TOXIC FASHION

Alice Bloomfield


TOXIC FASHION

Wie wenig wir über Chemikalien in unserer Kleidung wissen

Es ist wieder Zeit für den Schulanfang – und für die neue Schulkleidung. Da die Jugendlichen keine Schuluniform tragen, bemüht man sich um eine modische und nicht zu teure Kleidung, schließlich wachsen die Kinder viel zu schnell. Aber wir müssen nun nicht allzu schnell  zu den Discounter eilen. Green America, eine gemeinnützige Organisation, die sich für soziale und ökologische Gerechtigkeit einsetzt, untersuchte die chemischen Praktiken von 14 US Bekleidungsmarken. In einem Bericht teilte Green America mit, dass viele Unternehmen – Urban Outfitters und Forever21 unter anderen, die auch hierzulande ihre Produkte anbieten – nicht klar und deutlich die Chemikalien, die sie bei ihrer Herstellung verwenden, offengelegt haben.
„Die Unternehmen hatten keine öffentlich zugänglichen Richtlinien für den Einsatz toxischer Chemikalien, und diese mangelnde Transparenz ist ein Problem”, sagte Caroline Chen, Managerin für Kampagnen im Bereich soziale Gerechtigkeit bei Green America. „Giftige Chemikalien in der Textilherstellung sind schlecht für den Planeten und die Arbeiter. Und manchmal bleiben sie beim Verkauf im Stoff, sodass sie auch dem Endverbraucher schaden können.“
In der Studie wurden keine Kleidungsstücke getestet, um Spuren von Toxinen zu finden. Es wurde untersucht, ob Unternehmen solide, öffentlich bekannt gegebene Richtlinien für das Chemikalienmanagement eingeführt haben und daran arbeiten, giftige Chemikalien aus ihrer Lieferkette zu entfernen. Einige Unternehmen teilten Green America mit, dass es eine interne Liste mit eingeschränkten Chemikalien führt – diese Liste wurde jedoch nicht veröffentlicht. “Wir können also nicht wissen, welche Chemikalien in der Kleidung von Forever21 enthalten sind, die von Kindern getragen wird”, sagte Green America in seiner Ankündigung. 
Die Bekleidungsherstellung ist ein schmutziges Geschäft. Während des gesamten Textilherstellungsprozesses werden mehr als 8.000 Chemikalien verwendet, von Pestiziden für den Anbau von Baumwolle und anderen Fasern über das Bleichen und Färben von Garnen bis hin zum Waschen von Stoffen und Drucken von Mustern. Dies entspricht geschätzten 43 Millionen Tonnen Chemikalien pro Jahr. Die schwedische Agentur Chemicals Agency hat 2.400 Chemikalien getestet, die üblicherweise in der Textilherstellung verwendet werden, und festgestellt, dass ein Drittel davon giftig ist. Darunter sind polyfluorierte Chemikalien, die üblicherweise zum Imprägnieren von Kleidung verwendet werden. Es wurde gezeigt, dass sie die Arbeit der Leber sowie hormonellen Funktionen beeinträchtigen; beim Färben verwendete Schwermetalle sind krebserregend und für das Nervensystem schädlich; und Azofarbstoffe, die am häufigsten verwendeten Farbstoffe, können jedenfalls krebserregende Chemikalien während der Färbung in die Luft setzten. 

Wenn diese Chemikalien nicht richtig gehandhabt werden, können sie in Flüssen und im Meer landen, die Meeresökosysteme schädigen und ins Trinkwasser wandern. Etwa 20% der gesamten industriellen Wasserverschmutzung sind auf die Textilherstellung zurückzuführen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Synthetischer Indigo wird häufig zum Färben von Jeans verwendet. Der verwendete chemische Cocktail enthält jedoch häufig Formaldehyd, das für die Umwelt und die Menschen giftig ist. In China, wo viele Jeans hergestellt werden, sind schätzungsweise 70% der Flüsse und Seen mit 2,5 Milliarden Gallonen Abwasser aus der Textil- und Farbstoffindustrie kontaminiert, laut den Informationen der Agentur China Water Risk. Arbeiter (und Gemeinden) können durch viele Chemikalien, die in der Textilherstellung verwendet werden, geschädigt werden. Und sobald Kleidung zu uns nach Hause kommt, können Chemikalienreste auf Kleidungsstücken auch einen Impakt auf unsere Haut haben.
Green America hat sich an mehrere Unternehmen gewandt, um unter anderem Informationen zu ihrer Chemikalien- und Abfallbewirtschaftung, einschließlich der Fabriksicherheit, einzuholen. Die Organisation untersuchte auch die soziale Verantwortung und die Finanzberichte der einzelnen Unternehmen. Dann wurde jedes Unternehmen bewertet und eingestuft.
Zu den Unternehmen mit den besten Noten zählten Target, The North Face, Nike und Gap Inc. (zu denen auch Old Navy und Banana Republic gehören). Diese Unternehmen boten detaillierte Richtlinien zu ihrem Chemikalienmanagement an und teilten aktiv ihre Benchmarks und Fortschritte mit. Mit anderen Worten, diese Unternehmen waren sich ihres ökologischen Fußabdrucks bewusst und arbeiteten aktiv an der Erfassung und Entsorgung ihrer giftigen Chemikalien. Viele Unternehmen verfügten über Strategien zur Transparenz und Abfallbewirtschaftung, hatten jedoch noch Verbesserungspotenzial. Einige hatten eine Politik in Bezug auf giftige Chemikalien, hatten jedoch nicht genügend genaue Angaben darüber, wie der Fortschritt gemessen wurde. Dazu gehören Ann Taylor, Ralph Lauren, Walmart, Abercrombie & Fitch und American Eagle. Die besten Richtlinien waren die, in denen die einzelnen Zulieferfabriken aufgeführt, eine umfassende Liste aller an jedem Standort verwendeten beschränkten Chemikalien erstellt und detaillierte Pläne zur sicheren Entsorgung dieser Chemikalien und zur Einschränkung ihrer künftigen Verwendung aufgestellt wurden.
Ein beunruhigendes Ergebnis war, dass viele Kinderbekleidungsfirmen schlecht abgeschnitten haben, wie beispielsweise Children’s Place. Babys und Kinder reagieren empfindlicher auf chemische Reizstoffe, und Toxine können sie schädigen, wenn sie wachsen. 
 
Green America setzt sich dafür ein, dass Unternehmen ihre Lieferketten transparent darlegen. Aber der erste Schritt besteht darin, sie dazu zu bringen, die Chemikalien, die sie in erster Linie verwenden, zu verfolgen – und zu melden. Und selbst auf dieser Basisebene scheitern viele amerikanische und auch europäische Bekleidungsunternehmen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um giftige Chemikalien aus der Modebranche auszurotten. Lebensmittelbranche hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie kapiert hat – Menschen machen sich Gedanken über das, was sie essen. Nur so viel Zeit für die Modebranche haben wir nicht mehr. 

Text: Natasha Binar

Art: Alice Bloomfield / alicebloomfield.co.uk