WUT MACHT FURORE

wut


WUT MACHT FURORE

100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo, 1 Jahr WUT Kollektiv

Traum in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, den 15.11.
ich schaue auf eine map für sexuelle übergriffe, ähnlich der kürzlich lancierten copmap, und plötzlich blinkt es rot. anonymerweise wurde soeben ein vorfall an meinem arbeitsplatz markiert… ich verstehe gar nichts mehr. scheiße, wie kann das sein, wie kann das hier bei uns passiert sein??

Realität am Mittwoch-Vormittag, den 15.11.
Ich treffe die Münchner DJs Julia Bomsdorf und Katharina Ahrendt zu einem Gespräch über WUT auf Macker und München und Liebe für angstfreie Parties.
Julia und Katharina sind Teil des WUT Kollektivs, das sich unter anderem für mehr Diversität in der Münchner Clubszene engagiert. Mittlerweile hat die zugehörige Facebook-Gruppe fast 100 Mitglieder; zum harten Kern zählen um die 15 Menschen, die sich hauptsächlich in der Technoszene bewegen. Im monatlichen WUT-Cast ist zu hören, wie das Kollektiv musikalisch so aufgestellt ist: mixcloud.com/WUTMUC/wut-cast-001/

Julia kommt viel rum, ist Mitbegründern von musicBYwoman und spricht mal in Nürnberg, mal in Berlin über ihren Aktivismus. Wenn sie nicht durch die Republik tourt, organisiert sie hier in München fleißig Veranstaltungen, so zum Beispiel das queersquad in der Roten Sonne, eine monatliche Veranstaltung mit dem Schwerpunkt auf queere Techno-Djs, oder jetzt dann Anfang Dezember das Festival “Music is the ___ of the Future» im MUCCA. Tagsüber finden dort Workshops zur Vernetzung statt und abends steht sie dann selbst mit anderen WUT-Djs hinter den Plattentellern. Nächstes Jahr hat Julia sogar die Ehre das komplette Begleitprogramm für den all-female Monat “Marry Klein” im Harry Klein zu gestalten. Zum ersten Mal in der Geschichte des super feministischen Festivals kuratiert kein Mann das Programm!

An sich sind Katharina und Julia auch ganz zufrieden, es wird viel an sie herangetragen. Ihre Expertise ist oft gefragt, so zum Beispiel nach äußerst unguten Ereignissen, wie dem CC-Sommerfest Debakel. Plötzlich wenden sich Münchner Blogs an das Kollektiv und bitten um Hilfe; die sie dann allerdings wieder ablehnen, da der Awareness Flyer für ihren Geschmack doch etwas zu hardcore feministisch sei. Und à propos Awareness. Klar, die WUT Mitglieder kommen gerne zu Euch in den Club und klären auf. Aber umsonst? ehrenamtlich? Nein, das kostet! 15 € pro Stunde! “Wir sind hier nicht die WUT Gruppe für alle, die sich im Namen aller gegen sexuelle Belästigung im Allgemeinen stellt und sich um alles kümmert. Wir helfen gerne ein bisschen, aber es geht darum, dass sich alle auch wirklich Gedanken machen!” Greenwashing ist in diesem Bereich also gar nicht so einfach, wie sich das manche Diskothek hier vielleicht vorstellt.

Und doch gibt es auch hier bereits ein paar gute Ansätze: in manchen deutschen Städten ist zum Beispiel der Code “Ist Luisa da?”, dem geschulten Barpersonal oder den eingeweihten Securities zuzuflüstern, sollte man in einer unangenehmen Lage stecken. In den meisten Fällen wird sich dann um das Opfer gekümmert, aber der Täter bleibt weiterhin unerkannt im Club. Julia meint, dass es damit noch lange nicht getan ist. Die Person muss “damit konfrontiert werden, was sie gemacht hat. Wenn sowas dann als Lösung gesehen wird, denke ich mir halt auch: pfff- schön, damit macht ihr gar nichts! GAR NICHTS!”. Ein Schritt in die richtige Richtung ist es also, aber dieser muss noch viel weitergegangen werden.

WUT geht es hier vor allem darum, dass die Positionierung der Clubs gegen jede Form von Diskriminierung und Gewalt schon viel früher passiert und nicht erst nach einem Vorfall. Und diese Position kann auch mal deutlich ausgesprochen werden: “NEIN! Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt wollen wir hier nicht. Wir wollen keine Arschlöcher bei uns haben. Wenn du Leute anfasst, ohne dass sie dazu ja sagen, dann bekommst Du auch die Konsequenzen zu spüren.” Diese klare Linie vertritt WUT konsequent und nachzulesen ist sie auf Flyern und Plakaten, die sie vor allem auf ihren Partys, die regelmäßig im Harry Klein stattfinden, und sich musikalisch stark von anderen queeren Partys unterscheiden, verteilen.

