THE VACUUM CLEANER

Kammerspiele München


THE VACUUM CLEANER – Fr. 24.01.

Die Uraufführung am 12. Dezember dauerte leicht mehr als eineinhalb Stunden, und das Einzige, was schief lief, war eigentlich der Moment, als Walter Hess seinen Text vergaß. Sein Monolog drehte sich um einen Kaffeestand irgendwo in Tokyo, der Geheimtipp einer Nachbarin, dessen Kaffeebohnen ein Himbeeraroma hätten – zugegebenermaßen etwas verwirrend und demnach verständlich, dass Hess in der Rolle des Chôhô kurz mal abschweifte, ohnehin leicht verloren wirkte als japanischer Greis und sich von der resoluten Souffleuse Carmen Engel auf die Sprünge helfen ließ.

Ansonsten saßen die Rollen allen wie auf den Leib geschneidert – oh mon dieu, Julia Windischbauer als Staubsauger? Love it! Unfassbar großartig, komplex dargestellt, absolute Bühnenpräsenz, witzig wie nix! Die energische, schwungvolle Annette Paulmann, die als Chôhôs mittfünfzigjährige Tochter ein fades Dasein fristet, kaum ihr Zimmer verlässt und einzig im Schutz des Staubsaugerlärms ihr ödes Leben beklagt. Damien Rebgetz als ihr jüngerer Bruder Richigi, dessen australischer Akzent sich dem Eindruck anschmiegt, er wolle ohnehin kein Teil dieser heterogenen, unvorteilhaften Familienkonstellation sein, versucht er doch ständig aus ihr auszubrechen, seinen Tag anderswo zu verbringen – an öffentlichen Plätzen, in Parks, in Shopping Malls, bloß nicht zu oft am selben Ort, dass man den Passanten auffiele.
Als er schließlich die Familie verlässt, ohne seinen neuen Aufenthaltsort mitzuteilen, ist Thomas Hauser als sein ehemaliger Arbeitskollege Hide derjenige, der die Botschaft übermittelt.
Thomas Hauser, der bereits in »No Sex«, dem vorherigen Stück von Toshiki Okada glänzte, spielt hier eine eher untergeordnete Figur, doch als er ausführlich seine einwöchige Arbeitserfahrung erläutert, wird das zu einer der zentralen Aussagen des gesamten Abends – dass nämlich die jüngere Generation in Japan nicht so recht weiß, wohin mit sich. Sie vereinsamt, hat unlängst den Antrieb verloren, der ihre Elterngeneration zu einer der leistungsfähigsten, Burn Out-gefährdetsten ihresgleichen machte. Das könne man ohnehin nie erreichen, diese Vorbilder sind zu unerreichbar, die jüngere Generation wünscht sich Sinn und Erfüllung, doch die findet sie kaum, und schon gar nicht in einem langweiligen, monotonen Fabrikjob. Und so zieht sich ebendiese jüngere Generation zurück, vereinsamt immer mehr.
Im Vergleich zu »No Sex«, in dem Toshiki Okada fast schon klamaukig seine Landsleute auf die Schippe nahm und sich in einem Karaoke-Bar-Szenario über die Tatsache lustig machte, das kaum einer mehr ein aktives Sexualleben zu führen scheint, kommt »The Vacuum Cleaner« eher melancholisch daher. Am Ende bleibt unklar, ob Richigi tatsächlich einen neuen, allen unbekannten Wohnort gesucht, sondern nicht doch eher Selbstmord begangen hat – dass Japans Suizidrate bekanntlich erschreckend hoch ist, spricht für sich.
Auch in Sachen Emotionen können zu »No Sex« Vergleiche aufgestellt werden; schon allein, weil das als Folge der Erfahrung mit dem westlichen Theater als Fundament des Dramas einen Unterschied zum japanischen Bühnenrepetoire ausmacht. Im Interview erzählte Toshiki Okada hierzu, dass ihn am Abend der Premiere vielen Leute darauf angesprochen hätten, dass sie das Stück toll fanden, »aber dass es traurig gewesen sei. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht fanden sie es traurig, dass in dem Stück Emotionen thematisiert, aber auch immer wieder zur Seite geschoben werden.«
Auch in »The Vacuum Cleaner« ist das Zentrum der Gefühlsausdrucks ein Gerät: Julia Windischbauer verbalisiert als Staubsauger die Emotionen der Hausbewohner, beobachtet und bewertet, analysiert und hofft, dass alles sich doch bessern würde, wie es wohl im Vergleich zu früher scheine. Ihre Perspektive macht das Stück unfassbar spannend, stellt einen Bezug zur Technologie-Affinität unserer Gegenwart her, und möchte aufrütteln, dass da doch menschliche Wesen wären, mit denen man einfach nur mal sprechen müsse, anstatt sich voneinander abzuschotten.
Letzter Hinweis noch – getragen wird das Bühnenbild im weitesten Sinne zwar von einer abenteuerlichen Konstruktion, die ein gesamtes japanisches Haus darstellt, doch vor allem vom herrlichen Kostüm, für das erneut Tutia Schaad zuständig war. Ein großes Glück, denn die schweizerisch-vietnamesische Modedesignerin schafft es, dass man neben all der Melancholie aus dem Theater geht und eigentlich nicht richtig traurig sein kann, weil man damit beschäftigt ist, sich Julia Windischbauers Kostüm für den eigenen Kleiderschrank zu wünschen.

T: Sonja Steppan

WANN: Freitag, der 24. Januar 2019, 20 Uhr
WO: Münchner Kammerspiele
WEB: muenchner-kammerspiele.de