VILLA STUCK RICOCHET #12

Villa Stuck


VILLA STUCK RICOCHET #12 – bis. 16.09.

Material in unterschiedlichen Aggregatszuständen, Wärme und Gerüche. Im Rahmen der Reihe RICOCHET in der Villa Stuck zeigt der Münchner Künstler Christian Hartard in seiner ersten musealen Einzelpräsentation unter dem Titel „Less Work for Mother“ poetische Objekte und schafft dynamische Räume.

Bedrohlich klingt die Vibration der Glasflächen, die in Metallfassungen gespannt, zum Schwingen gebracht werden. Vier Fensterglasscheiben bilden eine quer durch den Ausstellungsraum in der Villa Stuck laufende, raumhohe Abtrennung. Christian Hartard setzt sie durch Köprerschallwandler in Vibration, sie erzeugen dabei ein unregelmäßiges Klirren, nervös, verstörend, beklemmend. In seiner Ausstellung „Less Work For Mother“ nutzt der Künstler Strategien des Minimalismus und der formalen Ästhetik, die er mit poetischen, persönlichen und tragischen Assoziationen auflädt. Für die Räume im zweiten Obergeschoss der historischen Villa Stuck hat er ein komplexes System aus Objekten, Grafik, Video und ortsspezifischen Installationen entwickelt, das sich den Motiven von Abwesenheit und Präsenz, Erinnerung und Verblassung widmet. Die zehn, eigens für die Ausstellung entstandenen Arbeiten evozieren elementare Gefühle und schaffen so ein eng gewobenes Netz aus Verweisen und Gedanken: Angst, Ohnmacht, Verlust, Beklommenheit. Hartard nutzt Transformationsprozesse und schafft so mit unterschiedlichen Materialien Bedeutungsräume. Wachs löst sich auf und wird flüssig, Stoff wird unter Spannung gesetzt und Luftfeuchtigkeit gefriert zu fragilem Raureif. Durch die Verwendung zarter Stoffe, weicher und zähflüssiger Materialien oder durch den Einsatz von Wärme, Kälte und Elektrizität wird der minimalistische Charakter der Objekte gebrochen, sie erhalten eine verletzliche Sinnlichkeit, die dennoch eine klinische Kälte beibehält. Dafür kombiniert Hartard unterschiedliche Ebenen: Seinem Thema nähert er ich sowohl mittels einer formalen Ästhetik als auch aus einer inhaltlichen und archivarischen Perspektive. Die Ausstellung in der Villa Stuck basiert auf einer Recherche des Künstlers zu einer familiären Tragödie in der Zeit des Nationalsozialismus. Ausgangspunkt der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten waren Recherchen des Künstlers zur Biographie einer Großtante, die 1940 Opfer der NS-Euthanasie wurde. Barbara (Babette) Hartard, geboren 1895, wurde im Jahr 1924 mit der Diagnose Schizophrenie in eine Klinik eingewiesen und im Zuge der eugenischen Politik der Nazis 1940 in die kurz zuvor eingerichtete Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz gebracht und dort ermordet. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten versuchen bewusst nicht, diese komplexe historische Thematik anhand eines individuellen Schicksals zu illustrieren oder zu dokumentieren. Vielmehr kartographiert Hartard in seiner Ausstellung das Gesamte aus dem Individuellem heraus. Er setzt geschickt Verweise und Referenzen und destilliert so elementare Erfahrungen von Angst und Versehrung, abstrahiert und dadurch unmittelbarer.

Text: Quirin Brunnmeier / gallerytalk.net

WANN: noch bis 16. September 2018
WO: Museum Villa Stuck
WEB: villastuck.de