VON JAPAN ÜBER ISRAEL NACH MÜNCHEN

Ricochet Villa Stuck


VON JAPAN ÜBER ISRAEL NACH MÜNCHEN

Eine Bibliothek der Gerüche und die Gegenüberstellung zweier sich ergänzender Positionen. Im November kann man in der Villa Stuck Hisako Inoues Bibliothek der Gerüche erfahren und die Arbeiten von Efrat Natan und Nahum Tevet bestaunen.

 
Feuchtes Laub, frisch gemähter Rasen oder die Gulaschsuppe der Oma. Gerüche und Geschmäcker können, oft ganz unverhofft, starke Assoziationen und Erinnerungen triggern. An die Kindheit, den Urlaub mit der ersten Liebe oder die quälend langen Stunden im leicht muffigen Altbau der eigenen Schule. Dass dieser Effekt spätestens seit der Madeleine-Episode in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auch in Literatur, Wissenschaft und Kunst thematisiert wird, verwundert nicht, denn die olfaktorisch ausgelösten Gefühle können durchaus stark und effektiv sein. In ihrer Ausstellung „Die Bibliothek der Gerüche“ spielt die japanische Künstlerin Hisako Inoue in der Villa Stuck aktuell poetisch mit Gerüchen und Erinnerungen.
 
Von erdig bis sauer, fischig ranzig bis frisch minzig reichen die Geruch-Skalen, die Hisako Inoue den Besuchern ihrer Ausstellung in der Villa Stuck an die Hand gibt. Aber als reiner Besucher agiert man in dieser multisensorischen Ausstellung auch nicht. Vielmehr wird man aktiver Teilnehmer einer poetischen (Selbst)Befragung. In den historischen Räumen der Villa Stuck präsentiert die Künstlerin 22 Bücher, die sie bei ihrem Aufenthalt in München in Antiquariaten und bei Freunden gefunden hat. Auf Tischen, unter gläsernen Glocken positioniert, liegen diese Bücher bereit, von den Besuchern nicht auf ihren textlichen Inhalt, sondern auf einer olfaktorischen Ebene befragt zu werden. An was erinnert der Geruch des lustigen Taschenbuches, was löst der Geruch der Geschichte des Deutsch-Französischen Kriegs aus? Man wird von der Künstlerin aufgefordert, die Bücher mit geschlossenen Augen in die Hände zu nehmen, in ihnen zu blättern und an ihnen zu riechen: An den Seiten, den Nähten und an den Buchrücken. Und tatsächlich haben die jeweiligen Bücher einen ihnen eigenen, speziellen Geruch und die Skala, über die man sich gerade vielleicht noch gewundert hat, lässt einen diesen Geruch eingrenzen. Geschickt treten so die literarischen Qualitäten der Bücher in den Hintergrund und eine Poesie wird ermöglicht, die keine Wörter benötigt. In einem zweiten Raum stehen auf einem Tisch kleine Fläschchen, wie man sie aus Apotheken kennt. In ihnen sind, technisch aufwendig kondensiert, die Essenzen der Buch-Gerüche bewahrt. Das Spiel mit Geruch, Gefühl, Poesie und Literatur gelingt Hisako Inoue in ihrer Installation „Die Bibliothek der Gerüche“ auf zurückhaltende, besinnliche Art. Im ersten Stock schafft sie den Sprung vom Objekt zum Raum. Die Papier-Höhle, die sie im Alten Atelier positioniert hat schafft einen Raum, der zwar beengt ist, aber nicht bedrückend. Es ist ein Raum, in dem sich der Besucher mit seiner eigenen Wahrnehmung auseinandersetzten kann. Der Wahrnehmung von Raum, Licht, Geruch und Inhalt.
 
Es begann mit einer gemeinsamen Performance im Jahr 1972 und entwickelte sich zu einer langen künstlerischen Freundschaft. Im November zeigt die Villa Stuck die erste institutionelle Ausstellung der israelischen Künstler Efrat Natan und Nahum Tevet. Die Gegenüberstellung der beiden künstlerischen Positionen vereint differenzierte Werke, die zwischen Ansätzen von Konzeptkunst und einer neunen Materialästhetik changieren. Biographische Elemente werden zu poetischen Formen verwoben, in monumentalen Installationen werden die Bedeutungen von Raum und Objekt untersucht. Gezeigt werden Frühwerke und Dokumente von ersten gemeinsamen Aktionen zusammen mit jüngeren Arbeiten der beiden heute wichtigen Figuren der israelischen Kunstszene. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag HATJE CANTZ.

T: Quirin Brunnmeier/gallerytalk.net
 
WAS: RICOCHET #11. Hisako Inoue. Die Bibliothek der Gerüche (bis 14.1.18.) und Efrat Natan / Nahum Tevet (bis 28.1.18)
WO: Museum Villa Stuck
WEB: villastuck.de