Dass Feiernde in den kommenden Nächten die “WUT” des Kollektivs auf jedem einzelnen Flyer mit “Liebe” überschrieben, dafür hat Julia absolut kein Verständnis: “Wir haben uns es ja nicht ausgesucht, wütend zu sein…” Und so ist die weibliche Wut, die einem so oft abgesprochen wird, die treibende Kraft der Gruppe und veranlasst Julia und Katharina immer wieder dazu, etwas positives und produktives aus der Sache zu holen: “Wenn die anderen scheiße sind, dann kümmern wir uns halt selber drum, ich habs nicht aufgegeben, aber ich finde es unsinnig, ewig lange an Leute hinzureden & zu warten, bis irgendwas passiert, wenn es im Endeffekt eigentlich einfacher ist, alles selbst zu machen, was ja anscheinend auch funktioniert, denn bei unseren Partys ist bisher nichts passiert!”

Das WUT Kollektiv stellt mittlerweile fünf weibliche regelmäßig spielende Djs im Harry Klein und bei jeder weiteren Party sind mehr Leute im Publikum, die davor gar kein Bock mehr hatten, feiern zu gehen. Allgemein erlebe Katharina bei den eigenen Parties ein super schönes Gefühl, “so ein Geborgenheitsgefühl: du weißt du bist in diesem Club und fühlst dich bisschen mehr zuhause, da spielen leute die was können, die eine coole Einstellung haben. das macht einen dann schon sehr glücklich.” Das Tolle sei momentan aber auch der Kontakt zu anderen Gruppen, zu anderen venues, der durch die neuen WUT-Mitglieder geschaffen wird, so Katharina. Sie werden immer wieder gefragt: “Kennt Ihr nicht jemand, die da oder dort auflegen möchte?” Und um genau dieses netzwerken gehe es ja, das war laut Julia auch die Motivation das Kollektiv überhaupt zu gründen. So werden sie am 7.12. zusammen mit dem “Boysclub” KREW im Import Export eine weitere “What’s golden” Party feiern.

Die Bilanz nach einem Jahr #metoo, einem Jahr WUT, sieht also ganz gut aus, meint Julia: “Ja, in München hat sich seitdem schon was getan. Die Szene hat den Aufschrei mitbekommen. Aber es ist eben nicht damit getan, dass jetzt mehr weibliche Djs auflegen. Es geht um mehr als nur um die Binarität Männer-Frauen, auch wenn es das ist, was nach außen hin die meiste Aufmerksamkeit generiert. Wir müssen uns fragen, ob wir auch den Menschen zuhören, die nicht weiß, deutsch und privilegiert sind.” Dass in den Veranstaltungsbüros diesbezüglich noch keine Gleichstellung praktiziert und gelebt wird, bekommt man als Außenstehende oft gar nicht mit, aber genau dort muss mehr passieren.

Aber wie? Durch weitermachen! Was aber ohne eine notwendige finanzielle Unterstützung seitens der Stadt unmöglich ist. Förderanträge ziehen sich oft so lange, bis sie ihre Relevanz und Dringlichkeit verlieren. Dabei wäre auch schon ein kleiner monatlicher Betrag eine Anerkennung der Arbeit, die das WUT Kollektiv für uns alle leistet. Katharina, die selber viele Projekte hat, neben aktives Mitglied bei WUT veranstaltet sie zum Beispiel monatlich das TurnTableTennis im Import Export, gesteht sich ein: “klar, man macht das aus einem gewissen idealismus raus, weil man es mag und weil es herzensangelegenheiten sind, allerdings kann man nicht von luft & liebe leben. Man kann schon auch sagen, na gut, ich möchte dafür auch bezahlt werden. die frage ist nur, ab wann werden die projekte zu arbeit? das ist eben so eine ganz fiese grenze in der branche!” Der Arbeitsbegriff sei völlig aufgeweicht: “man kann das, was wir machen, einfach nicht nur als Freizeitspaß bezeichnen, auch wenn es schon riesen Spaß macht, vor allem das Auflegen, und man trifft auf tolle Leute mit spannenden Projekten, aber es kann auch anstrengend sein, wenn man die erste und letzte auf der veranstaltung ist und kuckt, ob auch die gäste spass haben und alles so läuft, wie man es sich vorstellt.”

Julia lebt zum Beispiel noch bei Ihren Eltern, da sich Münchner Mieten mit freelancen und viel ehrenamtlicher Arbeit nicht bezahlen lassen und es ohne Arbeitsvertrag sowieso erst gar keinen Mietvertrag gibt. Dass Ihre Eltern sie regelmäßig Samstag früh um 10 Uhr, wenn sie gerade vom Club heimkommt, beim Frühstück fragen: “Und, wie war die Party?”, glaubt ihr kaum jemand. Dass sie mit dem WUT Kollektiv einiges in dieser Stadt verändern wird, allerdings. Wer weiß, vielleicht wird in ein paar Jahren sogar im eigenen WUT Club getanzt.

Bis dahin:
Bildet Banden und holt Euch die Nacht zurück!
Text: Roxy Höchsmann

Zum Weiterlesen:
facebook.com/wutmuc
slutwalk-muenchen.blogspot.com
luisa-ist-hier.de
facebook.com/musicwomenBY