ZAR ZIP FLY ZORO

ZAR ZIP FLY ZORO


ZAR ZIP FLY ZORO – Fr. 07.09. & Sa. 08.09.

Die erste Schicht Graffiti in München. Book Release.

1983 tauchen in München neben politischen Sprüchen und Liebesbotschaften, die vereinzelt das Grau der Wände zieren, abstrakte Zeichen, seltsame Figuren und kryptische Buchstaben-Kombinationen auf. Noch bevor der Mehrheit klar war, worum es sich handelt, und noch bevor das Wort „Graffiti“ im Alltag existierte, entdeckt der Strafverteidiger Konrad Kittl auf Spaziergängen die ersten Werke, beginnt sie zu fotografieren und die Abzüge sorgfältig in Alben zu sammeln. Während bis dahin die Wände der Stadt mehrheitlich unberührt waren, verteilen sich nun bunte Bilder an Häuserfassaden, Brückenpfeilern, in den Unterführungen und entlang der S-Bahn-Linie. Kurze Zeit später ziehen Dortmund, Berlin und Hamburg nach; der Münchner Szene aber eilt bis heute der Ruf des Pioniers nach, auch weil hier die ersten Züge bemalt wurden und die damals größte „Hall of Fame“ Europas an den Dachauer Flormarkthallen entstand. Entgegen der heutigen Professionalität und Makellosigkeit vieler Graffitis, wirken die heute nicht mehr existierenden Bilder in ZAR ZIP FLY ZORO – Die erste Schicht Graffiti in München noch wie jungfräuliche Versuche an den Wänden der Stadt – das Werk von Amateuren, Anfänger nach allen Regeln der Kunst; Die Farbe läuft und deckt nicht wirklich. In diesem Herantasten, dem Lernen und dem Austoben scheint schwer in Worten zu beschreibende Besondere zu stecken. Ihre Ehrlichkeit und ihre Impulsivität machen den Charme und die Qualität aus, die heute nicht mehr reproduzierbar wäre. Die Kreativität von jungen Leuten, die sich alles selbst beigebracht haben und das malen, was sie vor ihrem inneren Auge haben, hat auch Konrad Kittl, der letztes Jahr verstorben ist, bis zuletzt so fasziniert.
Zusammen mit seinem Mitstreiter Peter Kreuzer, ebenfalls enthusiastischer Graffiti-Fotograf und Professor für Volkskunde, hat er jahrelang die Stadt nach den neuesten Pieces erkundet. Das so entstandene und noch nie gezeigte Archiv der beiden zeigt die Geburtsstunde eines kulturellen Phänomens, das aus dem städtischen Alltag der Metropolen heute nicht mehr wegzudenken ist; eine Bewegung, die über die Jahrzehnte gewachsen ist und sich auf komplexe Weise ausdifferenziert und verschiedenste Formen angenommen hat.
Klick Klack Publishing schafft mit der am 8.September 2018 erscheinenden Publikation und den darin enthaltenen unveröffentlichten Fotografien von 1983-1989 nicht nur ein wichtiges Zeitdokument, sondern lenkt den Blick auf den Kern der ursprünglichen Idee von Graffiti: „Einfach Machen!“ wie es in dem Essay des Philosophen Gregor Schliep heisst. Die Frage, was sich seit den ersten Werken von damals bis heute verändert hat, kann selbstverständlich nicht so einfach beantwortet werden. Dass Graffiti, wie andere Subkulturen in den Mainstream oder gar die Hochkultur überführt werden kann, ist kein Novum dieses Buches. Eher drängen sich sich beim Betrachten der Bilder und Lesen des Textes umso mehr Fragen und Berührungspunkte auf, wie Stadt heute überhaupt aussehen kann und soll, wer daran beteiligt wird, und was es für die Zukunft bedeutet, wie mit derartigen, schwer kontrollierbaren Elementen wie Graffiti umgegangen wird. Denn die Zeitungsartikel über die Unsummen durch Sachbeschädigung und die Degradierung der „Schmierfinken“ und den Verniedlichungen bei den Berichterstattungen legaler Aufträge, bei denen schmutzige Unterführungen von Sprühern umdekoriert werden und eine win-win Situation propagiert wird, wiederholen sich nach wie vor in regelmäßigen Abständen. Nur, was Kunst und was Vandalismus ist, scheint noch nicht geklärt zu sein – im besten Fall behauptet, aber nicht von denjenigen die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen, sondern von denjenigen, die bestimmte Interessen vertreten.

Text: Roman Häbler

WAS: ZAR ZIP FLY ZORO Bookrelease
WANN: TAG 1 07. September, GLYPTOTHEK, 19h
PRE-SCREENING
2 Kanalprojektion an der Rückseite der Glyptothek mit Fotos der ersten Schicht Graffiti in München, sowie Textauszügen des Buches
Food and Drinks, Music by Benjamin Röder (Charlie/Hytop)
TAG 2 08. September, KUNSTVEREIN MÜNCHEN, 19h
Eröffnungsrede von Chris Fitzpatrick (Direktor des Kunstvereins) und Release des Buches
WEB: klickklack-publishing.com