SUPER PAPER BOOK CLUB

Lindstroem


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To read to got to. Superpaper Book Club December 2019

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Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios«
Dass er eigentlich Lyriker ist, kann er im Roman nicht verbergen – zu poetisch, zu facettenreich, zu sphärisch ist sein Wortschatz (und es verwundert kaum, dass er bereits den Pushcart Prize, den Forward Poetry Prize und so-gar den T. S. Eliot Prize einstrich)
In seinem Buch schreibt er an seine Mutter, aber auch deren Mutter; zwei Frauen, die ihn erziehen und die, obschon sie beide in den USA leben, die Folgen des Vietnamkriegs nie vollständig ablegen können. Zwischen Missverständnissen an Metzgertheken, an denen die Vietnamesinnen gerne Ochsenschwanz kaufen würden, aber die Vo-
kabel nicht kennen, und Hänseleien im Schulbus, schreibt Ocean Vuong in alle kleinen Banalitäten winzige, sehnsuchtsvolle Liebeserklärungen hinein: An die ihm fehlende Sprache, an die zerrissene Familie, an den Mythos des US-amerikanischen Traums. Seine Sätze sind aufs Äußerste verdichtet, hochpolitisch, wichtigst.
Ein Buch, das man nicht mehr weglegen kann, geschrieben für alle, die vom Vietnamkrieg tangiert wurden, Flucht erlebt haben, zwischen zwei Welten leben und / oder sich der LBGTQ-Szene zuzählen.
Erschienen bei Hanser

BRIEFE AN DIE TÄTER, hrsg. von Karen Köhler
In Karen Köhlers großem Roman-Wurf “Miroloi” lehnt sich eine junge Außenseiterin gegen die Strukturen der patriarchalen Gesellschaft auf. Nun hat die Hamburger Schriftstellerin für die Literaturzeitschrift Akzente 12 wütende Texte weiblicher Autorinnen gesammelt. Betitelt ist die Anthologie mit “Briefe an die Täter” – eine literarische Konfrontation, so der Verlag. Dabei geht es bei den wahren oder fiktiven Begebenheiten nicht nur um sexuelle Vergehen, wie es zu vermuten wäre, sondern es werden auch Verantwortlichkeiten in der Kindererziehung gesucht oder böse Figuren wie der Massenmörder Breivik angeklagt. Eines haben die Herren, namens Andreas, Tibbi, Kim oder Herr Platz gemeinsam: Sie sind Täter. Die Aufgabe der Justiz übernehmen hier allerdings die Poetinnen und wir, die Leser*innen. Zum Nachdenken angeregt werden wir durch Texte von u.a: Lena Gorelik, Nefeli Kavouras, Katharina Adler, Karosh Taha, Yasmine M’Barek, Mirna Funk, Svenja Gräfen und Hengameh Yaghoobifara. Nach “Eure Heimat ist unser Alptraum” endlich wieder eine Anthologie mit wichtigen Stimmen unserer Zeit!
Erschienen bei Hanser

Etel Adnan:
WIR WURDEN KOSMISCH. Ein Gedicht, Zeichnungen, Fotografien und ein Gespräch
Im 9. Bezirk in Wien gibt es ein Café namens Gagarin. Es ist einfach eingerichtet, schön gemütlich, jeden Tag gibt es ein warmes Gericht und am Gang zur Toilette hängt ein Poster, das zum marxistischen Lesekreis einlädt. Beim Rausgehen bleibt mein Blick über der Eingangstür hängen – dort schwebt der Kopf des ersten Kosmonauten, der Kopf Gagarins. Bis dato mir kein Begriff. Und dann ein paar Tage später, fällt mir ein ausgesprochen schönes Buch in die Hand, ein Buch über ebendiesen Pionier des Alls.
Etel Adnan, libanesische Lyrikerin, Malerin und Denkerin, schrieb 1961 Gagarin zu Ehren den Gedichtzyklus “A funeral march for the first cosmonaut”. Für sie ist der sowjetische Raumfahrer eine tragische Figur, ein neuer Icarus, dem seine Sehnsucht nach dem All zum Verhängnis wurde. Auch heute ist Gagarins Flug in den Weltraum für sie immer noch ein Kunstwerk.
Für Joshua Groß und Moritz Müller-Schwefe, die Herausgeber von “Wir wurden kosmisch”, gilt das wohl auch. 51 Jahre nach Gagarins Tod trafen sich die jungen Autoren mit der mittlerweile in Paris lebenden Dichterin und sprachen mit ihr über Umstürze, Bewusstseinserweiterung und Fallhöhen, über Grenzüberschreitungen, über den Stellenwert der Menschheit im All, über den Drang, zu Neuem vorzustoßen, über Revolutionen und über ihre Kindheit. Dieses spannende Gespräch, der ewig schöne Gedichtzyklus, zahlreiche Fotografien von Raketenstarts russischer Raumschiffe und neue Tuschezeichnungen Adnans erschienen diesen Herbst im Nürnberger Verlag starfruit publications. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle poetischen wannabe-Kosmonauten!
Erschienen bei starfruit publications

