Hier der Gegenbeweis: 15 unterschiedlichste Hetzreden von 15 wütenden Frauen, zusammengetragen von der österreichischen Autorin Lydia Haider (“Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi“, redelsteiner dahimène edition 2018). In “Und wie wir hassen” bekommt so gut wie fast alles sein Fett weg: München, Salzburg, Hoden, cat content, Taxifahrten, Literaturpreisjurys, der Kanzler, Selfies, Yoga, Achtsamkeit, Kiffer, das Oktoberfest, Kartoffeln, Unpünktlichkeit, Ignoranz, … Und wäre die Anthologie nach 2020 entstanden, wären sicher auch Corona, Covid-19 und die Quarantäne unter den Hassobjekten.
Schmeckt den anstiftenden Hass von: Puneh Ansari, Sibylle Berg, Verena Dengler, Ebow, Raphaela Edelbauer, Nora Gomringer, Judith Goetz, Gertraud Klemm, Barbi Marković, Maria Muhar, Manja Präkels, Kathrin Röggla, Judith Rohrmoser, Stefanie Sargnagel und Sophia Süßmilch.
Ein solidarisches Lese-Fest der Furore in rasend schöner Gestaltung! (lies das Ausrufezeichen als Mittelfinger!)

Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 2020

Sonderempfehlung:

Live-Lesungen / Sprachkunst auf Instagram:
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@carantaene_text_klub
@homestage.festivals

Empfohlen von Roxy Höchsmann & Sonja Steppan

Art.: Martin Fengel