SUPER PAPER BOOK CLUB RECOMMENDS

Pablo Pulgar


SUPER PAPER BOOK CLUB RECOMMENDS

Super Paper Book Club #15

»1000 Serpentinen Angst«
von Olivia Wenzel

Zwischen Kolonialismus, Privilegien und Colorism: Dieses Buch erklärt unterhaltsam, aber auch sehr berührend, wie es sich in Deutschland anfühlt, als nicht-weiße Frau zu leben. Obendrein eine, die nicht in die drögen Klischees in den Köpfen der Leute passt.
Die Ich-Erzählerin ist das Kind eines Vaters aus Angola und einer Ex-Punkerin aus der DDR, und navigiert in den drei Teilen durch verschiedene Phasen ihres Lebens, Erinnerungen an Fotos und Fragmente ihrer Phantasie, die ihr auch deswegen erscheinen, weil sie starke Antidepressiva nimmt.
1000 Serpentinen Angst spielt an ziemlich grundverschiedenen Orten: Berlin, Vietnam, Thüringen, New York City und Marokko, und springt viel zwischen Ländern, Zeitzonen, Erzählformen, Minuskeln und Versalien, was ein bisschen anstrengend ist, aber das ist latenter Rassismus auch, also suck it up.

Erschienen bei Hanser

 »Park« von Marius Goldhorn
oder  “Mein erstes E-Book”

Es kommt wie gerufen, das erste E-Book meines Lebens. Es ist Freitag der zweiten Quarantäne Woche und ich werde lesend von einer Parkbank vertrieben – nicht von der Polizei, aber von Ordnungshütern der Stadt Wien – und verlasse wütend weinend den Park bei mir im Viertel. Wie kann alleine auf einer Bank sitzen verboten sein? Laut Aussage der netten Herren sollte ich an meine Vorbildfunktion denken und im Kopf haben, dass mein Verhalten auch andere anstecken könnte. Es leuchtet mir nur halb ein, aber gut.
Eine Woche später trendet der Tweet eines Freundes “Welches Buch würdet ihr illegal auf einer Bank lesen?”. Er reagiert damit auf einen pampigen Tweet der Polizei München und landet damit sogar im RTL Aktuell Insta-Feed. Das nur nebenbei.
Der Moment der Veröffentlichung des Romans “Park” von Marius Goldhorn bei Suhrkamp hätte also nicht passender sein können. Zumindest im Kontext der im Park – Lesen Geschichte. Denn aufgrund von Corona erscheint der Roman also zunächst NUR als E-Book und dann irgendwann gedruckt. Doch weil mir das Buch von Marius schon von vielen Seiten empfohlen wurde, springe ich über meinen Schatten und kaufe das erste E-Book meines Lebens. Ich meine, bisher war ich (und bin es eigentlich immer noch) eine Verfechterin von print. In allen Formen. Ok, hardcover muss wirklich nicht sein, aber ich blättere doch einfach gerne analog in einem gebundenen oder geklebten etwas. Knicke gerne Ecken um, aus dem Anstreichen bin ich etwas herausgekommen, aber ja, wenn ich das wollte, sollte das auch möglich sein.
Aber, um einerseits Suhrkamp zu zeigen, dass der Roman trotz Krise und run-
tergefahrenem Marketing wahrgenommen wird und andererseits, dass ich lesen kann, worauf ich Lust habe – bestelle ich dann also bei thalia.at “PARK”. Mein twitter feed der nächsten Tage zeugt davon, wie aufregend die ersten Seiten e-book-lesen für mich waren – so aufregend, dass ich dem Medium an sich zunächst mehr Aufmerksamkeit geschenkt habe, als dem Inhalt des Buches ergo der Datei. Nachdem sich aber die erste Spannung um die vielen technischen Modalitäten beispielsweise der Seitengestaltung gelegt hatte, drängte sich doch der Inhalt und die Geschichte von Arnold, dem Protagonisten, in den Vordergrund:
In drei Teilen erzählt Marius Goldhorn, von dem bald auch ein Gedichtband im Korbinian Verlag erscheint, die Geschichte eines verliebten Grüblers. Als Arnold Odile, eine Filmstudentin, zum ersten Mal auf einer Party sieht, ist es sofort um ihn geschehen. Ihr scheint es ähnlich zu gehen, sie verbringen das halbe Jahr, das Odile noch bis zu ihrem Umzug nach London in Berlin bleibt, ausschließlich zu zweit. Diese glückliche Phase euphorisiert mich als Lesende und gibt Kraft für die Passagen, in denen der Protagonist unglücklich und verloren scheint. Um ihr bei einem Dreh in Athen zu assistieren, macht sich Arnold auf den Weg dorthin, allerdings mit einem Zwischenstopp in Paris, da diese Reise mit Umwegen günstiger als der direkte Weg ist. Die Zeit in Paris liest sich wie eine (Alb)-Traumsequenz und auch als er dann bei Odile in Athen ist, kann Arnold sich nicht so richtig auf die Realität einlassen. Sein Umherirren und die Flucht vor der Konfrontation mit Odile gipfeln in einer Sequenz, in der er plötzlich mitten in einer Demonstration festgenommen wird. Dabei schiebt uns Marius Goldhorns immenses Sprachgefühl durch den ge-samten Text, auch durch die unangenehmen Momente, Momente in denen man dem lakonischen Protagonisten durchaus eine Depression attestieren könnte. Diese spiegelt sich in den immer wieder-
kehrenden, zum teil sehr sprunghaften, düsteren Gedanken und Überlegungen. Das dramatische, aber dennoch relativ offene Finale, gibt zumindest die Hoffnung, dass er seinem Leben kein Ende setzt.
Als ich am Ende des Romans angelangt bin, tippe ich nochmals auf meinen Handy-Bildschirm, um zu blättern und erwarte eigentlich so etwas wie das Impressum oder ein “The End”, aber nein: ohne Vorwarnung steht dort plötzlich der Klappentext…Why?
Naja also auch wenn es insgesamt eine tolle, aufregende erste E-Book Erfahrung war, möchte ich mir das Buch unbedingt auch noch analog kaufen, und auf einer Parkbank lesen, insofern sich Suhrkamp natürlich an das Versprechen der späteren Veröffentlichung hält. Fingers crossed!