Diaphanes Verlag »Einhunderttausend Wörter suchen einen Autor«
Grundgedanke des vom Diaphanes initiierten Projekts war, sich mit zukünftigen Formen von Autorenschaft zu befassen, indem hundert Autoren je einen Text aus genau tausend Wörtern beisteuern. Die teils renommierten, teils noch unbekannteren Autoren und Autorinnen haben zwar nur unterschiedliche Nationalitäten, Muttersprachen und Herangehensweisen, doch bei allen gibt es eine Gemeinsamkeit: Der Text muss in der Ich-Form sein.
Inhaltlich ergänzte es das Diskurs- und Performance-Festival »Authentizität und Feedback«, das Ende November in Berlin stattfand. Eigens für die Publikation wurde eine umfangreiche Plakatkampagne konzipiert, die bereits mit einer Sonderaktion auf der Frankfurter Buchmesse begann und bis in den November in mehreren deutschen Städten umgesetzt wurde.
Alle Texte wurden gesammelt und vom Studio Last in Form einer anpassungsfähigen Website gratis der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
www.100000words.net

Caspar Plautz »Rezepte mit Kartoffeln«
Es ist soweit! Dominik Klier, Kay Uwe Hoppe und Theo Lindinger, die Herzbuben des Viktualienmarkts, haben mit ihrem Haus- und Hofgrafiker Noem Held ihr bei den Stammkunden lang ersehntes Kochbuch herausgebracht. Neben klassischen Rezepten Richtung Schupfnudeln mit Sauerkraut, Kartoffelsalat, Ofenkartoffeln und Kartoffelcremesüppchen könnte man mit der einen oder anderen Anleitung durchaus schick gesetzte Silvester-Dinner befeuern: Frittierte Kartoffelschalen mit Kumquat-Mayonnaise und Senf- kaviar? Gekauft! Entenbrust mit Hoisin-Sauce, Fünf-Gewürz, Brokkoli und Kartoffelpürée? Her damit! Portwein Mousse Fries mit Honig-Zitronen-Miso? Gib’ mir! Die Beilagen navigieren zwischen sexy Wachtelschenkeln, Salzzitronen und Haselnuss-Gewürzsalz – wem das zu kosmopolitisch klingt, dem sei gesagt: Die Zutaten beziehen Theo, Domi und Kay stets lokal und saisonal.
Das Buch gibt auch Aufschluss über die Existenzgründung, die Beziehungen zu Bauern, Vertrieblern und Stammkunden, den Alltag in der Gastronomie und natürlich auf dem Viktualienmarkt: »Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als wir nach dem ersten Winter, den wir mit dem Adrenalin der Existenzgründer, unzähligen Stricksocken von Mutti, Daunenwesten und einem winzigen Gasofen durchgestanden hatten, das erste Mal die Frühlingssonne am Viktualienmarkt spürten«, schreibt Theo. »Zunächst traute ich mich gar nicht, ohne lange Unterhose das Haus zu verlassen.«
Kauft es euch dieses Kochbuch, schenkt es allen Verwandten zum Weihnachtsfest, und freut euch, dass das Schimpf- und Jugendwort »Kartoffel« nicht nur »Alman« bedeutet, sondern dank Caspar Plautz auch brutal guten Geschmack.
Erschienen bei Grete & Faust

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»Orlando«
Literaturhaus
bis 12.1.

Nicht nur für Literaturfans, sondern auch Cineasten: Tilda Swinton, die in Sally Potters preisgekrönter Filmadaption von 1992 die Titelrolle spielte, hat sich Jahre später erneut der Figur »Orlando« gewidmet.  Für die New Yorker Aperture Foundation konzipierte sie eine an den Roman angelehnte Ausstellung mit Fotografien, unter anderem von Zackary Drucker, Lynn Hershman Leeson, Paul Mpagi Sepuya, Jamal Nxedlana, Walter Pfeiffer und Viviane Sassen.
Inhaltlich geht es um die Fragen, die Geschlechterrollen noch immer aufwerfen: Wie kann man die visionäre Perspektive dieses hochmodernen Romans neu interpretieren? Was bedeutet Freiheit von Vorschriften des Geschlechts? Welchen Zweck hat die Geschichte der ethnischen Zugehörigkeit? Die Bilder wandern zwischen den Genres, zwischen Kunst-, Mode-, und Gesellschaftsfotografie und den Jahrhunderten.
Don’t miss!

 

Empfohlen von Sonja Steppan und Roxana Höchsmann