UNDOUCHE ME, SHAPIRA!

Shahak Shapira


UNDOUCHE ME, SHAPIRA!- Fr. 31.03.

Sing Matröse sing mit Shahak Shapira.
„Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde.“

Auf der Klaviatur der Fremdenfeindlichkeit wird, trotz aktueller Tendenzen, Muslime per se scheiße zu finden, noch immer das uralte Lied des Antisemitismus geklimpert und das teilweise sogar ziemlich fortissimo. In Shahak Shapiras Fall dergestalt, dass er Silvester vor zwei Jahren in einer Berliner U-Bahn von einer Clique junger Kerls zusammengeschlagen wurde, gegen deren antiisraelische Parolen er sich zur Wehr setzte. Sie beim Singen volksverhetzender Lieder zu filmen, brachte die sieben dermaßen auf die Palme, dass sie den U-Bahnhof Friedrichsstraße in einen Tatort verwandelten und erst von Sicherheitsbeamten der BVG gestoppt werden konnten. Ironisch mag scheinen, dass an der selben Haltestelle vor einer knappen Dekade ein Denkmal unter dem Titel „Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938-1939“ errichtet wurde, den tausenden jüdischen Kindern gewidmet, die von dort aus nach London reisten und so dem Sterben entronnen. Ebenso voller Ironie die Widmung Shahak Shapiras an seine damaligen Angreifer: „Ohne euch, Jungs, wäre das alles nie möglich gewesen!“ schreibt er an die „Horde Antisemiten“ in seiner autobiografischen Erstlingspublikation „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde.“
 
Mit Gedenkstätten hat der 26jährige sich jüngst ebenso befasst und innerhalb von zwölf Stunden unter dem Lemma „YOLOCAUST“ einen Viralhit gelandet: mehr als 2,5 Millionen Menschen, unter ihnen auch die 12 Betroffenen, besuchten Shapiras Website, die Selfies von Facebook, Tinder, Instagram und Grindr am Holocaust Memorial zeigte. Eine, nun ja, nicht unerhebliche Änderung erfuhren die ausgelassenen Profilbilder in Kombination mit Bildmaterial aus tatsächlichen Vernichtungslagern, die fotografierten Mahnmal-Besucher tanzend und turnend auf Leichenbergen der Nazi-Opfer montiert. Als satirische Antwort auf die Rede des unsäglichen Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke, in der er vom Holocaust Memorial als „Denkmal der Schande“ lamentiert, trifft das Fotomontage-Projekt pünktlich zum Gedenktag der Holocaust-Opfer einen empfindlichen Nerv; die Resonanz ist enorm. Neben Geschichtsforschern, Zeitzeugen und Gymnasiallehrern melden sich laut Shahak Shapira auch alle abgebildeten Personen, mit der Bitte, das Selfie der immensen Medienpräsenz zu entziehen: „That was not my intention. And I am sorry. I truly am.“, entschuldigt sich ein Typ mit der Bildlegende „Jumping on dead jews“. Weiter, „With that in mind, I would like to be undouched. P.S. Oh, and if you could explain to BBC, Haaretz and aaaaallll the other blogs, news stations etc. etc. that I fucked up, that’d be great. (Smiling Face With Open Mouth and Cold Sweat Emoji)“
 
Die Erinnerungskultur hinterfragen – das ist die Intention Shapiras. Sein Großvater mütterlicherseits konnte dem Holocaust dank hilfsbereiter, polnischer Christen knapp entkommen, der Opa väterlicherseits war als der israelische Leichtathletiktrainer Amitzur Shapira unter den Opfern des palästinensischen Terroranschlags bei den Olympischen Spielen 1972. In seinem „Buch, das unter die Vorhaut geht“ schildert er seine gleichermaßen normale Pubertät (Pummeligkeit, Akne, Außenseiterdasein) wie außergewöhnliche Biographie (14 Jahre jung und jüdisch in einer Kleinstadt voller Neonazis in Sachsen-Anhalt gestrandet) und behandelt herrlich selbstreflektiert und schnodderig latente Judenfeindlichkeit und unverhüllten Rechtsradikalismus, die Weltreligionen, seinen durchschnittlich großen Penis und einen fußballtrainierenden, kaminkehrenden Nazi mit Wolfgang-Petry-Fresse.
 
Mittlerweile betätigt sich Shahak Shapira als Kreativdirektor in der Werbebranche, DJ und Musiker und es ist wohl seinem ADS-bedingten Ritalinkonsum geschuldet, dass er keine „Defragmentierung des Hirns erlebt, die Assoziationen von Dingen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, zum Beispiel Krokodile und Echtholz-Buttplugs aus dem Erzgebirge“, sondern nebenher außerdem Filme dreht, Websiten gestaltet und lustige Dinge erfindet. Etwa „Der ehrliche AfD-Adventskalender“, welcher im letzten Dezember seine Follower statt Türchen mit unverblümten Wahl-Slogans der Partei beglückte. 
 
Massive Premiumqualität ist augenscheinlich seine Beobachtungsgabe. Wo andere kopfschüttelnd und entnervt an den Selfies-knipsenden Holocaust Memorial-Touristen mit wippenden, asiatischen McDonalds-Frisuren oder Yoga-Funktionskleidung oder verspiegelten Sonnenbrillen vorübergehen, verarbeitet er die Gedankenlosigkeit und Häme mit besonderem Scharfsinn. Samt Klamauk und Berliner Schnauze, aber vor allen Dingen der Botschaft, dass jeder selbst entscheidet, ob er ein rassistisches Arschloch ist, oder eben nicht.
 
In eigener Sache kann ich dem Satiriker mit denselben irritierenden Initialien wie den meinigen (SS) abschließend nur dafür danken, dass er im Sinn und Zweck meines Lebens (guten Hummus) den positivsten Nebeneffekt der Integration von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu erkennen weiß. 
 
Da gewinnen wirklich alle!

Text: Sonja Steppan

WAS: ​​Sing Matröse sing mit Shahak Shapira
WANN: ​Freitag, 31. März 2017, 20 Uhr
WO: ​​Theater Heppel Ettlich, Feilitzschstraße 12
WEB: heppel-ettlich.de