Erschienen im April im
Suhrkamp Verlag

»Im Blick« von Marie Luise Lehner

Nicht nur S, sondern auch mein Cou-sine, deren beider Leserinnen-Urteil ich sehr schätze, haben mir Superbusen empfohlen. Also bestellt und angelesen. Leider funkt es bei mir nicht und ich frage mich, warum. Wahrscheinlich ist es schlichtweg der schnodderige Ton, mit dem ich in diesem Moment nichts anfangen kann. Daher empfehle ich stattdessen lieber ein Buch, das zwar zwei Jahre alt ist, aber ganz ähnliche Themen behandelt: Demos gegen Rechts, Gossip Girl schauen und das “Erwachsen werden” unter aufgeklärten Freund*innen. “Im Blick” fokussiert dabei vor allem: Das Kennenlernen der eigenen (Homo-)sexualität und Erfahrungen sexueller Belästigung. Hiermit ist also die Triggerwarnung raus. Wer sich aber mal wieder vor Augen führen möchte, was (nicht nur) heterosexuelle Männer für Arschlöcher sein können, und wie Frauen nicht als Opfer, sondern als Zeuginnen und Mitwisserinnen aus den leider viel zu häufigen Geschichten herauskommen, dem sei Marie Luise Lehners zweiter Roman dringendst empfohlen.

Erschienen bei Kremayr & Scheriau

»Superbusen« von Paula Irmschler

True story: Ich (Sonja) schätze Paula Irmschler als so lustige Texterin, dass ich auf meinem Server einen Bilderordner habe, in dem ich Screenshots von ihren häufig klugen, oft derben, meist zynischen Facebookstatus sammle. Einer geht zum Beispiel so: »Warum soll man eigentlich einen flachen Bauch haben? Dann ist er doch gar nicht da… Auch Schlanke haben keinen flachen Bauch. Oder Dicke haben auch einen flachen Bauch, nur dass er eben absteht. Je nachdem wie man es dreht. Wenn man schon Bäuche fetischisieren muss, dann doch nicht indem man sie weghaben will? Wenn ich Füße geil finde oder Behaarung, dann will ich doch nicht, dass es weniger davon gibt??? Ich raste aus. Bäuche geil. Schön rund und weich und am besten man springt einfach rein und versteckt sich dort vorm Faschismus von Chicofans zum Beispiel oder vor „Erledigungen“. Bäuche ist auch ein schönes Wort. Man sollte alte Bäuche pflegen.
Die Erde ist ein flacher Bauch, was ist los mit euch.«

Nun scheint die Titanic-Redakteurin all diesen Charme mit noch charmanteren sogenannten Jugenderinnerungen an das geknüpft zu haben, was ich für ihre eigene Studienzeit halte, so stelle ich es mir zumindest beim Lesen vor. Paula (Gisela) wie sie mit ihrer Chemnitzer Clique diese geniale Band gründet, Superbusen. Paula (Gisela), wie sie die Studentenstadt Marburg überraschend gern mag. Paula (Gisela) wie sie Nazis scheiße findet und auf linke Demos geht, Paula (Gisela) wie sie ihr Studium hinauszögert, nie genug Geld hat und scheinbar aber extrem gute Frauenfreunde: »Frauen kommen super miteinander aus, solange sie nicht in irgendwelche Konkurrenzverhältnisse gebracht werden, bei denen es darum geht, wie gut sie bei Männern ankommen.«
Manchmal ist ihr eigener Körper ihr Feind, und an diesen Stellen wird das Buch ganz leise, sacht und möchte trösten. Gleichzeitig ist es eine Liebes- erklärung an Frauenfreundschaften und Mut und Selbstbestimmung. Gespickt ist es mit lauter Knallerzeilen, die ich vielleicht schon mal auf Facebook gelesen habe. »Superbusen« habe ich verschlungen; es besteht gänzlich aus Happen, die nicht überkomplex sind, aber ziemlich genau dahin zielen, wo es guttut.

Erschienen bei Ullstein

»Verified Strangers« von Lena Dunham

Lena Dunham scheint von einem gewissen Sendungsbewusstsein getrieben, aller Welt das Sozialleben weißer, junger, hipper New Yorkerinnen zu erläutern, das haben wir ja bereits bei ihrer Kultserie »Girls« miterlebt, die zur Erstausstrahlung 2012 wahnsinnig fortschrittlich mit Themen umging, die weiße, junge, hippe New Yorkerinnen halt so miteinander besprechen. (Shoshanna: »I’m a lady, she’s a lady, you’re a lady, we’re the ladies!«) Das fanden wir alle ziemlich cool, und in Retrospektive hinken manche Versuche, so »woke« wie möglich rüberzukommen, aber das ist ja eh passé, längst sind auch die Protagonistinnen und ihre Darsteller über diesen Geisteszustand hinaus und machen das.
Lena Dunham inszeniert sich beispielsweise insbesondere ausgiebig auf Instagram und weil ich ihr entfolgt bin, ist es eigentlich eher verwunderlich, dass ich trotzdem von ihrem Fortsetzungsroman mitbekommen habe. Pro Woche schreibt sie beharr-
lich ein Kapitel auf der Website der US-amerikanischen Vogue, und es liest sich wirklich wie ein Girls-Plot, der aber vor allem dadurch besticht, dass die Figur Ally alles machen darf, was uns im Lockdown befindlichen Menschen derzeit verwehrt bleibt: rausgehen, in Restaurants essen, Dates haben, Sex mit Fremden, ihren Ex besuchen, Sachen shoppen etc. pp.
Der besondere Twist: über den Verlauf der Handlung dürfen die Leser nach jedem zweiten Kapitel auf Instagram abstimmen (»Soll Ally mit dem ‘cocky but amusing’ Hugo nach downtown gehen oder lieber zur Dinner-Party mit ihrer loyalen Mitbewohnerin?«).
Die Handlung geht leicht rein und run-ter, bleibt nicht hängen, man muss nicht mal jede Woche mitlesen, es berieselt einen einfach so. Wie ein paar Folgen Girls, die man so mit halbem Auge mitschaut, während man eine aufwendige Speise zubereitet oder Hemden bügelt.

vogue.com/article/lena-dunham-novel-verified-strangers

Empfohlen von Roxy Höchsmann & Sonja Steppan

Art.: pablopulgar.com